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Dominik Graf: Schläft ein Lied in allen Dingen
Von Björn Becher - 16.11.2009 - 15:43 Uhr - Kommentare: 0
Ein Buch von einem Filmliebhaber für Filmliebhaber

Kritik zum Buch „Schläft ein Lied in allen Dingen - Texte zum Film“ von Dominik Graf, herausgegeben von Michael Althen. 376 Seiten, Alexander Verlag Berlin, ISBN: 978-3-89581-210-1

Vor einiger Zeit gab es eine Debatte über die Aktualitätsgebundenheit der Filmkritik in den deutschen Feuilletons. Viele Kritiker beklagten sich darüber, dass neben der Besprechung der aktuellen Kinostarts sowie der Berichterstattung von den wichtigsten Festivals ihnen in Zeiten von Sparzwängen kein Platz mehr gelassen wird, für die Vorstellung von Filmen ohne jeden konkreten zeitlichen Anlass. Regelmäßige DVD-Kolumnen wie die von Fritz Göttler in der Süddeutschen Zeitung sind schon fast ein letzter Ort, an dem der Schreiber seinen Lesern Filmempfehlungen jenseits der Norm geben kann. Aber auch hier besteht noch die Bindung zu einer DVD-Veröffentlichung in der jüngeren Vergangenheit. Die Texte des deutschen Filmregisseurs Dominik Graf („Die Katze“, „Der rote Kakadu“, „Das Gelübde“), die unregelmäßig in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erscheinen, sind daher eine ganz besondere Perle. Sie unterliegen keinem Aktualitätsdruck, haben keine Abgabe-Termine und handeln von den Themen, die Graf gerade in den Sinn kommen. FAZ-Redakteur Michael Althen gibt nun mit „Schläft ein Lied in allen Dingen“ ein Buch heraus, in dem die Grafschen Texte gesammelt sind. Es ist eine Sammlung vielfältigster Essay, ein Handbuch zur Neu- und Wiederentdeckung der unterschiedlichsten Filme und ohne Frage eines der besten Filmbücher der jüngeren Vergangenheit.

„Schläft ein Lied in allen Dingen“ enthält nicht nur Texte, die Graf für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, sondern auch Beiträge für Zeitungen wie die Süddeutsche, Filmmagazine wie Schnitt, Revolver, epd-Film oder Steadycam oder andere Buchveröffentlichungen. Die unterschiedlichen Kapitel sind regional eingeteilt. Deutschland, Amerika, England, Frankreich (mit Zusatzkapitel „Musik“), Italien und Osteuropa haben jeweils eine Sektion, dazu gibt es neben Pro- und Epilog noch ein Kapitel „Deutsche Karrieren“, das sich mit Texten zu Wegbegleitern von Graf wie den Kameramännern Martin Schäfer („Die Katze“) und Helge Weindler („Theo gegen den Rest der Welt“) oder den Schauspielern Klaus Wennemann („Der Fahnder“, „Das Boot“) und Peter Lohmeyer („Das Wunder von Bern“) beschäftigt. Im Anhang befinden sich unter anderem noch die DVD-Empfehlungen des Regisseurs, nicht nur zu den vorher vorgestellten Filmen.


Dominik Graf (Copyright: Piffl Medien).


Dominik Grafs Texte sind vor allem eins: voll von Begeisterung für Film. Man merkt jedem Wort den Enthusiasmus seines Autors an. Grafs Entzücken über sein Sujet sprudelt manchmal über, so dass die eingestreute Anekdote, die Althen im Vorwort aus einer Mail von Graf zitiert, über einen Hofer Lehrer, der sich über Textrhythmus, Satzbau und –länge beschwert, einen nachvollziehbar schmunzelnd lässt. Aber dass Graf beim Schreiben seiner Texte von der eigenen Begeisterung davongetragen wird, ist es, was die Texte so anders, so wunderbar macht.

