Wenn Edward aus einem der verwinkelten Fenster des ewig in Dunkelheit getauchten Schlosses schaut, blickt er auf die bonbonfarbenen Häuschen und akkurat gepflegten Gärten des Vorortes herab, der wie eine Spielzeugstadt friedlich am Rande des Schlossberges liegt. Der Kontrast der beiden Welten könnte optisch extremer nicht sein und trotz seiner Verlassenheit käme der künstliche Mensch mit kindlichem Gemüt wohl nie auf die Idee, diese bunte Welt für sich selbst zu entdecken. Doch die unkomplizierte Peg kümmert seine Andersartigkeit nicht. Sie empfindet lediglich Mitleid mit ihm und schleift Edward schnurstracks mit in eine für ihn fremde und - wie sich herausstellt - nur auf den ersten Blick wohlgesinnte Welt. Peg hat keine Berührungsängste oder Vorurteile gegenüber Edward, sieht nur das liebenswerte, verstörte Wesen und nicht die Gefahr, die von den scharfen Scheren des künstlichen Monsters ausgehen könnte. Die meisten anderen Menschen in Burtons märchenhafter Parabel über Toleranz sind hingegen überspitzt dargestellte Vertreter einer typischen amerikanischen Kleinstadt, die von Langeweile, Sensationsgier und engstirnigen Welt- und Moralansichten geprägt sind.
Tim Burton (
Batman,
Mars Attacks,
Charlie und die Schokoladenfabrik,
Sweeney Todd) spielt seine Kreativität in der schnörkellos-stringenten Märchenerzählung „Edward mit den Scherenhänden“ voll aus und begeistert mit einfaltsreichen Sets und verrückten Ideen, die von den Kompositionen Danny Elfmans kongenial umspielt und ergänzt werden. Dabei lässt Burton in seinem Außenseiterdrama, das das wohl sentimentalste und auch persönlichste Werk seines Oeuvres ist, Elemente der beiden Kurzfilme mit einfließen, die seine Regiekarriere mit begründeten. Zum einen übernimmt er die Frankensteinthematik und die Ablehnung gegenüber Andersartigkeit aus seinem halbstündigen Film „Frankenweenie – Der kleine, süße Horrorhund“, in dem ein kleiner Junge seinen toten Hund mittels Elektrizität ins Leben zurückholt. Zum anderen spielt Burton gekonnt mit den Gegensätzen von behütetem Familienidyll und bedrohlicher Horror- und Gothicatmosphäre, wie er es zuvor auch schon in seinem preisgekrönten Kurzfilm „Vincent“ tat. Zudem ist Vincent Price, in dessen Horrorfilmwelten sich der kleine Vincent im Kurzfilm hineinträumt, in „Edward mit den Scherenhänden“ in seiner letzten Kinofilmrolle als Schöpfer Edwards zu sehen, der noch vor der Vollendung seines künstlichen Menschen stirbt.
„Edward mit den Scherenhänden“ verhalf Johnny Depp zum endgültigen Durchbruch auf der Kinoleinwand und führte außerdem das kreative Dreigestirn des skurill-fantasievollen Films zusammen: Während Burton und Komponist Elfman bereits seit „Pee-wees irre Abenteuer“ vortrefflich zusammenarbeiten, trafen Depp und Burton erstmals beim Casting für die Rolle des Edward aufeinander, für die sich unter anderen auch Tom Cruise und Robert Downey Jr. beworben hatten. Johnny Depp (
Ed Wood,
Dead Man,
From Hell,
Fluch der Karibik) zeigt hier eine der besten schauspielerischen Leistungen seiner Karriere. Mit minimalem Sprachanteil gelingt es ihm, die kindliche Verletzlichkeit und Naivität Edwards herauszuarbeiten und ihn trotz seines angsteinflößenden Äußeren, das an klassische Horrorfilme erinnert, als empfindsames und verstörtes Wesen darzustellen, das seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat. Mit unübersehbaren Reminiszenzen an die Schauspielkunst der Stummfilmzeit sorgt er dafür, dass Edward trotz seiner Künstlichkeit und seinem fehlenden emotionalen Ausdruck die Sympathie des Publikums zufliegt. Neben ihm glänzt auch Dianne Wiest (
Hannah und ihre Schwestern,
Der Pferdeflüsterer)) als herzensgute Make-Up-Beraterin Peg. Die Rolle der Filmtochter Kim stemmt Winona Ryder (
Durchgeknallt - Girl Interrupted,
A Scanner Darkly) mit Leichtigkeit.
„Edward mit den Scherenhänden“ ist die traditionelle Geschichte eines unverstandenen Außenseiters im verspielt-einzigartigen Burton-Gewand. Der Film begründet den Anfang der erfolgreichen Zusammenarbeit des Kreativduos Burton und Depp und glänzt mit ungewöhnlichen Setdesigns sowie fantasievollen Ideen. Das Filmmärchen über einen künstlichen Menschen in einer pastellfarbenen Vorstadtwelt strotzt zwar vor Sentimentalität, aber eben auch vor Kreativität und Verspieltheit und ist damit ein wahres Fest für Freunde des skurrilen Burton-Stils.
Ulf Lepelmeier