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Fata Morgana
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Fata Morgana
Von Carsten Baumgardt
Bilder, nicht von dieser Welt. So visionär und surreal gleichermaßen, dass sie nur geübten Sehern zugänglich sind. Das an sich schon nicht leicht zu konsumierende, außergewöhnliche Lebenswerk von Arthouse-Star Werner Herzog bietet mit dem meditativen Experimentalfilm „Fata Morgana“ seinen wohl sperrigsten Vertreter. Auch wenn diese fiebrig-faszinierende, wie auch unglaublich fordernde Bilder-Collage deutliche Schwächen hat, so ist der Film aus dem Jahr 1970 doch Wegbereiter für viele der folgenden Herzog-Werke.

Ende der 60er Jahre spukte Werner Herzog eine Science-Fiction-Geschichte im Kopf herum. Fremde Wesen von einem fernen Planeten aus dem Andromeda-Nebel würden die Erde bereisen, mit ihren Augen betrachten und auf soviel Fremdes stoßen, dass selbst die Erdenmenschen sich wundern. Die Sci-Fi-Prämisse ist bei „Fata Morgana“ gewichen, aber die Perspektive im Prinzip gleich geblieben. Mit einem Mini-Team von vier Personen filmte Herzog 1969 für drei Monate in Nord- und West-Afrika, durchquerte Wüsten und andere Einöden, war dabei immer auf die Suche nach dem außergewöhnlichen Bild, das es bis dorthin nicht auf der Leinwand zu sehen gab. Bilder, die nicht von dieser Welt zu sein scheinen, es aber natürlich sind. So befremdlich, dass sich die westliche Welt darin nicht wiedererkennt, aber dennoch die Authentizität spüren kann.

„Fata Morgana“ gehört zu einer inoffiziellen Trilogie (daneben: „Auch Zwerge haben klein angefangen“, „Die fliegenden Ärzte von Ost-Afrika“) Herzogs, die zwischen 1969 und 1971 entstand und deren Teile innerhalb der Filme Anknüpfungspunkte finden und irgendwie zusammengehören, obwohl sie thematisch wenig gemeinsam haben. So landeten Aufnahmen, welche der Autorenfilmer beim Dreh von „Auch Zwerge haben klein angefangen“ und „Die fliegenden Ärzte von Ost-Afrika“ filmte, in „Fata Morgana“.

Der Film ist in drei Abschnitte unterteilt: „Die Schöpfung“, „Das Paradies“ und „Das goldene Zeitalter“. Vordergründig wird die Schöpfungsgeschichte in kryptischer Form erzählt. Die legendäre Filmhistorikerin und Herzog-Mentorin Lotte Eisner spricht ihren spröden, aber seltsam einnehmenden Kommentar über den ersten Abschnitt. Als Text dient die Schöpfungsgeschichte aus einem mythischen Buch der Maya. Mal spiegeln die Worte Eisners die Gesehene auf der Leinwand wider, mal tritt aber auch der genaue Gegenteil ein. Hier hat „Fata Morgana“ seinen Schwachpunkt. Während die visionäre Kraft der hochstilisierten Bilder von Herzog-Stammkameramann Jörg Schmidt-Reitwein („Jeder für sich und Gott gegen alle“, „Herz aus Glas“, „Woyzeck“, „Nosferatu - Das Phantom der Nacht“) eine starke Faszination hervorruft, bleibt der Text teils von dem Leinwand-Geschehen isoliert, weil er so bizarr ist. Bizarrer gar als die Bilder selbst, was schon einem Kunststück gleichkommt.

Neben wundervollen Naturaufnahmen sind es vor allem Menschen, die Herzog interessieren. Menschen fern des westlichen Zivilisationsempfindens. Menschen wie zwei Arbeiter beim Kalklöschen, ein gestrandeter Berliner Waran-Fanatiker, Eingeborene, Dorf-Kinder vom afrikanischen Lande oder ein Schildkröten-Forscher. Sie wirken allesamt wie nicht von dieser Welt. Das ist auch das Zentrum des Herzog’schen Anliegens und nicht die Schöpfungsgeschichte. Er wollte Bilder suchen, die den Menschen unbekannt waren und die eine entfremdete, ferne Welt repräsentieren. Von dieser Magie der kontrastreichen Aufnahmen lebt „Fata Morgana“, während die Verknüpfung von Wort und Bild nicht durchgehend funktioniert.

Schon der Einstieg vermittelt exemplarisch, was den Betrachter erwartet. Herzog beobachtet auf dem (ehemaligen) Flughafen München-Riem landende Flugzeuge. Nicht besonderes eigentlich. Aber durch die Stilisierung der Farben, die extreme Kontraste in grün, blau und rot hervorrufen, entwickelt das Bild etwas von einem beweglichen Gemälde. Diesen Stil perfektionierte Herzog später in „Stroszek“ (1977). Die Abgase des Flugzeugs ziehen in der flimmernden Hitze der Szenerie einen leichten Dunstschleier hinter sich her, der sich wie ein sanfter Nebel über die Leinwand legt. Diesem Schauspiel wohnt Herzog lange bei. Sehr lange. Fast fünf Minuten. Dieses Prinzip verfolgt er durch den ganzen Film, ja eigentlich durch seine gesamte Karriere. Ohne diese Brandbreite würden diese Szenen nicht funktionieren, meint der Exzentriker. Unterlegt sind die oft hypnotischen Collagen mit Musik von Johnny Cash und Leonard Cohen bis hin zu Beethoven und Händel. Hier wirkt „Fata Morgana“ am stärksten, am einflussreichsten, wenn Herzog einfach die Bilder für ihn arbeiten lässt und ihm nicht die sperrigen Texte im Weg stehen.

„Fata Morgana“ bietet keine Geschichte. Nicht einmal einen Ansatz dessen. Der Film wandelt irgendwo zwischen Dokumentation, Collage, Essay, Fieberfantasie und Fiktion. Zwischen Hoffnung, Melancholie und Tristesse. Unter all dem Verfallenden und Hoffnungslosen keimt immer ein Fünkchen Zukunftsglaube auf. „Fata Morgana“ ist mit Sicherheit Herzogs ungewöhnlichstes Werk. Dass dieses Projekt überhaupt möglich war, verdankt der Filmemacher übrigens der eigenwilligen Auslegung seiner Ideale. „Ich dachte, ich habe ein Naturrecht auf eine Kamera“, so Herzog. Er klaute schlicht eine Arriflex 35 aus dem Deutschen Filminstitut in München aus einem offenen Schrank... und nutzte das „enteignete“ Gerät noch für neun weitere Filme...
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