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Penelope
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Penelope
Von Jens Hamp
Mit Mark Palanskys „Penelope“ bekommt Miss Piggy Konkurrenz um den Titel der beliebtesten schweinsnasigen Persönlichkeit der Filmgeschichte. Da das von Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon (Walk The Line, Natürlich blond) produzierte Märchen bei der Kinoauswertung kaum wahrgenommen wurde, hat die Schweinelady aus der „Muppet Show“ vermutlich noch nicht einmal von ihrer Rivalin gehört. Doch auf DVD wird „Penelope“ nicht nur Kermits Herz im Sturm erobern, auch die weibliche Jugend wird seine Freude an der Romanze haben. Zwar driftet die Erzählung häufig in zuckersüßen Kitsch ab – dank der bezaubernden Titelfigur kann man der ansonsten charmanten Geschichte jedoch nie wirklich böse sein.

Auf dem Adelsgeschlecht Wilhern lastet ein Fluch. Der erste weibliche Abkömmling der Familie soll mit einer Schweinsnase geboren und erst von diesem Schicksal erlöst werden, wenn sie einen „von ihrem Blut“ findet, der sie liebt, wie sie ist. Über Generationen wurden nur Söhne geboren – bis Penelope (Christina Ricci, Der Eissturm, Sleepy Hollow) vor 25 Jahren das Licht der Welt erblickte. Ihre Mutter (Catherine O'Hara, Kevin – Allein zu Haus, „Best In Show“) versucht seitdem, einen blaublütigen Adelsspross zu finden, der sie von ihrem Schicksal erlöst. Doch jedes Mal, wenn Penelope sich den Männern offenbart, suchen diese schreiend das Weite. Erst der verschuldete Spieler Max (James McAvoy, Wanted, Geliebte Jane, Abbitte) bleibt mutig zurück und entwickelt zaghaft Gefühle für die sich hinter einer Glaswand versteckende Penelope. Was Max allerdings verschweigt, ist einen Vertrag mit dem kleinwüchsigen Reporter Lemon (Peter Dinklage, The Station Agent, Die Chroniken von Narnia – Prinz Kaspian von Narnia), der ihm für exklusive Fotos der Verfluchten eine ordentliche Summe Geld garantiert…

Die Unnahbarkeit einer Marlene Dietrich, die Sinnlichkeit einer Marilyn Monroe oder die Rehaugen einer Audrey Hepburn: Seit Anbeginn des filmischen Zeitalters definiert Hollywood die aktuellen Schönheitsideale. In diese Riege der Grazien kann sich die schweinsnasige Penelope nur schwerlich einreihen. Ein Umstand, mit dem bereits in den ersten Minuten humorvoll gespielt wird. Wenn die Adelssprosse Penelope gegenübertreten, ergreifen sie die Flucht. Sie springen Hals über Kopf aus dem Fenster, als sei sie ein zahnschwitzendes Monster. Um die Arbeit des sportlich beschuhten Butlers beim Einfangen der Fliehenden zu erleichtern, werden kurzerhand die Scheiben gegen Panzerglas ausgetauscht. Anstelle zersplitternden Glases gibt es nur noch platt gedrückte Nasen. Diese eröffnenden Szenen offenbaren bereits den unschuldig-lieblichen Humor, der sich durch den ganzen Film zieht. Auch wenn die Schweinsnase der Hauptfigur häufig Auslöser der Witze ist, gehen die Lacher doch immer auf die Kosten der überzogen reagierenden Normalos.

Im Kern ist „Penelope“ eine märchenhafte Romanze, die vor allem das Herz anspricht. Mit viel Fantasie und locker-leichten Dialogen wird der emotionale Grundstein, dass das Publikum mit angehaltenem Atem auf ein Happy End hofft, gelegt. Nur der dickste Eisklotz wird Penelope widerstehen können, wenn diese hinter einer blickdichten Glasscheibe sitzt und ihren Verehrer mit hoffnungsvoll-skeptischen Augen anblickt. Denn trotz ungewohnten Aussehens ist Christina Ricci noch immer äußerst liebreizend und überzeugt als sympathische Hauptfigur. Ebenso zufrieden stellend verkörpert James McAvoy den jugendlichen Charmeur. Zwar glänzt McAvoy nicht so stark wie schon in Der letzte König von Schottland oder Abbitte – dies erfordert die Rolle als erfolgsloser Glücksritter mit spitzbübischem Blick aber auch gar nicht.

