Einen runden Jahrestag gibt es diesen November in Berlin zu feiern. Das
„Britspotting“, das Berliner Festival für britische und irische Filme, feiert seinen zehnten Geburtstag und präsentiert dabei wieder ein hochinteressantes Programm mit Filmperlen von der Insel, die man sonst nur selten in den deutschen Kinos zu sehen bekommt. Schon in den vergangenen Jahren wurden auf dem Festival mit Filmen von Danny Boyle, Edgar Wright oder Andrea Arnold außergewöhnliche Werke gezeigt. Im vergangenen April bei der neunten Ausgabe feierte zum Beispiel Martin McDonaghs Thriller-Komödie „
Brügge sehen... und sterben?“ seine deutsche Vorpremiere auf dem Festival. Auch dieses Jahr bietet das Programm vom 13. bis zum 18. November einige Hochkaräter - mehr als 20 Spiel- und Dokumentarfilme sowie sechs Kurzfilmreihen sind im Angebot. Als Spielorte dienen das
Babylon Mitte sowie das gemütliche
Downstairskino des Filmcafés.
Gleich die doppelte Eröffnung bietet grandiose Highlights. Schon vor dem offiziellen Start gibt es bei der Warm-Up-Party im Filmcafé Steve McQueens herausragendes IRA-Drama
„Hunger“ zu sehen. Auch wenn das Werk schon auf DVD erschienen ist, ist dieser ungemein facettenreiche, akustisch wie visuell vereinnahmende Film einen Kinobesuch unbedingt wert. Zur eigentlichen Eröffnung am 13. November im
Babylon Mitte läuft Armando Iannuccis urkomische Politsatire
„In The Loop“. Gerade weil ein deutscher Kinostart des Films leider noch ungewiss ist, sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, diesen Hochkaräter mit James Gandolfini, Tom Hollander, Anna Chlumsky und einem brillanten Peter Capaldi zu sichten. Die Satire von Armando Iannucci ist nämlich voller erstklassig pointiertem Dialogwitz. Ein großer Name des britischen Kinos hat den diesjährigen Abschlussfilm inszeniert: Berlinale-Sieger (mit „In This World“) Michael Winterbottom zeigt das 2008 in Cannes uraufgeführte Psycho-Drama
„Genova“ mit Colin Firth, Catherine Keener und Hope Davis. Da der ruhige, aber eindringlich erzählte Film um einen Vater (Firth), der nach dem Tod der Ehefrau mit seinen beiden Töchtern (Willa Holland, Perla Haney-Jardine) nach Genua zieht, bislang leider noch keinen deutschen Veröffentlichungstermin hat, ist ein Besuch des Abschlussfilms für Filmfreunde fast schon Pflicht. Denn Winterbottom, der seinen Figuren mit der Handkamera auf undramatische Weise sehr nahe kommt, liefert hier seinen vielleicht besten Film ab. Hervorragend montiert er die Bilder, die eine in der Trauerbewältigung auseinanderdriftende Familie zeigen.
Willa Holland in „Genova“.