Graf schreibt keine Kritiken. Es sind Gedanken, Anekdoten und vor allem der Einblick eines Filmemachers in die Arbeit des Kollegen. Es sind Essays, die nicht immer einen Film zum Inhalt haben, sondern sich oftmals auch auf das Werk eines Regisseurs oder die Verfilmungen der Bücher eines bestimmten Autors erstrecken. Bei seiner Auswahl scheint es keine festen Kriterien zu geben, außer dass es die Filme irgendwo auf dieser Welt auf DVD in einer schaubaren Fassung geben muss. Er deckt zwar nur Europa und Amerika (leider kein Asien) ab, dort gräbt er aber tief und holt Perlen zum Vorschein. Er schreibt genauso über einen Stummfilmklassiker wie Murnaus „Der Gang in die Nacht“, eine Folge der TV-Serie „Der Alte“, über Coppolas Klassiker „Apocalypse Now“, Spielbergs „Minority Report“, Godard, die Nouvelle Vague, den von ihm sichtlich verehrten Nicolas Roeg, Damiano Damianis Klassiker „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ sowie die TV-Serie „Allein gegen die Mafia“ desselben Regisseurs oder einen Film wie „Kleinhoff Hotel“ von Carlo Lizzani, von dem selbst eingefleischte Italo-Fans wahrscheinlich noch nie gehört haben.


Szene aus Apocalypse Now (Copyright: Paramount).


Dominik Grafs Begeisterungsfähigkeit ist dabei gefährlich, weil ansteckend. Wer sich abends noch eins bis zwei Texte durchlesen will, findet sich vielleicht plötzlich wenige Minuten später am DVD-Regal wieder, weil er Lust auf eine Neusichtung von Claude Sautets „Mado“ oder Aldo Lados „Malastrana“ bekommen hat. Oder er nutzt die vielfältigen Shopping-Möglichkeiten des Internets und hat wenige Wochen später deutlich mehr Silberscheiben im Regal und ein umfangreiche Kreditkartenabrechnung auf dem Tisch.

Graf schlägt immer wieder Brücken, bleibt nie ausschließlich am eigentlichen Sujet des Textes verhaftet. Er kann auch mal austeilen, wenn er im Text über George Roy Hills unterschätzte John-Le-Carré-Verfilmung „Die Libelle“ einen Seitenhieb auf das „lahmarschige Milchgesichter-Polit-Kino à la Meirelles, Winterbottom und Konsorten“ einbaut. Auch die Filme, über die er schreibt, werden durchaus kritisch beleuchtet. Graf nennt handwerkliche Mängel, auch wenn die charmant sein können. Hier blickt jemand mit den Augen eines Fachmanns auf den Film. Er hat aber auch kein Problem damit, unpopuläre Thesen zu vertreten, wenn er „Apocalypse Now“ nach brillantem Beginn bescheinigt, dass sich der Film irgendwann dem Ende entgegen schleppt oder Brandos Spiel als „existenzialistischem Gefasel, ein bisschen so, als imitiere er Klaus Kinski im Halbdunkel einer New Yorker Studiobühne“ bezeichnet.

Kauftipp
Schläft ein Lied in allen Dingen:
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Für jeden Filmfreund ist Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“ ein Pflichtkauf. Ein hervorragendes Buch von einem Filmliebhaber für Filmliebhaber. Ein exzellentes (Neu- und Wieder-) Entdeckungshandbuch!

Ein Veranstaltungstipp zum Abschluss:
Dominik Graf stellt sein Buch „Schläft ein Lied in allen Dingen“ am Mittwoch, dem 18. November 2009 um 19.00 Uhr im Bücherbogen am Savignyplatz (Stadtbahnbogen 593, 10623 Berlin) vor. Der Eintritt ist frei!

Das Buch wurde mir zwecks Besprechung freundlicherweise vom Alexander Verlag Berlin zur Verfügung gestellt.




