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Der König der Löwen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Der König der Löwen
Von FILMSTARTS FILMSTARTS
Von Felix Kothe - Nach mehr als 50 Jahren erfolgreicher Zeichentrick-Geschichte versuchten sich die Walt Disney Studios 1994 erstmals an einem komplett eigenständigen Film. „Der König der Löwen" basiert im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern nicht auf Märchenerzählungen oder Romanvorlagen, sondern entsprang vollständig den Köpfen der Autoren. Das Regisseursgespann, bestehend aus Roger Allers und Rob Minkoff, erwies sich dabei als Glücksgriff und schuf einen hervorragenden Zeichentrickfilm, der sich nicht hinter Klassikern wie Wolfgang Reithermans „Das Dschungelbuch" verstecken braucht.

Rotglühende Sonnenstrahlen durchfluten die afrikanische Savanne und erwecken die einheimische Tierwelt zum Leben. Eine bildgewaltige Eröffnungsszene schraubt die Messlatte für künftige Animationsfilme bereits nach den ersten zwei Minuten ein ganzes Stück höher. Dynamische Afrika-Panoramen führen den gebannten Zuschauer in die Geschichte um den Kreislauf der Natur ein. Löwenjunge Simba, der Thronerbe des geweihten Landes, erblickt das Licht der Welt. In der Obhut seines Vaters, des gerechten Herrschers Mufasa, wächst er auf und lernt, jegliche Geschöpfe als Teil des „ewigen Kreises des Lebens" zu respektieren. Nach kurzer Zeit wird klar: Das Familienleben läuft wie geschmiert. Wenn da nur nicht Scar, der von Eifersucht getriebene Bruder des Königs wäre. Dieser strebt nach dem Thron des geweihten Landes und sieht in seinem neugeborenen Neffen ein zu überwindendes Hindernis. Die anfangs recht harmlose Kinderunterhaltung entwickelt sich im Laufe der knapp 90 Minuten zu einem packenden Zeichentrick-Drama, das trotz klischeehafter Gut-Böse-Thematik das Genre in nahezu allen Belangen perfektioniert.

„Der König der Löwen" überzeugt insbesondere da, wo viele moderne 3D-Animationen versagen und was auch für klassische Zeichentrickfilme nicht immer eine Selbstverständlichkeit war: die liebevollen Charaktere. Jedes Individuum wurde mit solcher Hingabe zu Papier gebracht, dass dem Zuschauer oftmals ein einziger Blick genügt, um das Wesen von Protagonist und Antagonist zu verstehen. Die makellose Storyführung unterstreicht diesen Aspekt zusätzlich. Man fiebert fast unbewusst mit, wenn Mufasa seinen Sohn vor einer Herde in Panik geratener Gnus retten will, oder gegen Ende des Films der finale Kampf zwischen Simba und Scar entbrennt. Der Draufgänger Timon und das sensible Warzenschwein Pumbaa lockern die recht ernste Handlung hingegen mit einem Schuss Humor auf. Die Macher finden mit viel Witz und Gefühl eine sehr emotionale Balance zwischen zwei völlig gegensätzlichen Genres, ohne dabei auf komödiantisches Kitsch-, oder pseudodramatisches Schnulzenniveau abzudriften. Von dieser Kunst der Charakterzeichnung kann sich so manch anderer Film eine Scheibe abschneiden.

Mufasa: „Everything you see exists together in a delicate balance. As king, you need to understand that balance and respect all the creatures, from the crawling ant to the leaping antelope." Simba: „But, dad, don't we eat the antelope?" Mufasa: „Yes, Simba, but let me explain. When we die, our bodies become the grass, and the antelope eat the grass. And so we are all connected in the great circle of life."

Wirft man einen Blick hinter die Kulissen, kommen zudem viele tiefgründige Weisheiten ans Tageslicht – in erster Linie die Botschaft, nicht vor seinen Problemen davon zu laufen, sondern sich ihnen zu stellen. Glücklicherweise wird dem Zuschauer zu keinem Zeitpunkt das Gefühl vermittelt, mit spießigen Belehrungen malträtiert zu werden. Der ewige Kreis des Lebens – Dreh- und Angelpunkt des Films – verdeutlicht insbesondere in den Eröffnungs- und Schlusssequenzen die heikle Thematik von Ende und Neuanfang. Der Generationswechsel und der damit einhergehende Verlust eines Familienmitglieds verzichten auf übermäßige Tragik und werden als ökologisch korrekter Kreislauf der Natur hervorgehoben. Allers und Minkoff gehen auf das Thema Tod sehr besonnen und vorsichtig ein, vermitteln die Sterbeszenen zugleich jedoch in ihrer vollen Ernsthaftigkeit und Grausamkeit. Selten wurde dem Disney-Publikum ein verstorbener Hauptcharakter deutlicher vor Augen geführt. Dieser gewagte Schachzug könnte sich auf die jüngsten Zuschauer unter Umständen etwas abschreckend auswirken, rundet den dramaturgischen Part jedoch eindrucksvoll ab.

