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The Air I Breathe - Die Macht des Schicksals
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
The Air I Breathe - Die Macht des Schicksals
Von Jens Hamp
Bereits Gottfried von Straßburg erkannte in seinem mittelalterlichen Werk „Tristan“, dass Freud und Leid untrennbar mit dem Begriff Liebe verbunden sind. Ein chinesisches Sprichwort ging noch einen Schritt weiter und brachte zusätzlich das Glück ins Spiel. Denn nach dessen Auffassung besteht das Leben aus diesen vier, wie die Finger einer Hand miteinander verbundenen Emotionen. Dieses weise Sprichwort legt Jungregisseur Jieho Lee nun seinem Debüt „The Air I Breathe“, einem stargespickten Episodenfilm, zugrunde. Doch unabhängig von einem fahrigen Drehbuch zieht insbesondere der Zuschnitt auf die chinesische Weisheit den Film ins Depressive: Wenn schon Freude, Liebe und Glück wirklich so trist aussehen, kann man nur hoffen, dass die Menschheit vom Leid verschont bleibt.

Vier Schicksale, deren Wege sich scheinbar zufällig kreuzen: Ein Banker (Forest Whitaker, Der letzte König von Schottland, 8 Blickwinkel) will aus seinem festgefahrenen Leben entfliehen und wettet auf ein getürktes Pferderennen. Währenddessen verliebt sich ein Geldeintreiber (Branden Fraser, Reise zum Mittelpunkt der Erde, Tintenherz) in einen aufgehenden Popstern (Sarah Michelle Gellar, Scooby-Doo, Der Fluch). Ein Arzt (Kevin Bacon, Mystic River, Apollo 11) benötigt für seine heimliche Liebe (Julie Delpy, Before Sunrise, Before Sunset) eine lebensnotwendige Blutkonserve. Loser Verknüpfungspunkt dieser verlorenen Seelen ist der Gangsterboss Fingers (Andy Garcia, Der Pate III, Ocean’s 13), der glaubt, alle Fäden fest in der Hand zu halten…

„I always wondered, when a butterfly leaves the safety of its cocoon, does it realize how beautiful it has become? Or does it still just see itself as a caterpillar?“ – Freude

In der Traumfabrik stehen Episodenfilme nicht erst seit dem überraschenden Oscar-Triumph von L.A. Crash hoch im Kurs. Doch im Vergleich mit Robert Altmans Short Cuts und The Player, Alejandro González Iñárritus Amores Perros und Babel) sowie Paul Thomas Andersons Magnolia fehlt „The Air I Breathe“ einfach die ernüchternde Kraft. Das von Jieho Lee und Bob DeRosa verfasste Drehbuch ist viel zu sehr auf die Metapher des chinesischen Sprichwortes fixiert und vergisst dabei, lebensechte Charaktere und Probleme zu kreieren. Stattdessen werden die farblosen Figuren wie beim Schach durch die Geschichte geschoben und ihre Glaubwürdigkeit wird mit gestelzten Dialogen erstickt.

Die vier namenlosen Hauptfiguren versinnbildlichen jede eine der Emotionen. Allerdings enden alle Episoden in einer klassischen Tragödie. Bereits der Weg zu den finalen Schicksalen ist mit zahlreichen Unglaubwürdigkeiten gespickt. Whitakers Charakter (= Freude) mutiert zum Zocker und hat seine Freude an einem Banküberfall. Branden Fraser (= Glück) kann in die Zukunft blicken. Die Kehrseite seiner Fähigkeit ist, dass er nicht in den Verlauf der Zeit eingreifen kann. Diesen – vom Drehbuch sehr freizügig interpretierten – Zustand als eine Form des Glücks zu bezeichnen, ist schon äußerst zynisch. Dass schlussendlich auch Kevin Bacon (= Liebe) vereinsamt zurückbleibt, ist da abzusehen. Selbst Sarah Michelle Gellars Figur (= Leid) hält nicht dauerhaft, was ihr Name verspricht. Zwar ist das Leben unter den Krallen des Gangsterbosses wahrlich kein Zuckerschlecken. Für sie erscheint nach vielen Tiefschlägen aber ein kleines Licht am Ende des Tunnels.

„Gefühle können, gleich einer Welle, ihre individuelle Gestalt nicht lange bewahren“ – Henry Ward Beeder

Natürlich könnte man bei einer Interpretation der Gefühle auf deren Unruhe und Wandel hinweisen. Doch erscheint dieser Ansatz ziemlich gestelzt. Die Wellen der Emotionen laufen stets auf das Leid hinaus. Sie sind nicht keinesfalls die vier Finger einer Hand, sondern eine Münze, deren Rückseite stets das Leid ist. Abgesehen von dieser völlig verhunzten Intention bietet „The Air I Breathe“ allerdings einige durchaus sehenswerte Szenen. Forest Whitakers Charakter wird mit einer herrlich ernüchternden Rückblende über die fatalen Konsequenzen fleißigen Lernens eingeführt. Sarah Michelle Gellar trumpft schauspielerisch bei einem Fernsehinterview auf, das ihre Figur völlig aus der Bahn wirft – und zugleich offenbart, dass die hell funkelnden Popsterne eigentlich nur oberflächliche Produkte sind.

Blass bleibt dagegen – unabhängig vom steifen Agieren des Darstellers – der von Frasers verkörperte Geldeintreiber. Die Fähigkeit, in die Zukunft sehen zu können, wirkt im Kontext des Films ziemlich deplatziert. Und zu allem Übel wird ihm auch noch der hyperaktive Neffe (Emile Hirsch, Milk, Into The Wild) des Gangsterbosses ans Bein gebunden. Dessen dickhosiges Auftreten nervt gehörig und bringt unnötig hysterische Szenen mit sich, die überhaupt nicht mit der Grundstimmung der anderen Episoden harmonieren.

„The question is not whether we will die, but how we will live.“

Aufgrund der lebhaften Videoclip-Inszenierung und den erwartungsgemäß überzeugenden Darstellern unterhält „The Air I Breathe“ zumindest oberflächlich – je tiefer der Blick jedoch geht, desto schneller stürzt das wackelige Kartenhaus in sich zusammen. Wie in einem Vakuum nimmt Jieho Lee seinen Figuren jede Luft zum Atmen, so dass sie wie seelenlose Geister durch die konstruierte Handlung röcheln.
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