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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Dialog mit meinem Gärtner
Von Andreas Staben
„Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ - so überschrieb Ludwig van Beethoven den Kopfsatz seiner sechsten Sinfonie, der „Pastorale“. Der programmatische Leitfaden trug wesentlich zur Popularität des Werkes bei, und es ist heute geradezu der Inbegriff musikalischer Naturbeschreibung. Auch Filmemacher greifen - von „Fantasia“ bis Soylent Green - immer wieder gerne auf die assoziativen Tonmalereien des Wiener Klassikers zurück, wenn es darum geht, ein harmonisches Naturidyll zu beschwören. Jean Beckers „Dialog mit meinem Gärtner“ scheint sich auf den ersten Blick in die Tradition der romantischen Verklärung des einfachen Landlebens einzuschreiben, die gerade im französischen Kino immer wieder aufgegriffen wird. Doch genauso wie der epische Charakter der „Pastorale“ verkannt wird, wenn sie rein illustrativ interpretiert wird, ist Beckers berührende Verfilmung des Romans von Henri Cueco weit mehr als die Projektion der Sehnsüchte zivilisationsgeplagter Großstädter, die einen Film wie beispielsweise „Eine Schwalbe macht den Sommer“ so unübersehbar prägt. „Dialog mit meinem Gärtner“ ist leise Komödie und sanftes Melodram zugleich, ein leichter und melancholischer Film über Freundschaft, Erinnerung und Vergänglichkeit. Seine Darstellung der Gegensätze von Stadt und Land geht dabei deutlich über die üblichen Klischees hinaus, denn Becker, der wie seine beiden Protagonisten ein ausgeprägtes Gespür für Rhythmus und Nuancen zeigt, differenziert oft Gesehenes individuell aus.

Ein erfolgreicher Maler in seinen Fünfzigern (Daniel Auteuil) verlässt Paris und kehrt in das Haus seiner Kindheit auf dem Lande zurück. Der in Scheidung lebende Künstler sucht per Zeitungsannonce jemanden, der sich um den vernachlässigten großen Garten des Grundstücks kümmert. Gleich mit dem ersten Bewerber erlebt er eine Überraschung, denn es präsentiert sich Léo (Jean-Pierre Darroussin), ein Klassenkamerad aus Schulzeiten, den er prompt engagiert. Die beiden Männer frischen Erinnerungen auf und allmählich entwickelt sich in langen Gesprächen über Gott und die Welt eine enge Freundschaft zwischen dem Intellektuellen und dem pensionierten Eisenbahnarbeiter mit der Leidenschaft fürs Gärtnern. Jeder lernt vom Anderen eine neue Perspektive auf kleine und große Dinge des Lebens. Dujardin und Dupinceau, wie sich die beiden Freunde nach Garten und Pinsel bald nur noch nennen, stehen sich schließlich auch in Krise und Krankheit bei.

Jean Beckers Karriere ist ungewöhnlich verlaufen. Als Sohn eines der bekanntesten französischen Regisseure der 50er Jahre, Jacques Becker („Goldhelm“, „Wenn es Nacht wird in Paris“, „Das Loch“), drehte er zunächst Starvehikel für Jean-Paul Belmondo („Sie nannten ihn Rocca“, „Geliebter Schuft“). Nach einer siebzehnjährigen Schaffenspause kehrte Becker erst 1983 zum Kinofilm zurück und feierte mit „Ein mörderischer Sommer“ ein aufsehenerregendes Comeback. Der mit vier Césars ausgezeichnete Thriller mit Isabelle Adjani ist bis heute auch in Deutschland Beckers bekanntester Film. Nach diesem sich in der Glut des französischen Südens entfaltenden Drama kehrte der Regisseur für seine bisher nur fünf weiteren Filme immer wieder in die ländliche Provinz zurück. Neben „Dialog mit meinem Gärtner“ fanden aber bloß „Elisa“ und „Ein Sommer auf dem Lande“ den Weg auf hiesige Leinwände.