Tags: Kritik, Dominik Graf, Michael Althen, Buch
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Britspotting - Das Berliner Festival für britische und irische Filme startet...
Von Björn Becher - 12.11.2009 - 12:17 Uhr - Kommentare: 1
Einen runden Jahrestag gibt es diesen November in Berlin zu feiern. Das „Britspotting“, das Berliner Festival für britische und irische Filme, feiert seinen zehnten Geburtstag und präsentiert dabei wieder ein hochinteressantes Programm mit Filmperlen von der Insel, die man sonst nur selten in den deutschen Kinos zu sehen bekommt. Schon in den vergangenen Jahren wurden auf dem Festival mit Filmen von Danny Boyle, Edgar Wright oder Andrea Arnold außergewöhnliche Werke gezeigt. Im vergangenen April bei der neunten Ausgabe feierte zum Beispiel Martin McDonaghs Thriller-Komödie „Brügge sehen... und sterben?“ seine deutsche Vorpremiere auf dem Festival. Auch dieses Jahr bietet das Programm vom 13. bis zum 18. November einige Hochkaräter - mehr als 20 Spiel- und Dokumentarfilme sowie sechs Kurzfilmreihen sind im Angebot. Als Spielorte dienen das Babylon Mitte sowie das gemütliche Downstairskino des Filmcafés.

Gleich die doppelte Eröffnung bietet grandiose Highlights. Schon vor dem offiziellen Start gibt es bei der Warm-Up-Party im Filmcafé Steve McQueens herausragendes IRA-Drama Hunger zu sehen. Auch wenn das Werk schon auf DVD erschienen ist, ist dieser ungemein facettenreiche, akustisch wie visuell vereinnahmende Film einen Kinobesuch unbedingt wert. Zur eigentlichen Eröffnung am 13. November im Babylon Mitte läuft Armando Iannuccis urkomische Politsatire In The Loop. Gerade weil ein deutscher Kinostart des Films leider noch ungewiss ist, sollte man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, diesen Hochkaräter mit James Gandolfini, Tom Hollander, Anna Chlumsky und einem brillanten Peter Capaldi zu sichten. Die Satire von Armando Iannucci ist nämlich voller erstklassig pointiertem Dialogwitz. Ein großer Name des britischen Kinos hat den diesjährigen Abschlussfilm inszeniert: Berlinale-Sieger (mit „In This World“) Michael Winterbottom zeigt das 2008 in Cannes uraufgeführte Psycho-Drama Genova mit Colin Firth, Catherine Keener und Hope Davis. Da der ruhige, aber eindringlich erzählte Film um einen Vater (Firth), der nach dem Tod der Ehefrau mit seinen beiden Töchtern (Willa Holland, Perla Haney-Jardine) nach Genua zieht, bislang leider noch keinen deutschen Veröffentlichungstermin hat, ist ein Besuch des Abschlussfilms für Filmfreunde fast schon Pflicht. Denn Winterbottom, der seinen Figuren mit der Handkamera auf undramatische Weise sehr nahe kommt, liefert hier seinen vielleicht besten Film ab. Hervorragend montiert er die Bilder, die eine in der Trauerbewältigung auseinanderdriftende Familie zeigen.


Willa Holland in „Genova“.


Natürlich bietet die Spielfilmsektion auch zwischen Eröffnung und Abschluss eine Menge entdeckenswerter Filme. Höchst ungewöhnlich ist Soi Cowboy von Thomas Clay. In den erstklassigen 15 Auftaktminuten entwickelt Clay im Erzählstil der Berliner Schule das Setting um einen übergewichtigen Filmemacher (Nicolas Bro) und seine zierliche, hochschwangere thailändische Freundin (Pimwalee Thampanyasan), die (fast) ohne ein Wort zu wechseln nebeneinander her leben. Dieses Setting wirft er dann aber irgendwann völlig über den Kopf, wenn die Geschichte hin zum Bruder der Thailänderin wechselt, der seinem Gangsterboss einen Kopf bringen muss. Das Ganze mündet dann in einem lynchesken Schluss, der den „Warteraum“-Szenen aus „Twin Peaks“ ähnelt und auch deren verstörendes Potential erreicht. Ein ungewöhnlicher Film, der das Publikum allerdings spalten wird. Auch auf wenige Personen (nämlich genau zwei) beschränkt ist Marek Loseys intensives Kammerspiel The Hide. Zwei Fremde treffen in einer Hütte aufeinander, es entsteht ein bedrohliche Spannung, die sich in physischer und psychischer Gewalt entlädt. Überraschende Wendungen inbegriffen. Das Thriller-Drama Shifty bestätigt den Trend zur Handkamera. Die folgt die meiste Zeit dem namensgebenden Protagonisten (Riz Ahmed), der mit Drogen handelt. An einem Tag, an dem ihn sein einst bester, nur nach einem traumatischen Ereignis weggezogener Freund (Daniel Mays) begleitet, überschlagen sich die Ereignisse. Man merkt dem Erstling von Eran Creevy, der sein Handwerk als Assistent unter anderem bei Danny Boyle, Matthew Vaughn und Neil Jordan gelernt hat, durchaus die Unerfahrenheit des Regisseurs und das geringe Budget an. Trotzdem packt die, in einem dramatischen Showdown gipfelnde Geschichte. Ganz und gar nicht in die gemeinen Vorstellungen von Britkino passt The Last Thakur, eine in Bangladesch spielende Rachegeschichte mit Western-Anleihen, die durch ihre Bildgewalt beeindruckt.

