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    Ilsa - The Wicked Warden
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Ilsa - The Wicked Warden
    Von Björn Becher
    Jesus „Jess“ Franco gilt auch heute noch als der Maestro des Frauengefängnisfilms und die dreiteilige Ilsa-Reihe steht an der Spitze der Werke dieses Grindhouse-Subgenres. So verwundert es ein wenig, dass Franco keinen der drei Ilsa-Filme inszeniert hat. Naja, fast keinen. Ende der Siebziger produzierte der Schweizer Filmmogul Erwin C. Dietrich einen inoffiziellen Teil und übertrug Franco die Regie. Aus Lizenzgründen kam der Film mit der (von den Rechteinhabern der Originalreihe ausgeliehenen) „Ilsa“-Darstellerin Dyanne Thorne in ihrer gewohnten Hauptrolle als brutale Lagerkommandantin im Januar 1977 unter dem Titel „Greta - Haus ohne Männer“ in die deutschen Kinos. Erst später wurde das natürlich mit nackten Frauen nicht geizende Werk in „Ilsa - The Wicked Warden“ umgetauft und wird daher heute auch oft als dritter Teil der vierteiligen Filmreihe ausgewiesen. Unter diesem Titel findet sich der Film auch gemeinsam mit dem Erwin-C.-Dietrich-Werk The Swinging' Stewardesses in der ersten DVD einer passend zur Tarantino/Rodriguez-Hommage gestarteten Reihe „Masters Of Grindhouse“.

    In einem südamerikanischen Land dominiert in einer psychiatrischen Anstalt für Frauen der Terror. Anstaltsleiterin Greta (Dyanne Thorne) erniedrigt die Frauen zu sexuellen Sklavinnen für sich, ihre Aufseher und die Produzenten von Foltersexfilmen. Widerrede und Aufsässigkeit werden mit Grausamkeit bestraft, wer zu fliehen versucht, muss mit dem Tod rechnen. Der Arzt Dr. Milton Arcos (Regisseur Jess Franco in einer Nebenrolle) glaubt schon lange, dass hinter den Mauern der Anstalt mit unzeitgemäßen und barbarischen Methoden gearbeitet wird. Gemeinsam mit der sich für einen humanen Strafvollzug in aller Welt engagierenden Rosenthal-Stiftung würde er gerne die Vorgänge genauer untersuchen, doch leider fehlen ihnen dafür konkrete Anhaltspunkte. Umso erfreuter ist er, als sich ihm die Möglichkeit offenbart, einen Spitzel einzuschleusen. Abbie Phillips (Tania Busselier) hat eine Schwester in der Anstalt und deren Schicksal ist nach einem Fluchtversuch ungeklärt. Abbie will sich freiwillig einweisen lassen, um ihre Schwester zu finden und Aufseherin Greta das Handwerk zu legen. Doch in der Anstalt angekommen, gerät sie schnell in den Fokus der Leiterin sowie der Insassin Juana (Francos Ehefrau Lina Romay), welche ein strenges, zweites Regiment über die Mithäftlinge führte. Was Abbie noch nicht ahnt: Juana ist zudem die Geliebte von Greta und ihr Spitzel.

    Der zu den bedeutendsten Trivialfilmern Europas gehörende Jess Franco, der sich in den Augen der katholischen Kirche in den 70er Jahren mit Luis Bunuel den Titel als „gefährlichster Filmemacher“ teilte, kann hier natürlich aus dem Vollen schöpfen. Viele leicht bekleidete Frauen (um das zu erleichtern, herrscht in der Anstalt ein „Schlüpferverbot“, was bedeutet, dass die Damen nur ein dünnes Hemd tragen dürfen) und Folterinstrumente, genau die Zutaten, die er braucht, um seinen bisweilen geschmacklosen, teilweise aber auch unterhaltsamen Schund zu inszenieren. „Ilsa - The Wicked Warden“ spielt dabei zwar nicht in einer Liga mit den Franco-Karrierehöhepunkten wie „Vampiros Lesbos“, „Jack The Ripper“ (mit Klaus Kinski), „Necronomicon - Geträumte Sünden“ oder „Nachts, wenn Dracula erwacht“ (mit Christopher Lee und Klaus Kinski), reiht sich aber trotzdem eher in der zweiten Kategorie ein.