Für die musikalische Untermalung griff Disney ganz tief in die Trickkiste. Das Duo Tim Rice/Elton John zeichnet für die stimmigen Gesangseinlagen verantwortlich und gewann mit „Can you feel the love tonight" sogar den Oscar für den besten Filmsong. Dass auch das Eröffnungslied „Circle Of Life" sowie das lustig-fluffige „Hakuna Matata" für eben jene Auszeichnung nominiert wurden spricht für sich. Letzteres avancierte aufgrund seiner Popularität schnell zum Kultsong und steht Balus weltberühmtem „Bare Necessities" in nichts nach. Darüber hinaus beweist Star-Komponist Hans Zimmer einmal mehr sein musikalisches Talent und kreierte in Zusammenarbeit mit dem afrikanischen Sänger Lebo M. einen der schönsten Soundtracks der Filmgeschichte. Die ausdrucksstarken Melodien, angereichert mit einem Hauch Afrika, untermalen romantische, amüsante, spannende und traurige Momente vortrefflich und machen einen großen Teil der Atmosphäre aus. Immerhin: Zimmer wurde für seine Leistung mit dem Oscar für die beste Filmmusik ausgezeichnet.

Wenn es überhaupt etwas gibt, das den akustischen Gesamteindruck minimal zu trüben weiß, dann ist es die deutsche Synchronisation. Diese entspricht zwar dem gewohnt hervorragenden Disney-Standard, hält einem Vergleich mit dem Original jedoch nicht stand – was zwar nicht unbedingt als Minuspunkt angesehen werden muss, aber zumindest erwähnt werden sollte. Wer über die entsprechende Sprachkenntnis verfügt, möge den Streifen daher unbedingt in seiner englischen Fassung genießen. Dafür spricht allein schon die lebendiger wirkende Lippensynchronität. JJames Earl Jones, welcher bereits Darth Vader aus „Krieg der Sterne" die Stimme lieh, brilliert mit seiner verbalen Interpretation des Königs der Tiere, ebenso wie Jeremy Irons, der deutlich hörbar seine Freude am Vertonen des aalglatten, hinterlistigen Scar hatte. Weitere namhafte Hollywood-Größen wie Matthew Broderick, Whoopi Goldberg, Nathan Lane und Rowan Atkinson sind ebenfalls mit von der Partie.

„Der König der Löwen" ist ein unglaublich atmosphärischer Film, der sich zwischen Drama, Komödie, Musical und Abenteuer gleichermaßen bewegt. Während der gesamten Laufzeit darf gelacht, mitgefiebert und geweint werden, was das Zeug hält. Und spätestens wenn sich der Geist Mufasas als Wolkengestalt über den gigantischen Horizont erstreckt und den Zuschauer mit brachialer Bildgewalt, dem bombastischen Soundtrack und der markerschütternden Originalsynchronstimme von James Earl Jones förmlich in den Sessel drückt, kippt auch die letzte Kinnlade der Zeichentrickjünger runter. Da bleibt abschließend nicht mehr viel zu sagen. Es ist beachtlich, was Disney trotz vieler Produktionsschwierigkeiten auf die Beine gestellt hat. Regisseure wurden ausgetauscht, Mitarbeiter wechselten zum zeitgleich in der Mache befindlichen Pocahontas und das Drehbuch musste sich zahlreichen Generalüberholungen unterziehen. Dennoch etablierte sich der Streifen mit einem weltweiten Einspielergebnis von 791 Millionen Dollar in den Top 25 der erfolgreichsten Filme aller Zeiten und kann auch heute noch als Paradebeispiel für anderthalb Stunden perfekte Familienunterhaltung angesehen werden.

Fazit: Roger Allers und Rob Minkoff kreierten ein schnörkelloses Meisterwerk, das sich aus witzigen Gags, einer herzergreifenden Liebesgeschichte sowie einer Portion Lebensweisheit zusammensetzt und einen inszenatorisch rundum gelungenen Gesamteindruck hinterlässt. Wer diesen letzten großen Zeichentrick-Klassiker vor Anbruch der Animationsfilm-Ära noch nicht gesehen hat, möge es unverzüglich nachholen.
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