In die Festivalplanung integriert werden sollte auch Colin. Der Zombie-Film hat ein Budget von sage und schreibe gerade einmal 45 Pfund und lief trotzdem auf den Filmfestspielen von Cannes. Aus der Perspektive eines Zombies erzählt, folgt der Film Colin (Alastair Kirton), der gebissen wird und mitten in der Apokalypse Untoter in die Vorstadt zurückkehrt. Hauptdarsteller Alastair Kirton wird auf dem Festival anwesend sein.

Nicht nur Spiel-, sondern natürlich auch Dokumentarfilme finden sich desweiteren im Wettbewerb und im Programm des Britspotting. In „No Greater Love“ porträtiert Regisseur Michael Whyte das Leben der Nonnen des Karmeliterinnen-Ordens, die er ein Jahr lang begleitet hat. Eine höchst interessante Dokumentation, die mit nur wenigen Worten auskommt und ungewohnte Bilder, z.B. von chattenden Nonnen liefert. In A Complete History Of My Sexual Failures arbeitet Regisseur und Protagonist Chris Waitt seine gescheiterten Beziehungen auf. Die Deutschlandpremiere „Sounds Like Teen Spirits“ wirft einen Blick hinter die Kulissen von Europas größtem Songwriting Wettbewerb für Kinder.


Chris Waitt in „A Complete History Of My Sexual Failures“.


Ein Fokus liegt traditionell auch auf den Kurzfilmen. Gleich sechs verschiedene Programmblöcke bietet das Festival an. Wer es „Twisted“ mag, kann sich zum Beispiel mit einem durchgeknallten Rotkäppchen und wildem Teenager-Sex amüsieren, aber auch für Animations- und/oder Experimentalfreunde gibt es eigene Reihen. Zum Jubiläum gibt es zudem noch einmal die besten Kurzfilme der vergangenen zehn Jahre. Das Highlight verbirgt sich allerdings hinter dem Titel „The Contemporary Unspeakable: Three Films by Vivienne Dick”. Die außergewöhnliche irische Experimentalfilmerin Vivienne Dick zeigt drei ihrer wirklich abgedrehten Werke. Dick ist auch selbst auf dem Festival anwesend.

Wie so viele Festivals ist auch das Britspotting mehr als Kino. Zum Eröffnungsfilm „In The Loop“ am Freitag um 19.30 Uhr gibt es noch eine exklusiven „Twinings Tea Party“ im Kino Babylon. Zu dieser reicht Starkoch Troy Lopez (vom Restaurant Rosa Caleta) kleine Leckereien. Am Samstag steigt im Filmcafé nach dem „Shortfilmmakers Evening“ mit vielen anwesenden Gästen noch eine Karaokeparty.