Es ist nicht überraschend, dass „Penelope“ sich in eine märchenhaft-optimistische Richtung entwickelt. Schließlich verwandelte sich in Hollywood noch jedes hässliche Entlein in einen wunderhübschen Schwan. Unter der Oberfläche versteckt sich auch noch eine Romantikkomödie, die wunderbar gegen den Strom des Schönheitswahnes anschwimmt. „Penelope“ schildert einen Emanzipationsprozess von der empfundenen Monstrosität. Ein erster Schritt zur Akzeptanz des eigenen Aussehens macht Penelope, als sie eine echte Freundin (Reese Witherspoon) in einer kleinen Eckkneipe kennenlernt. Diese stört sich nicht daran, dass Penelope stets ihre untere Gesichtshälfte mit einem Schal verhüllt. Ohne aufdringlich zu wirken, wird dem jugendlichen Zielpublikum verdeutlicht, dass die Identifikationsfigur trotz auffälliger Nase nicht weniger normal ist als ihre Mitmenschen – denn was zählt, sind die inneren Werte und im Herzen ist Penelope eine ganz gewöhnliche Heranwachsende, die von den gleichen Sorgen und Ängsten geplagt wird wie jede andere auch.

Geprägt wird die von der Heldin selbst erzählte Geschichte von der verträumten Inszenierung Mark Palanskys. Die Farben brodeln über, die Optik der Großstadt ist märchenhaft verfremdet und die Brunnen sprudeln, dass Luftblasen emporsteigen. Jedoch übertreibt der Regieneuling zeitweise, er findet nicht den Mittelweg eines Jean-Pierre Jeneuts (Die fabelhafte Welt der Amélie) oder Tim Burtons (Big Fish) und „Penelope“ driftet leicht vom Märchenhaften ins Kitschige. Insbesondere in der zweiten Hälfte verliert der Film daher auch etwas an Klasse. In der großen Stadt erweist sich Penelope als etwas zu weltfremd und die neu eingeführten Freunde sind nicht mehr als simple Schablonen. Zwar waren auch schon Penelopes Eltern Charaktere von der Stange. Catherine O’Hara und Richard E. Grant (Withnail And I, L.A. Story, Gosford Park) sorgen mit ihrem leicht überdrehtem Auftreten aber immer wieder für ein angenehmes Schmunzeln.

Daher ist letztlich Peter Dinklage der einzige Nebendarsteller, der etwas aus der Masse hervorsticht, wenn er als Reporter Jagd auf ein Foto der schweinsnasigen Penelope macht. Bei ihm sorgt alleine der Gedanke, dass ein Kleinwüchsiger wie versessen ein Bild einer ebenso Unnormalen veröffentlicht will, für einen herrlichen Bruch. Daneben ist Dinklage auch Teil einer der tollsten Szenen des Films. Um sich gänzlich von ihrem aufgezwungenen Eremitenleben zu verabschieden, spielt Penelope dem kleinwüchsigen Reporter in einer Nacht- und Nebelaktion Fotos von ihrem unverhüllten Gesicht zu. Eine Szene, die mit ihrem fantasievollen Aufbau bestens an die seelenverwandte Amélie erinnert.

Sometimes true love is right under your nose.

Vielleicht trägt Mark Palansky teilweise zu dick auf und gestaltet sein modernes Filmmärchen zu süß. Doch irgendwie erobert Christina Ricci als „Penelope“ die Herzen der romantisch veranlagten Zuschauer im Schweinsgalopp, so dass man trotz Zuckerguss keine Zahnschmerzen bekommt. Dies alles qualifiziert „Penelope“ als liebenswerten Film für verregnete Tage. Einen dicken Pluspunkt sammelt Palanskys Filmdebüt mit seiner Musikauswahl. Denn spätestens wenn Sigur Rós’ grandioses „Hoppípolla“ das euphorische Finale einleitet, ist klar, dass der Nachwuchsregisseur einen blendenden Musikgeschmack hat, der die Bilder und die Songs in Harmonie verschmelzen lässt.
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