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    Mr. Brooks - Der Mörder in Dir
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Mr. Brooks - Der Mörder in Dir
    Von Jürgen Armbruster
    Kevin Costner hat in seiner Karriere schon vieles gemacht. Er war Bodyguard, Postman(n), Anwalt, Soldat, Cowboy (mehrfach), alternder Profi-Baseballer (noch öfter) und noch vieles mehr. Und selbst eines war Costner schon: Serienkiller (in Crime Is King). Eigentlich hat er abgesehen von diesem kleinen Ausflug in seiner Karriere noch nie einen richtigen Bösewicht („The Perfect World“ werten wir mal als Bad Guy light) verkörpert. Und schon allein das macht Bruce A. Evans‘ „Mr. Brooks“ irgendwie interessant. Nicht zwangsläufig gut, aber aufgehorcht werden darf da schon. Aber auch unabhängig von diesem an sich noch wenig aussagekräftigen Umstand ist „Mr. Brooks“ mehr als nur einen Blick wert. Das Thriller-Drama ist eine exzellente Genre-Produktion, die mit einer ganzen Reihe origineller Einfälle überzeugen kann.

    Earl Brooks (Kevin Costner) hat eigentlich alles, was man sich vom Leben nur erhoffen kann. Der wohlhabende Unternehmer wurde von der Handelskammer jüngst zum Mann des Jahres gekürt, seine attraktive Frau Emma (Marg Helgenberger, Reine Chefsache, „CSI: Las Vegas“) liebt ihn von ganzem Herzen und die einzige Tochter Jane (Danielle Panabaker, Sky High) studiert an einem Elite-College. Doch Earl wird von einer grausame Sucht getrieben, die er fast schon verzweifelt versucht hinter sich zu lassen: Er tötet Menschen. Er ist der Thumbprint Killer, der nicht nur der toughen Ermittlerin Tracy Atwood (Demi Moore, Bobby) seit Jahren Rätsel aufgibt. Seine Morde sind bis ins kleinste Detail durchgeplant, Spuren hat er bislang noch nie hinterlassen – jedenfalls keine, die er nicht auch hinterlassen wollte. Doch beim jüngsten Mord, dem ersten seit über zwei Jahren, ging etwas schief. Es gibt einen Zeugen (Dane Cook), einen Voyeur, der Earl während der Tat fotografiert hat. Doch dieser möchte kein Geld und meldet Earl auch nicht bei der Polizei. Er verlangt nur eines: Er möchte das Handwerk des Tötens eingeführt werden und beim nächsten Mord dabei sein…

    Die größte Stärke von „Mr. Brooks“ ergibt sich aus einem inszenatorischen Kniff, den sich Regisseur und Autor Bruce A. Evans (Oscar-nominiert für das Drehbuch zu „Stand By Me – Das Geheimnis eines Sommers“) gemeinsam mit seinem Co-Autor Raynold Gideon ausgedacht hat. Es liegt in der Natur des Mediums Film, dass die Vermittlung der Gedanken von Personen – im Vergleich zu einem Roman – nicht ganz einfach ist. Und gerade bei einem Film über einen Serienkiller wäre es durchaus interessant zu wissen, was im Kopf eines solchen Menschen vorgeht. Logisch (und auch häufig so praktiziert) wäre daher, den Charakter entsprechende Monologe führen zu lassen, was jedoch ermüdend bis lächerlich wirken kann. Doch Evans und Gideon wählen einen vollkommen anderen Ansatz: Earl Brooks besitzt ein Alter Ego namens Marshall (William Hurt). Dies bedeutet jedoch nicht, dass Earl schizophren im Sinne von Fight Club ist. Earl und Marshall sind sich von Beginn an ihrer Existenz bewusst, sie sind im Grunde zwei Teile einer Persönlichkeit. Es ist immer Earl, der mit anderen Personen interagiert, Marshall bleibt im Dunkeln. Er tritt nur dann auf, wenn Earl an einem Punkt angelangt, an dem er eine bestimmte Entscheidung treffen muss. Dann werden beide als eigenständige Charaktere behandelt, die miteinander reden und sich gegenseitig beeinflussen. Dabei handelt Earl tendenziell eher rational, während Marshall das emotionale Gegenstück ist. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt zuletzt der unbekannte (und gescheiterte) Thriller Starkweather mit Lance Henriksen.