Alle Spieltermine und eine Übersicht über alle Filme gibt es auf der Website des Festivals sowie des Kino Babylon

Der Trailer zum Festival:



Tags: Britspotting, Babylon, Downstairskino, Hunger, In The Loop, Genova, Michael Winterbottom, Soi Cowboy, The Hide, Shifty, The Last Thakur, Colin, No Greater Love, A Complete History Of My Sexual Failures, Sounds Like Teen Spirits, Vivienne Dick
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Zu Halloween: Martin Scorseses Horror-Film-Tipps
Von Björn Becher - 31.10.2009 - 10:43 Uhr - Kommentare: 0
Heute Abend Lust auf einen Halloween-Filmabend, aber noch keine Ahnung was in den DVD-Player gelegt werden soll? Oscar-Preisträger Martin Scorsese, Regisseur von Meisterwerken wie „Taxi Driver“, „Goodfellas“ und „Casino“ hat nun für The Daily Beast seine Liste mit den „11 Scariest Horror Movies of All Time” - inklusive Kommentar zu jedem Film - veröffentlicht.

Hier die Liste mit Nennung von Originaltitel, deutschem Titel, Regisseur und Produktionsjahr.

1. The Haunting / Bis das Blut gefriert (Robert Wise, 1963)
2. Isle of the Dead / Die Todesinsel (Mark Robson, 1945)
3. The Uninvited / Der unheimliche Gast (Lewis Allen, 1944)
4. The Entity / Entity - Es gibt kein Entrinnen vor dem Unsichtbaren das uns verfolgt (Sidney J. Furie, 1981)
5. Dead of Night / Traum ohne Ende (Alberto Cavalcanti, 1945)
6. The Changeling / Das Grauen (Peter Medak, 1980)
7. The Shining / Shining (Stanley Kubrick, 1980)
8. The Exorcist / Der Exorzist (William Friedkin, 1973)
9. Night of the Demon / Der Fluch des Dämonen (Jacques Tourneur, 1957)
10. The Innocents / Schloss des Schreckens (Jack Clayton, 1961)
11. Psycho (Alfred Hitchcock, 1960)

Der Trailer zu Scorseses Nr. "The Haunting / Bis das Blut gefriert" von Robert Wise:




Was haltet ihr von Scorseses Liste? Was sind eure Horror-Film-Empfehlungen zu Halloween? Diskutiert in unserer Kommentarspalte…

Lesetipp




Tags: Martin Scorsese, Horror, Halloween, Listen, Web-Fundstücke
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Protectors - Auf Leben und Tod: Der neue Skandinavien-Krimi im ZDF
Von Björn Becher - 25.10.2009 - 13:15 Uhr - Kommentare: 0
Mit skandinavischen Krimis fährt das ZDF seit geraumer Zeit am Sonntagabend Erfolge ein. Die Quote stimmt immer, oft auch die Qualität. Mit „Protectors – Auf Leben und Tod“ beginnt heute Abend um 22.00 Uhr eine neue fünfteilige Krimi-Reihe. Ich habe mir vorab den ersten Film angeschaut.

Das Personenschützer-Gewerbe boomt. Stars und Sternchen umgeben sich mit immer mehr sogenannten Bodyguards. Auch Politiker brauchen professionelle Beschützer, vor allem, wenn sie in Krisenregionen reisen. Dort setzt die Krimi-Reihe an. In einer Pre-Credit-Szene besuchte der dänische Verteidigungsminister (Henrik Prip) zum Silvesterfest die in Bagdad stationierten Truppen. Durch eine leichtsinnige Aktion bringt er sich in Gefahr und einer seiner Beschützer verliert das Leben. Danach schlägt der Film erst einmal einen anderen Ton an: Parallel wird erzählt, wie mehrere junge Polizisten, darunter drei zentrale Charaktere (Soren Vejby, Cecilie Stenspil und Andre Babikian), die harte Ausbildung zum Personenschützer angehen, der Verteidigungsminister unter dem verschuldeten Tod leidet und versucht, eine außereheliche Liebesaffäre zu verheimlichen und schließlich der Vater (Dragomir Pajkovic) des Toten ihn verfolgt und irgendwann auf Rache sinnt. Als der anfängt, seinen Plan in die Tat umzusetzen, haben unsere drei Helden gerade den härtesten Part ihrer Ausbildung absolviert und sollen als Beschützer des Ministers ihre finale Prüfung absolvieren.