Natürlich bietet die Spielfilmsektion auch zwischen Eröffnung und Abschluss eine Menge entdeckenswerter Filme. Höchst ungewöhnlich ist
„Soi Cowboy“ von Thomas Clay. In den erstklassigen 15 Auftaktminuten entwickelt Clay im Erzählstil der Berliner Schule das Setting um einen übergewichtigen Filmemacher (Nicolas Bro) und seine zierliche, hochschwangere thailändische Freundin (Pimwalee Thampanyasan), die (fast) ohne ein Wort zu wechseln nebeneinander her leben. Dieses Setting wirft er dann aber irgendwann völlig über den Kopf, wenn die Geschichte hin zum Bruder der Thailänderin wechselt, der seinem Gangsterboss einen Kopf bringen muss. Das Ganze mündet dann in einem lynchesken Schluss, der den „Warteraum“-Szenen aus „Twin Peaks“ ähnelt und auch deren verstörendes Potential erreicht. Ein ungewöhnlicher Film, der das Publikum allerdings spalten wird. Auch auf wenige Personen (nämlich genau zwei) beschränkt ist Marek Loseys intensives Kammerspiel
„The Hide“. Zwei Fremde treffen in einer Hütte aufeinander, es entsteht ein bedrohliche Spannung, die sich in physischer und psychischer Gewalt entlädt. Überraschende Wendungen inbegriffen. Das Thriller-Drama
„Shifty“ bestätigt den Trend zur Handkamera. Die folgt die meiste Zeit dem namensgebenden Protagonisten (Riz Ahmed), der mit Drogen handelt. An einem Tag, an dem ihn sein einst bester, nur nach einem traumatischen Ereignis weggezogener Freund (Daniel Mays) begleitet, überschlagen sich die Ereignisse. Man merkt dem Erstling von Eran Creevy, der sein Handwerk als Assistent unter anderem bei Danny Boyle, Matthew Vaughn und Neil Jordan gelernt hat, durchaus die Unerfahrenheit des Regisseurs und das geringe Budget an. Trotzdem packt die, in einem dramatischen Showdown gipfelnde Geschichte. Ganz und gar nicht in die gemeinen Vorstellungen von Britkino passt
„The Last Thakur“, eine in Bangladesch spielende Rachegeschichte mit Western-Anleihen, die durch ihre Bildgewalt beeindruckt.
In die Festivalplanung integriert werden sollte auch
„Colin“. Der Zombie-Film hat ein Budget von sage und schreibe gerade einmal 45 Pfund und lief trotzdem auf den Filmfestspielen von Cannes. Aus der Perspektive eines Zombies erzählt, folgt der Film Colin (Alastair Kirton), der gebissen wird und mitten in der Apokalypse Untoter in die Vorstadt zurückkehrt. Hauptdarsteller Alastair Kirton wird auf dem Festival anwesend sein.
Nicht nur Spiel-, sondern natürlich auch Dokumentarfilme finden sich desweiteren im Wettbewerb und im Programm des Britspotting. In
„No Greater Love“ porträtiert Regisseur Michael Whyte das Leben der Nonnen des Karmeliterinnen-Ordens, die er ein Jahr lang begleitet hat. Eine höchst interessante Dokumentation, die mit nur wenigen Worten auskommt und ungewohnte Bilder, z.B. von chattenden Nonnen liefert. In
„A Complete History Of My Sexual Failures“ arbeitet Regisseur und Protagonist Chris Waitt seine gescheiterten Beziehungen auf. Die Deutschlandpremiere
„Sounds Like Teen Spirits“ wirft einen Blick hinter die Kulissen von Europas größtem Songwriting Wettbewerb für Kinder.
Chris Waitt in „A Complete History Of My Sexual Failures“.
Ein Fokus liegt traditionell auch auf den Kurzfilmen. Gleich sechs verschiedene Programmblöcke bietet das Festival an. Wer es „Twisted“ mag, kann sich zum Beispiel mit einem durchgeknallten Rotkäppchen und wildem Teenager-Sex amüsieren, aber auch für Animations- und/oder Experimentalfreunde gibt es eigene Reihen. Zum Jubiläum gibt es zudem noch einmal die besten Kurzfilme der vergangenen zehn Jahre. Das Highlight verbirgt sich allerdings hinter dem Titel
„The Contemporary Unspeakable: Three Films by Vivienne Dick”. Die außergewöhnliche irische Experimentalfilmerin Vivienne Dick zeigt drei ihrer wirklich abgedrehten Werke. Dick ist auch selbst auf dem Festival anwesend.
Wie so viele Festivals ist auch das Britspotting mehr als Kino. Zum Eröffnungsfilm „In The Loop“ am Freitag um 19.30 Uhr gibt es noch eine exklusiven
„Twinings Tea Party“ im Kino Babylon. Zu dieser reicht Starkoch Troy Lopez (vom Restaurant Rosa Caleta) kleine Leckereien. Am Samstag steigt im Filmcafé nach dem
„Shortfilmmakers Evening“ mit vielen anwesenden Gästen noch eine Karaokeparty.
Alle Spieltermine und eine Übersicht über alle Filme gibt es auf der
Website des Festivals sowie des
Kino BabylonDer Trailer zum Festival:
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