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    Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford
    Von Christoph Petersen
    Der Gesetzlose Jesse James war schon zu seinen Lebzeiten sagenumwobener Held zahlreicher Groschenromane, avancierte so bereits vor mehr als 130 Jahren zu einem der ersten amerikanischen Medienstars. Auch in Hollywood hatte der Verbrecher stets seinen Stand als ikonenhafte Heldenfigur sicher - egal ob in Lloyd Ingrahams „Ein Bandit von Ehre“ (1927), in Henry Kings „Jesse James – Mann ohne Gesetz“ (1939) oder zuletzt in Les Mayfields „American Outlaws“ (2001), immer galt es, zu dem Banditen Jesse James aufzublicken. Am ehesten wagte es noch "...denn sie wissen nicht, was sie tun"-Regisseur Nicholas Ray mit „Rächer der Enterbten“ (1957), dem unverdienten (?) Heldenruhm entgegenzutreten, indem er James als rücksichtslosen, ruhmgeilen Mörder darstellte. Doch so weit wie Autor Ron Hansen in seinem Roman „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ hatte es mit der Entmystifizierung der Western-Ikone wohl zuvor noch niemand getrieben. Gerade diese ungewöhnliche Perspektive auf eine altbekannte Geschichte reizte den neuseeländischen Filmemacher und Drehbuchautor Andrew Dominik, der in der Kinoverfilmung seinen nach dem Gewalt-Drama Chopper erst zweiten Film abliefert.

    1881: Der berühmt-berüchtigte Verbrecher Jesse James (Brad Pitt) ist alt geworden, mit 34 Jahren hat er mit seiner stark angeschlagenen Gesundheit, Paranoia und schweren Depressionen zu kämpfen. Gemeinsam mit den Ford-Brüdern Robert (Casey Affleck) und Charley (Sam Rockwell) plant er seinen letzten großen Clou, um sich danach zu seiner Frau (Mary-Louise Parker) und seinen beiden Kindern zurückzuziehen. Doch das Verhältnis der drei ist von tiefem Misstrauen geprägt. Schließlich tötet Robert Jesse, indem er ihn von hinten erschießt. „Die Ermordung...“ handelt von den Monaten vor dem folgenschweren Schuss: Wie kam es dazu, dass der unsichere, erst 19 Jahre alte Robert, der Jesse stets als sein größtes Idol verehrte, das fertig brachte, wozu die Sheriffs gleich mehrerer Staaten zuvor nicht in der Lage gewesen waren...

    An vorderster Front stehen - neben den ausladenden Landschaftspanoramen – ganz klar die Darsteller. Revolverduelle oder Barschlägereien sucht man weitestgehend vergeblich, „Die Ermordung...“ ist zurückgenommenes Schauspielerkino, wie es im Buche steht. Wenn er mit vollem Bart und dickem Pelzmantel im Schritttempo durch den Schnee reitet, dabei jede Kleinigkeit in seiner Umgebung im Auge behält, verkörpert Superstar Brad Pitt (Babel, Troja, Sieben, Fight Club, 12 Monkeys) das Ideal des abgebrüht-zynischen Westernhelden in Perfektion. Doch es sind mit Sicherheit nicht diese Szenen, für die Pitt den Darstellerpreis der Filmfestspiele in Venedig in Empfang nehmen durfte. Vielmehr begeistert er besonders in jenen Momenten, in denen die heldenhafte Fassade kurzzeitig wegbricht, der ängstliche, depressive, ausgelaugte Mensch dahinter zum Vorschein kommt. Pitts Gegenspieler Robert Ford wird von Ben Afflecks Bruder Casey (Ocean´s Eleven, Gone Baby Gone) verkörpert. Dabei wandelt Affleck mit seiner extrovertierten Darstellung des unsicheren Feiglings stets am Rande zur Karikatur, ohne diese Grenze jedoch auch nur einmal zu überschreiten. Die Nebenrollen sind mit Western-Ikone Sam Shepard (Der Stoff aus dem die Helden sind, Don´t Come Knocking, Bandidas), „Weeds“-Star Mary-Louise Parker (Red Dragon, Saved, Grand Canyon) und Sam Rockwell (Geständnisse - Confessions Of A Dangerous Mind, Joshua) ebenso erstklassig besetzt.

    Ron Hansen bedient sich in seinem Roman einer interessanten Perspektive, um den Menschen hinter Jesse James zu entlarven. Dabei zeichnet er zugleich ein vielschichtiges, differenziertes Bild von Mut und Feigheit, das Regisseur Dominik stimmig in seinen Film übernimmt. Spoiler! In Wahrheit ist der Mord, auch wenn Robert den Schuss abgibt, Selbstmord. Von Depressionen und schwerer Krankheit geplagt, will Jesse nicht mehr leben, redet sogar von Suizid. Doch er ist zu feige, um selbst abzudrücken. Deshalb manipuliert er Robert, um die Aufgabe für ihn zu erfüllen. In der Mordszene legt Jesse zunächst demonstrativ seinen Pistolengürtel ab, steigt dann absichtlich mit dem Rücken zu Robert auf eine Leiter. Natürlich wird Robert im Nachhinein von der ganzen Nation als Feigling verachtet, weswegen er später auch von einem mediengeilen Spinner erschossen wird. Jesse hingegen, der wahre Feigling also, wird weiterhin als eine Art Robin Hood und Gentleman-Gauner verehrt. Dabei ist die mutigste Tat des Films Roberts offenes Geständnis gegenüber der Tänzerin Dorothy (Zooey Deschanel) - und sich selbst! - , er habe Jesse, seinen Helden, nur aus Angst und wegen der Belohnung getötet. Spoiler Ende!

    Das Spannendste an „Die Ermordung...“ ist eindeutig das Psychoduell zwischen Jesse und Robert, und dieses hätte wohl in Form eines intensiven Kammerspiels am besten funktioniert. Doch Dominik wollte ganz offensichtlich keinen kleinen, intimen Film, er erzählt den Western stattdessen in epischer Breite und in epischen Bildern. Dabei ist dieser mindestens 30 Minuten zu lang geraten, gerade in der ersten Stunde werden zu viele überflüssige Nebenhandlungen bedient, die für die eigentliche Entwicklung keine Rolle spielen und das Tempo zusehends verschleppen. Auch in Sachen Inszenierung ist Dominik über das Ziel hinausgeschossen. Statt die spannenden Figuren konsequent in den Mittelpunkt des Films zu rücken, verliert er sich zu häufig in seiner stets elegischen, oftmals prätenziösen Bildsprache. Nach der zwanzigsten Einblendung einer trost- und blätterlosen Baumkrone hat man sich schlicht und einfach satt gesehen. Und welcher Teufel Dominik bei den komplett unnötigen und schnell nervigen Unschärfe-Experimenten geritten hat, werden wir wohl auch nie erfahren.

    Fazit: „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ ist ein entmystifizierender Western mit starken Darstellern, bei dem die angestrengt-kunstvolle Inszenierung und die unnötige Überlänge das Kinovergnügen schmälern.
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    Kommentare

    • Hans H.
      Ich habe den Film jetzt abermals gesehen; 5. mal oder so. Dass Casey Affleck keinen Oscar für seine verschlagen-soziopathische, narzistische Darstellung des Bob Ford bekommen hat, ist echt eine Schande. Auch für die extrem harmonische, wenn auch minimalistische Musik/Score hätte es eine Auszeichnung geben sollen. Auch Brat Pitt hätte es verdient; ist nach wie vor unterschätzt als Schauspieler.
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