Die drei Helden von "Protectors - Auf Leben und Tod".
(Copyright Bild: ZDF)


Die deutsch-dänische Co-Produktion stammt von den Machern der Erfolgsserien „Der Adler“ und „Kommissarin Lund“ und wurde gerade erst für den Emmy nominiert. Produktionstechnisch kann man das verstehen. Wie so viele skandinavische Krimis der jüngeren Vergangenheit – z.B. auch der Kinohit „Verblendung“ – sieht „Protectors“ 1a aus. Leider strauchelt die Geschichte im 110 Minuten langen Eröffnungsfilm. Dieser leidet darunter, dass er erst die Charaktere einführen muss. Deren Ausbildungsszenen sind langweilig und klischeehaft. Sowohl das martialische Gehabe als auch die gesamte Thematik rund um die einzige Frau der Gruppe, die von einigen Kameraden angefeindet wird, während „von Oben“ das Interesse besteht, dass sie möglichst weit kommt, funktionieren nicht. Da sie auch noch Muslimin ist, versuchen die Autoren hier einen weiteren Brennpunkt zu eröffnen, was zumindest in der ersten Folge auch nicht wirken will. Ein zu gewollter Kniff ist auch, dass einer ihrer Kollegen persönlich in den Fall involviert ist. Er war der beste Freund des Toten, kennt dadurch auch den Vater, der nun Amok läuft. Zudem stirbt im Fortlauf des Films noch sein Cousin in Afghanistan. Dessen Beerdigung wird dann zur Härteprobe für die „Protectors“.

Deutlich besser funktioniert hier der zweite Plot, um den langsam seinen Hass aufbauenden Vater, der ein bosnischer Kriegsflüchtling ist und unter einem Trauma leidet, sowie dem Politiker, der Trubel in seinem Privatleben hat. Auch hier wird zwar manches Klischees zu viel aufgefahren und die Dramaturgie damit überstrapaziert, aber einige Ideen der Autoren gehen auf. Einen richtigen Glücksgriff landen sie mit ihrer subtil eingestreuten politischen Note. Die Debatte um den dänischen Einsatz im Irak und in Afghanistan, kann man fast eins zu eins auf Deutschland übertragen. Die EU weit gemachten Fehler natürlich sowieso…


Catic (Dragomir Pajkovic) wird von Jorgen Boas (Tommy Kenter) befragt.
(Copyright Bild: ZDF)


Mein Fazit: Der erste Film der „Protectors“-Reihe ist überraschend ruhig erzählt, bietet viel weniger Action als erwartet und sieht gut aus. Während gerade der politische Subtext zeigt, dass hier das Potential für Krimi-Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau schlummert, hat der Film größere Probleme bei der Figurenzeichnung und den Beziehungen untereinander. Mal sehen, ob sich dies im Fortlauf noch bessert.

Tags: Protectors - Auf Leben und Tod, ZDF, Kritik, TV
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Im Supermarkt mit Roland Klick
Von Björn Becher - 24.10.2009 - 12:08 Uhr - Kommentare: 4
70 Jahre alt ist Filmemacher Roland Klick im vergangenen Juli geworden, doch wenn er lautstark seinem Publikum applaudierend den kleinen Kinosaal der Tilsiter Lichtspiele betritt, einen Tisch verlangt, fast auf diesen springt und sich im Schneidersitz auf dem Tisch sitzend, den Fragen seiner Fans stellt, würde man ihn mindestens 20 Jahre jünger schätzen. Klick ist da sofort in seinem Element.


Roland Klick bei seinem Besuch der Tilsiter Lichtspiele 2008
(sah dieses Mal genauso aus)


Anlässlich seines Geburtstages zeigt das Kino all seine Lang- und Kurzfilme, zweimal ist er selbst anwesend. An diesem Freitag bei der Vorführung seines Meisterwerks „Supermarkt“ ist es der erste Besuch. Klick dankt erst einmal dem Publikum im sehr gut gefüllten Saal, dass es geblieben ist, denn sein Film hat Probleme gemacht. Bei einer Retrospektive kürzlich in Hamburg ist die Kopie wohl so mies behandelt worden, dass in den letzten 15 Minuten die Vorführung mehrfach unterbrochen wird. Die wenigen Zuschauer, die den Film noch nicht kannten, müssen dann leider auf die grandiose Schlusssequenz verzichten, die Klick aber ausführlichst und blumig, ihr voll gerecht werdend, beschreiben kann.