    Dem Genre getreu ist Francos Film voll trashiger Elemente, weidet sich auch durchaus an seinen Folterszenen (ist dabei aber erträglicher und harmloser als vergleichbare Werke), hat aber auch eine kräftige Spur Ernsthaftigkeit. Die Auseinandersetzung mit den diversen Methoden des Strafvollzuges erscheint nicht nur als Selbstzweck, sondern durchaus ehrlich. Gepaart wird dies mit unterhaltsamen Momenten, einem insgesamt sehr ordentlichen Spannungsaufbau und einem kontroversen Finale, welches an Kannibalenfilme erinnert. Frei von Kinderkrankheiten ist Francos Werk trotzdem nicht. Manche Szenen überschreiten die Grenze zur Lächerlichkeit deutlich, gerade einige Masturbationsszenen haben aus heutiger Sicht keine erotische Wirkung, sondern lassen einen nur müde lächeln. „Unterstützt“ wird dies vom Niveau der Darstellerinnen, die gerade in Momenten der Ekstase ihrem Spiel jede Glaubwürdigkeit vermissen lassen. Die rühmliche Ausnahme bildet da Dyanne Thorne, die in ihrer Paraderolle wunderbar den Spagat zwischen glaubhafter Terror-Diktatorin und selbstironischer Karikatur schafft.

    „Ilsa – The Wicked Warden“ entstand in einer nur zwei Jahre dauernden, aber fast ein Dutzend Filme hervorbringenden Kooperation von Exploitation-Wanderarbeiter Franco und dem Schweizer Selfmade-Filmmogul Erwin C. Dietrich, der mit Heimatfilmen, Sexklamotten und später (als er seriöser wurde) Söldnerfilmen (u.a. „Die Wildgänse kommen“) zu Ruhm und Geld kam. Die für beide Seiten sehr erquickliche Zusammenarbeit begann 1975 mit dem Film „Das Frauengefängnis“ und wäre beinahe beendet gewesen, bevor sie anfing. Dietrich gefiel der Film nicht und er brachte ihn nur mit Widerwillen in die Kinos. Zudem gab es für ihn bei einer Filmmesse eine weitere böse Überraschung. Bei einem französischen Konkurrenten sah er die Werbung für den Jess-Franco-Film „Des Diamants Pour L'Enfer“ (int. Titel: „Women Behind Bars“). Selbes Sujet, genau die gleichen Darsteller und der gleiche Drehort. Franco hatte während der Arbeiten an „Das Frauengefängnis“ mit Dietrichs Material (und damit auf dessen Kosten) heimlich noch einen zweiten Film gedreht um alte Schulden zu begleichen. Das entsprach Francos legendärer Arbeitsweise. Er machte immer wieder Zusatztakes, die selbst die Darsteller nicht einordnen konnten. Oft nutzte er das Material erst viel später für Filme, die er damals beim Dreh höchstens rudimentär im Kopf hatte. Das sorgt zum Beispiel dafür, dass sich in der Filmographie von „Herr der Ringe“-Darsteller Christopher Lee ein Sexfilmchen wie De Sades Eugenie - Die Jungfrau und die Peitsche findet und Filmhistoriker und –Kritiker oft diverse Franco-Filme durcheinander werfen. Dietrich löste damals die Verbindung schließlich doch nicht, da er ein schlauer Geschäftsmann war. „Das Frauengefängnis“ (erscheint übrigens in Masters of Grindhouse Vol. 3) war ein Kassenerfolg in der Heimat und vor allem auch ein Exportschlager gen Amerika.

    Nach „Das Frauengefängnis“ war „Ilsa – The Wicked Warden“ Francos zweiter „Women In Prison“-Flick für Dietrich (für andere Produzenten lieferte er schon zuvor Filme in diesem Subgenre ab) und steht in bester Tradition der, neben Franco vor allem von Produzent Roger Corman in den Siebziger Jahren mit Filmen wie „The Big Doll House“ oder „Caged Heat - Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen“ (inszeniert von Das Schweigen der Lämmer-Regisseur Jonathan Demme) vorangetriebenen Filmgattung. Nicht nur Dank des Regisseurs und der Kult-Darstellerin Dyanne Thorne, sondern auch wegen seiner inhaltlichen Vorzüge ist er ein absolutes Must-See für Genrefans und zudem auch Neueinsteiger geeignet.

    Diese Kritik ist Teil der Retrospektive FILMSTARTS.de goes Grindhouse.
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