Wie ich auf Netflix aus purer Gemütlichkeit auf eine der besten deutschsprachigen Serien gestoßen bin...
Von Christoph Petersen — 12.09.2018 um 17:05
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Ich habe jetzt zwar schon eine Woche lang jedem persönlich die Ohren vollgesülzt, den ich getroffen habe. Aber jetzt muss es einfach auch noch da raus an die Öffentlichkeit – mein ganz persönliches Serien-Fundstück des Jahres!

Man kennt das ja vielleicht. Manchmal will man einfach was zum Berieseln, was irgendwie amüsant und kurzweilig ist, aber zugleich auch nicht so fordernd, dass man die ganze Zeit konzentriert zum Fernseher schauen müsste. Und als ich neulich nach genau so einer Serie gesucht habe, bin ich auf Netflix auf „Vier Frauen und ein Todesfall“ gestoßen. Die österreichische Serie versprach genau das, was ich wollte – ein bisschen skurrilen Lokalkolorit mit seichter Krimiunterhaltung. Genau wie diese ganzen Vorabend-Serien, die immer um 18.50 Uhr in der ARD ausgestrahlt werden, von „Hubert und Staller“ bis zum „Großstadtrevier“.

Und genau das habe ich dann auch bekommen: Vier Frauen aus dem fiktiven österreichischen Dorf Ilm ermitteln jede Woche in einem Fall, der von den Behörden als Unfall zu den Akten gelegt wurde, sich am Ende der Folge dann aber doch zuverlässig als Mord erweist. Wobei schon ab der ersten Staffel erstaunt, wie lässig mit der Schuldfrage umgegangen wird – denn wenn die Frauen einen Mörder sympathisch oder ein Opfer unsympathisch finden, dann wird der Täter einfach laufengelassen. Da kann man auch nur mit einem Auge hingucken und verpasst trotzdem nichts. Es sei denn, Adele Neuhauser taucht als resolute Julie Zirbner auf, das ist schon ab der ersten Folge pures Comedy-Gold.

Der Mann für den dunkelschwarzen Humor

Das ging dann ein paar Wochen so. Immer mal abends ein oder zwei Episoden, tut ja keinem weh. Und weil der Humor von Staffel zu Staffel immer trockener und weniger vorabendtauglich wurde, habe ich irgendwann sogar angefangen, mit eineinhalb Augen hinzuschauen. Aber auch wenn das Dorf und seine kuriosen Bewohner immer mehr zum heimlichen Star der Serie aufstiegen, blieb dramaturgisch zunächst mal alles beim Alten – ein Fall pro Woche, nichts zu sehen, bitte weitergehen.

Aber dann übernahm mit Wolfgang Murnberger das Mastermind hinter den dunkelschwarzen Brenner-Kinofilmen „Komm, süßer Tod“, „Silentium“, „Der Knochenmann“ und „Das ewige Leben“. Der hatte zwar auch in den ersten Staffeln schon immer mal wieder bei einer Episode die Regie übernommen, aber seine fünf Folgen zu Beginn der sechsten Staffel (Originalausstrahlung 2015) sind so ziemlich das Beste, was ich in diesem Jahr nicht nur in einer deutschen, sondern überhaupt in einer Serie gesehen habe. In diesem Moment wird „Vier Frauen und ein Todesfall“ nicht nur die deutschsprachige Antwort auf „Fargo“, meiner Meinung nach überholt der österreichische Dorfkrimi die US-Konkurrenz sogar noch.

Einfach alle umfahren

Die sechste Staffel beginnt mit einem Abschiedssaufgelage – und auf dem Heimweg rast plötzlich ein Polizeiauto ohne Licht durch die lustige Protagonisten-Truppe (das wiederrum würde in einer ARD-Serie wohl nie passieren). Einige geben sofort den Löffel ab, andere werden schwer verletzt. Und die Lösung des Falls zieht sich durch die ganze Staffel, während sich zugleich jeder einzelne Bewohner des Dorfes zu einer grandios treffenden Karikatur mit Kultpotential weiterentwickelt. Genialer geht gaga gar nicht – und das im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wir wissen nicht, wer da was gefrühstückt oder geraucht hat, aber gebt ihm bitte mehr davon.

Der alte Priester ist tot, erscheint aber immer noch auf dem stillen Örtchen, während der neue Priester zeitgleich die Dorfprostituierte und seine gospelschmetternde Voodoo-Hausangestellte aus New Orleans schwängert. Die Fahrradfahrer starten Anti-Auto-Protestzüge, die offensichtlich der amerikanischen Anti-Waffenbewegung nachempfunden sind, während ein vermeintlicher Schwarzer Engel versehentlich mit osteuropäischem Industrieschnaps auf Mordtour geht. Und während dem einen Polizisten von der Kollegin ein Ohr und ein Ei abgeschossen werden, woraufhin sich der midlife-kriselnde Dorf-Cop in eine Telefonaffäre mit einer Seelsorgerin stürzt, schreibt der andere in seinem Kopf einen Noir-Roman, wobei er alle neuen Zeilen laut ausspricht und so immer tiefer in seine Alter-Ego-Figur abgleitet.

Jeder Ton sitzt – das ist absurd, abgründig, urkomisch und schlichtweg brillant. Pures Kult-TV.

Ich kann das auch nicht mehr hören

Nun kann ich es voll und ganz nachvollziehen, wenn jemand sagt, dass es da draußen einfach zu viele gute Serien gibt, um sich erst einige Staffeln durch Mittelmäßiges zu wühlen, um dann auf Gold zu stoßen. Dem kann ich auch nichts entgegensetzen. Wenn ihr also einfach mal wieder eine super Serie schauen wollt, fangt nicht mit „Vier Frauen und ein Todesfall“ an. Wenn ihr aber eine Serie zum Nebenbei-Schauen sucht – dann seid ihr hier nicht nur genau richtig, ich sage euch auch voraus, dass ihr dann ab der fünften oder spätestens ab der sechsten Staffel von ganz allein tiefer in die absurd-abgründigen Geschehnisse im Dorf Ilm hineintauchen werdet.

Eine Besonderheit des Ösi-Fernsehens

Auf Netflix sind aktuell die ersten sieben Staffeln mit insgesamt 50 Episoden (jeweils ca. 45 Minuten) abrufbar. Die Staffeln acht und neun sind zwar schon abgedreht, wurden aber noch nicht mal im österreichischen Fernsehen ausgestrahlt – und dafür gibt es einen ziemlich absurden bürokratischen Grund, der so sehr nach Schildbürger anmutet, dass er auch perfekt in das Dorf Ilm hineinpassen würde: Beim ORF gibt es nämlich nicht nur ein Produktionsbudget, sondern zusätzlich auch noch ein Abspielbudget – und während im Produktionsbudget noch genügend Mittel frei waren, um die Staffeln zu drehen, gibt es nun nicht genug Abspielbudget, um sie auch auszustrahlen. Deshalb wurde die Fortsetzung erst einmal aus bilanztechnischen Gründen verschoben. Die spinnen, die Ösis!

Also meine Forderung an die Verantwortlichen des österreichischen Fernsehens: Bitte gebt die abgedrehten Folgen frei. Ich würde sie auch hellwach und ganz konzentriert mit beiden Augen gucken. Versprochen, hoch und heilig!

 

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