Charly Wierczejewski in „Supermarkt“


Auch danach ist es eine Wonne Klick zuzuhören. Mit seiner ganz eigenen Art, die man ihm böse - aber völlig falsch - als arrogant auslegen könnte, erklärt er, warum er immer die Filme gemacht hat, die er wollte, warum er dem Lockruf des hollywoodianischen Geldes weitestgehend abgesagt hat und es genauso wenig bedauert wie den Ausstieg aus „Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Klick ist von sich überzeugt und das zu Recht, wie ein Blick auf sein Œuvre zeigt. Manches mag in einer Wiedergabe aufschneiderisch klingen, z.B. wenn Klick erklärt, dass er dem späteren „Das Boot“-Kameramann Jost Vacano erst einmal das richtige Kameraführen beibringen musste und dieser die Technik, die ihn in „Das Boot“ berühmt hat, mit Klick gemeinsam bei „Supermarkt“ entwickelt hat, aber das ist nicht der Fall. Das liegt nicht nur an Klicks ungemein einnehmender und höchst sympathischer Erzählart, sondern es ist halt einfach so, wie Klick auch mal fast entschuldigend einflechtet. Wer Klick live erlebt, wundert sich auch nicht, wenn ein Zuschauer im Verlauf feststellt, dass er nach einem im TV gesehen Interview mit Klick, Fan des Filmemachers wurde, bevor er einen einzigen seiner Filme gesehen hatte. Wer die Chance hat Klick einmal live zu erleben, sollte dies unbedingt tun. Am 29.10. gibt es noch einmal die Möglichkeit. Es werden erst Kurzfilme gezeigt, danach sein herausragendes Langfilmdebüt „Bübchen“ und schließlich setzt sich Klick wieder auf einen Tisch…


Hans-Michael Rehberg und Charly Wierczejewski in „Supermarkt“


Zum Film selbst muss man wohl kaum mehr Worte mehr verlieren. „Supermarkt“ gehört zu den besten deutschen Filmen der Siebziger und im Klick-Output kann man sich nur streiten ob „Bübchen“ und „Deadlock“ vielleicht noch einen Tick besser sind, oder "Supermarkt" der Beste ist. Klick erzählt eine authentische Geschichte mit starken Figuren, die eigentlich in München oder Frankfurt spielen müsste, aber richtigerweise in Hamburg platziert wurde. Warum Klick später sagen wird, dass Kino für ihn eine klare Inszenierung braucht, wird hier schon nach wenigen Minuten deutlich. Die Szenen sind perfekt durchkomponiert und voller sitzender Details. „Supermarkt“ ist einfach ganz großes Kino!


Die weiteren Termine der Roland-Klick-Reihe:

Sa, 24.10., 20.00 Uhr: „Deadlock“
So, 25.10., 20.00 Uhr: „White Star“
Mo, 26.10., 18.00 Uhr: „Ludwig“ + „Schluckauf“
Di, 27.10., 18.00 Uhr: „Derby Fever USA“
Mi, 28.10., 18.00 Uhr: „Lieb Vaterland magst ruhig sein“
Do, 29.10., 18.00 Uhr: Vier Kurzfilme
Do, 29.10., 20.00 Uhr: „Weihnacht“ + „Bübchen“ (anschl. Gespräch mit Roland Klick)
Fr, 30.10., 18.00 Uhr: „Derby Fever USA“,
Fr, 30.10., 20.00 Uhr: „Deadlock“
Sa, 31.10., 18.00 Uhr: „Lieb Vaterland magst ruhig sein“
Sa, 31.10., 20.00 Uhr: „Supermarkt“

Zusätzliche Spieltermine vom 1.11. bis zum 4.11. …

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage der Tilsiter Lichtspiele

Der Trailer zu Supermarkt:




Tags: Roland Klick, Supermarkt, Berlin, Tilsiter Lichtspiele
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