Das Interesse des Filmemachers an der Provinz liegt nicht in einer Glorifizierung des Landlebens, auch der Naturmystizismus eines Terrence Malick („Der schmale Grat“, The New World) liegt ihm fern. Becker filmt das ländliche Umfeld mit beiläufig anmutender Selbstverständlichkeit, ohne Stilisierungen und ganz auf seine Figuren konzentriert. Während Pascale Ferrans Lady Chatterley sich durch jedes von der Regie gezielt hervorgehobene Zweigknacken und jedes Windgeräusch selber näher kommt, wird die Sinnlichkeit von Licht und Farben, von Früchten und Gemüse, auch von in der Luft liegendem Regen bei Becker durch den Versuch der Protagonisten vermittelt, ihre Empfindungen in Worte zu kleiden. Auf eine ganz eigene Art folgt „Dialog mit meinem Gärtner“ mit seiner Natürlichkeit des Ausdrucks dem Familienerbe – schließlich war Jacques Becker unter anderem schon 1936 Assistent bei Jean Renoirs meisterhaftem „Eine Landpartie“.

Wie der Titel nahelegt, stehen die Gespräche der beiden Hauptfiguren in „Dialog mit meinem Gärtner“ im Zentrum. Neben der Aufwertung der Rolle des Malers – in der Vorlage liegt der Schwerpunkt ganz klar auf dem Gärtner, dem der Künstler kaum mehr als die Stichworte für seine alltagsphilosophischen Betrachtungen liefert – sind die Schauspieler für das Gelingen der Verfilmung entscheidend. In Daniel Auteuil (Caché, Malen oder Lieben, Mein bester Freund) und Jean-Pierre Darroussin (Saint Jacques - Pilgern auf Französisch, Wie sehr liebst du mich?, Mathilde - Eine große Liebe) hat Becker ein perfektes Duo gefunden. Auf der Grundlage souverän beherrschten Handwerks zu dem die spezifischen Sprechweisen und der glaubwürdige Umgang mit Utensilien gehören, zeigen die beiden Akteure die hohe Schule des Miteinanders. Begünstigt durch Beckers Verfahren mit zwei Kameras zu filmen, gelingt es vor allem Auteuil seiner Künstlerfigur durch Zuhören und Reagieren besondere Tiefe zu verleihen. Im fast musikalisch anmutenden Zusammenspiel der Protagonisten entsteht ein Ausdrucksspektrum, das von durch soziale Unterschiede bedingte Befangenheit über Sympathie und wachsende Vertrautheit bis zu tiefer Freundschaft, Sorge und Trauer reicht. Dabei besitzt der kichernde Rückfall der beiden Freunde in Lausbubenzeiten bei einer Trauerfeier die gleiche emotionale Wahrhaftigkeit wie ein von der Melancholie des nahenden Abschieds geprägter gemeinsamer Angelausflug.

Zunächst scheint „Dialog mit meinem Gärtner“ in den geordneten Bahnen einer amüsanten Sittenkomödie zu verlaufen, bei der die Pariser Kunst-Schickeria genauso ihr Fett abbekommt wie provinzieller Traditionsdruck. Wenn Becker in einer Art Fotoroman die fest gefügten Urlaubsgewohnheiten des Gärtners und seiner Frau zeigt, hat dies natürlich einen komischen Effekt, aber das Festhalten am immer Gleichen wird weder denunziert noch verherrlicht. Trotz aller erkennbaren Schwächen und Marotten erhebt sich der Regisseur nie über seine Figuren, diesen Respekt bringen sich auch Dujardin und Dupinceau entgegen. Statt einer skurrilen Hymne auf den Helden des gesunden Menschenverstandes wird „Dialog mit meinem Gärtner“ spätestens durch die Wendung ins Tragische ein intensives Erlebnis berührender Menschlichkeit. Die unendlich wehmütigen Klänge von Jack Brymers Soloinstrument im sooft nur schön runtergespielten Adagio von Mozarts Klarinettenkonzert, das dieser erst kurz vor seinem Tod vollendete, hallen bis weit nach dem Abspann nach. Jenseitsnähe und Lebenssehnsucht, eine kosmische Weite des Empfindens – all dies bündelt sich hier in der Verbindung der Filmthemen mit der Musik.
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