    Zugegeben, das hört sich zunächst reichlich schräg an und Zweifel dürfen durchaus angebracht sein. Es ist auch tatsächlich so, dass dieser Ansatz in den ersten Szenen etwas befremdlich wirkt. Doch spätestens mit dem ersten diabolischen gemeinsamen Lachen der beiden Charaktere hat man dieses Szenario akzeptiert und denkt nicht mehr in Kategorien wie Earl oder Marshall, sondern eben nur noch an Mr. Brooks. Zu verdanken ist dies vor allem dem phantastischen Zusammenspiel von Kevin Costner und William Hurt. Costner, dessen Karriere in den frühen 90ern ihren Höhepunkt hatte, ist so gut wie seit Jahren nicht mehr. Wahrscheinlich ist „Mr. Brooks“ sogar seine beste Performance seit Der mit dem Wolf tanzt. Mühelos wechselt er zwischen liebendem Familienvater und skrupellosem Lust-Killer, einerseits lethargisch und doch zielstrebig. Und William Hurt (Gorky Park, A History Of Violence, Syriana) war trotz zahlreicher Ausschussware in seiner persönlichen Vita ohnehin noch nie wirklich schlecht. Angetrieben von einem Drehbuch, das ihnen viele Freiheiten gestattet, laufen die beiden zur absoluten Höchstform auf. Dank einiger auf den Punkt genau pointierter Dialoge bleibt auch der Humor nicht vollkommen auf der Strecke. Die wenigen aber gezielt gestreuten Lacher machen den Film keineswegs schlechter, sondern werten ihn zusätzlich auf.

    Einen weiteren Pluspunkt kann „Mr. Brooks“ dank einer intelligenten Nebenhandlung verbuchen. Damit ist nicht unbedingt der Subplot um Ermittlerin Tracy Atwood und deren Scheidung gemeint, der zwar nicht weiter stört, aber auch nicht unbedingt nötig gewesen wäre, sondern wie sich die familiären Probleme im Hause Brooks weiter entwickeln. Genaueres hierzu zu sagen, käme einem Verbrechen am potenziellen Zuschauer gleich. Nur so viel: Aus diesen für die Haupthandlung eigentlich unnötigen Ereignissen ergibt sich ein toller Nährboden für die innere Zerrissenheit für Earl Brooks, was den Charakter noch weiter schärft und ihm eine zusätzliche Facette abgewinnt.

    Echte Schwächen hat „Mr. Brooks“ eigentlich nicht, eher ein paar kleine bis mittlere Ärgernisse. So herausragend die Hauptrollen auch besetzt sind, so unglücklich war das Händchen von Evans mitunter bei der Besetzung der Nebenrollen. Vor allem ist hier Dane Cook (Employee Of The Month) zu nennen. Sein nicht ganz einfach zu spielender Charakter hätte eigentlich einen ausgewiesenen Fachmann für schwierige Rollen benötigt und nicht einen zweitklassigen Stand-Up-Comedian und Gelegenheitsschauspieler. Cook müht sich zwar nach allen Kräften, sein begrenztes schauspielerisches Potenzial ist aber deutlich spürbar. Es hätte aber auch schlimmer kommen können. Im Schulzeugnis wäre hierfür wohl eine drei minus gestanden, also gerade noch so befriedigend. Demi Moore (ja, sie lebt noch) trägt zwar einige Male als ganz harte Ermittlerin etwas dick auf (ihr erster Auftritt ist Kaugummi kauend mit einer Hand lässig am Gürtel der eigenen Hose eingehängt – fast wie im Wilden Westen), aber dem Vergnügen am Film tut auch dies keinen Abbruch.

    Ein kleines Manko hat „Mr. Brooks“ dann aber doch noch. Den Opfern von Earl Brooks fehlt es an Profil. Mit einer Ausnahme sind sie anonyme Gesichter ohne Hintergrund – und bei der einen genannten Ausnahme wurden die Charaktere bereits vorab als Unsympathen etabliert. Somit fehlt es dem Zuschauer letztlich bei den eigentlichen Morden an der emotionalen Bindung zu den Opfern. Ein Umstand, der insbesondere von der moralischen amerikanischen Fachpresse nicht sonderlich gut aufgenommen wurde. Eine wirkliche Schwäche ist dies jedoch nicht. Vielmehr ist dies dem grundsätzlichen Szenario geschuldet, denn Sympathieträger des Films sind nicht die Opfer, sondern der Killer. So finster sein Handeln auch sein mag, irgendwie hat man diesen Kerl letztlich dann doch gern. Vielleicht ist Earl Brooks der charismatischste Leinwand-Serienkiller seit Hannibal Lecter – als das Franchise noch gut war wohlbemerkt. Doch dies sollte besser jeder Zuschauer für sich entscheiden. Festzuhalten bleibt letztlich nur noch eines: „Mr. Brooks“ schlägt im Vergleich zum aktuellen Trend im Genre, in dem alles noch blutiger und grausamer sein muss, einen angenehmen anderen Kurs ein. Im Vordergrund stehen die Charaktere, nicht deren Taten. Und das ist auch gut so.
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