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Die FILMSTARTS-Meinung: Rauchen ist doch sexy – zumindest auf der Leinwand
Von Jennifer Ullrich, Christoph Petersen, Andreas Staben — 31.03.2017 um 16:30
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Im Kino, in der Kneipe, im Flugzeug – unserer Meinung nach gehört das Rauchen an allen öffentlichen Orten verboten. Aber in Filmen soll bitte trotzdem weiter schön gequalmt werden.

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Fight Club“ (1999)
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In „Die Schöne und das Biest“ gab es gerade erst die erste offen schwule Figur in einem Disney-Kinofilm – aber das Rauchen hat der Mäusekonzern bereits 2015 aus allen seinen hauseigenen Produktionen verbannt! Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprang vergangenes Jahr mit auf den Zug auf und forderte höhere Altersfreigaben für Filme, in denen sich eine Figur einen Glimmstängel anzündet. In Indien müssen schon seit längerem warnende Spots vor Raucherszenen eingeblendet werden – weshalb Woody Allen seinen Film „Blue Jasmine“ 2013 sogar aus den indischen Kinos wieder zurückzog.

Natürlich sind Jugend- und Gesundheitsschutz noble Anliegen. Aber das sind die Kunst und das Kino auch – und in der Kunst geht es eben keinesfalls nur um das Schaffen blütenreiner Industrieprodukte, sondern eben immer auch um das Durchstoßen der glatten Oberfläche. Zigaretten gehören ebenso zu unserer Lebenswirklichkeit wie Handys und Cola-Dosen – sie von der Leinwand zu verbannen bedeutet, unsere eigene Welt zu verleugnen, sich zum Kino als losgelöste Utopie zu bekennen (und dann kann man natürlich leicht nach und nach noch weitere Dinge verbieten, die man auch auf der Straße gerne nicht mehr sehen würde). Es gruselt, es gruselt.

Etwas überspitzt formuliert könnte man sogar sagen: Das Rauchverbot im Film ist ein verklärendes, auf falschverstandener politischer Korrektheit fußendes Reinwaschen, das an das Vertreiben der Obdachlosen vor den Olympischen Spielen erinnert. Nur der makellose Eindruck zählt – nicht die Lebensrealität widerspiegelnde oder kommentierende wahrhaftige Momente.

Apropos Lebenswirklichkeit: Wenn wir das Rauchen rabiat aus allen Filmen verbannen, dann sind wir auch gezwungen, historische Tatsachen und kulturelle Traditionen zu ignorieren, außerdem berauben wir uns damit zugleich wunderbarer erzählerischer Möglichkeiten. Man stelle sich nur mal Sherlock Holmes ohne Pfeife vor! Oder keinen Tabak mehr in Western. Und bei Frauen wie Marlene Dietrich war das Rauchen natürlich auch ein über das Kino weit hinausreichendes Zeichen der Emanzipation – sie eroberten eine Männerdomäne und trugen mit dazu bei, dass etwa die gemeinsame Zigarette im Bett zur eleganten Leinwand-Metapher moderner Intimität werden konnte. Und die Frage nach einem Feuerzeug oder einem Streichholz hat nicht zufällig immer wieder die schönsten Liebesgeschichten in Gang gesetzt.

Und damit sind wir noch nicht mal beim ästhetischen Aspekt – denn Rauchen sieht eben im Kino oft auch einfach verdammt geil aus (wovon ihr euch auch oben in der Bildergalerie überzeugen könnt)!

Zigarettenqualm ermöglicht es, eine Figur zur gleichen Zeit zu zeigen und zu verbergen – ein unverzichtbares stilistisches Element der großen (und großartigen) Film noirs der 1940er und 1950er Jahre! Mitchum, Bogart, Bacall ohne Kippe? Nein, danke!

Oberlässig: Belmondo in „Außer Atem“
Wer gerät bitteschön nicht in freudige Verzückung, wenn Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“ das Wort „lässig“ mit Fluppe völlig neu definiert? Oder wenn Jeff Bridges in einer einzigen fließenden Bewegung eine Kippe aus der Verpackung in seinen Mundwinkel befördert? Rauchen ist im Film oft auch Verführung – und darum geht es doch im Kino!

Jeff Bridges' Kippenkunst in „True Grit“

Die Zigarette steht aber nicht nur für Sexappeal oder Gefahr, sondern auch für eine Auflehnung gegen die gesellschaftlichen Konventionen (also doch ganz passend, dass ausgerechnet Disney es verboten hat). Bestes Beispiel dafür: Jugend-Ikone James Dean in seinem Kultfilm „… denn sie wissen nicht was sie tun“.

Leinwand-Legende James Dean
Zigaretten können uns echt gestohlen bleiben, in der FILMSTARTS-Redaktion gibt es schon seit ein paar Jahren keine Raucher mehr. Aber ins Kino, da gehören sie hin, unbedingt.

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Kommentare
  • Christian W.

    Sehr richtig. Vor allem Eastwood wäre ohne die Zigarette in den Leone Western unvorstellbar. Oder Franco Nero, der das Zigarette-Anmachen in Zwei Companeros perfektioniert. Und natürlich auch in den Noir-Thrillern ist das schlicht notwendig.

    Allerdings muss man auch sagen, dass beispielsweise der Zahnstocher in Drive in Sachen Coolness locker an die Zigarette ran reicht.

  • MDMAndy

    Dann sollen sie halt als Alternative ein Tütchen nehmen : )

  • Thomas V.

    Am absurdesten finde ich den Fall mit der Audrey-Hepburn-Briefmarke, wo sie die Zigarette wegretouchiert haben. In der Bilderliste habe ich aber De Niro als Max Cody in "Cape Fear" vermisst - immerhin ein klares Plädoyer gegen Rauchen IM Kino ;-)
    Ich bin übrigens dafür, dass man bei jeder Sexszene genau sieht, wie man ein Kondom vernünftig benutzt - das wäre doch mal erzieherisch wertvoll. Woher sollen die Kids von einer Abblende her wissen, wie man das richtig macht ;-)

  • WhiteNightFalcon

    Sei mal sicher, bei der Generation James Dean und John Travolta werden einige dabei sein, die wegen deren Coolness anfingen zu qualmen.
    Oder der Song Moviestar von Harpo betont an einer Stelle auch die Coolness des Rauchens.

  • WhiteNightFalcon

    Schöner Bericht. Man sollte aber nicht vergessen, Rauchen ist eine Sucht und eine Sucht ist nicht witzig. Oder würde jemand fordern, es müsste auch mehr gezeigt werden, wie geil es ist, sich als Junkie ne Nadel zu setzen?
    Die ganzen Diskussionen wären überflüssig, würden die Leute ihr Hirn nutzen.
    Klar ist zb die erste Szene von Connery als Bond, als er sich in Dr. No die Kippe anzündet vom inszenatorischen und dramaturgischen Aufbau verdammt cool gemacht. Aber Hirn eingeschaltet sagt das, ich bin nicht Bond, ich muss nicht rauchen.

  • greek freak

    Um den grossen Meister Ozzy Osbourne zu zitieren:"Tabak ist die bescheuertste Droge überhaupt.Du wirst süchtig,ruinierst deine Gesundheit und das Zeug macht nicht mal high."
    Ansonsten,ist diese Political Correctness,die sich wie ein Fusspilz,in einer dreckigen Sauna ausbreitet,nicht mehr witzig.Als nächstens wird verlangt,das man alle Kraftausdrücke aus "Die Hard" verbannt,weil "Schweinebacke" diskriminierend ist.

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