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Boarding Gate - Ein schmutziges Spiel
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Boarding Gate - Ein schmutziges Spiel
Von Christian Roman
100 Minuten – das entspricht in etwa der Flugdauer von Frankfurt nach Kopenhagen. Am schnellsten vergeht die Zeit vom Einstieg (engl. „Boarding“) bis zur Landung, wenn man einfach die Augen schließt und vor sich hinschlummert. Mehr als gähnende Langeweile liefert auch der französische Thriller „Boarding Gate“ in seiner knapp zweistündigen Laufzeit nicht. Olivier Assayas’ Low-Budget-Produktion um Manipulation, Mord und harten Sex mit der verruchten Asia Argento und Michael Madsen in den Hauptrollen versucht mehr Drama als Thriller zu sein, kann aufgrund inhaltsleerer Dialoge und fehlendem Spannungsbogen jedoch nie überzeugen.

Miles (Michael Madsen) war einst eine einflussreiche Figur auf dem internationalen Finanzparkett. Doch mittlerweile laufen die Geschäfte seines Sicherheitsunternehmens schlecht und die Schulden häufen sich. Um möglichst schnell an Geld zu kommen, will Miles seine Anteile an der Firma verkaufen. Privat sieht es auch nicht besser aus. Kürzlich hat sich seine Frau von ihm getrennt. Dann taucht plötzlich Sandra (Asia Argento) in seinem Pariser Büro auf. Die beiden hatten mal etwas miteinander: keine Beziehung, eher eine bizarre Affäre. Sandra folgt Miles’ Einladung in sein Appartement, doch das Treffen läuft gehörig schief und endet für Miles tödlich. Sandra sieht ihren einzigen Ausweg darin, das Land zu verlassen. Ein Freund, der mysteriöse Chinese Lester (Carl Ng), bietet ihr ein Versteck in Hongkong an. Aber kaum hat Sandra den Flieger verlassen, muss sie feststellen, dass sie keinem mehr trauen kann und fortan auf sich allein gestellt ist: in einer fremden Stadt, in einem fremden Land und von Typen verfolgt, die sie schnellstmöglich unter der Erde sehen wollen…

Als Regisseur und Drehbuchautor Olivier Assayas („Demonlover“, „Noise“) vor zwei Jahren neben namhaften Regisseuren wie Gus van Sant (Elephant) und Tom Tykwer (Lola rennt) eine Episode in der Kurzfilmkompilation Paris, Je T’aime, die als Reminiszenz an die französische Hauptstadt angelegt ist, übernahm, zeichnete sich vor allem seine Vorliebe für den düsteren Blick auf das Leben ab. Seinem Stil bleibt er auch in „Boarding Gate“ treu. Die Inspiration für sein Skript entnahm Assayas einer Nachrichtenmeldung, welche die Ermordung des Finanziers Édouard Stern bekannt gab. Stern wurde nach einem heftigen S&M-Spiel mit seiner langjährigen Geliebten tot in einem Hotelzimmer aufgefunden.

In Zeiten, in denen sich unzählige Filme mit dem Etikett „Based on true events“ rühmen, hätte dieser authentische Hintergrund eine geeignete Basis für einen spannenden Thriller sein können. Wie gesagt: hätte! Denn Olivier Assayas schöpft das Potenzial nicht einmal ansatzweise aus. So entpuppt sich das Drehbuch aus der Feder des Regisseurs schnell als Ärgernis. Selten wurde der Zuschauer mit derart unmotivierten Dialogen gelangweilt. Ein Beispiel: Sandra hat soeben Miles’ Wohnung betreten. Ein Hauch Erotik liegt in der Luft. Miles fragt seinen Gast: „Möchtest du etwas essen?“ – „Nein.“ – „Ich hab’ was Libanesisches da.“ – „Für zwei?“ – „Na klar. Sieht lecker aus. Willst du wirklich nicht?“

Allein dieser Wortwechsel erstreckt sich über nahezu eine Minute. Nun sind ausgefeilte Dialoge nicht zwingend nötig, wenn der Zuschauer mit spannenden Thriller-Elementen oder Action-Einlagen unterhalten wird. Diese sucht man in „Boarding Gate“ aber vergeblich. Stattdessen veranstaltet der Regisseur ein dramaturgisches Desaster. Die ersten fünfzig (!) Minuten lässt Assayas den Zuschauer lediglich daran teilhaben, wie Sandra und Miles in seinem Büro sitzen und nüchtern ihre Beziehung auseinander palavern. Wer zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschaltet hat, wird mit einer - zugegeben - überraschenden Wendung geködert. Anschließend setzt der Film die Handlung in Hongkong fort, lässt dort aber erneut jegliche Spannung vermissen. Offensichtlich wollte Assayas das Beste aus zwei Genres vereinen. Leider bietet „Boarding Gate“ für einen guten Thriller zu wenig Spannung, für ein Drama ist der Film hingegen viel zu banal.

Die Optik des Films ist ein zweischneidiges Schwert. Stark an Produktionen wie Miami Vice oder Traffic angelehnt, präsentiert sich der Film überwiegend in unterkühlten Blautönen. Zudem sind die Charaktere häufig grellem Gegenlicht ausgesetzt, so dass die Kulissen der Metropolen Paris und Hongkong fast gänzlich verschwimmen. Dieser frostige Look mag dem einen oder anderen Zuschauer noch gefallen. Wirklich störend fällt allerdings die Kamera ins Gewicht. Fast alle Einstellungen wurden aus der Hand gefilmt und sind häufig zu nah an den Figuren. Das sorgt zwar für einen gewissen Grad an Authentizität, ist auf Dauer aber ermüdend, da - besonders in hektischen Szenen - nur noch schwer erkennbar ist, was sich auf der Leinwand gerade abspielt.

Nach all der Kritik muss man „Boarding Gate“ eines lassen: Die Schauspieler machen ihre Sache ganz ordentlich. Vor allem Asia Argento (Marie Antoinette, Land of the Dead, xXx - Tripple X) kann in ihrer Rolle als heißblütige Sandra überzeugen. Man kauft ihr die wilde Ex-Geliebte ebenso ab, wie das schutzlose Mädchen. Fans der Italienerin kommen voll ihre Kosten, da sie gewohnt viel nackte Haut zeigt und die Sexszenen mit Leidenschaft füllt. Michael Madsen (Reservoir Dogs, Sin City, Kill Bill) wirkt anfangs als Krawatten tragender Geschäftsmann etwas deplatziert, kann in der Rolle des kernigen Macho-Typs dann aber doch noch punkten. Wirklich neu erfinden kann sich Madsen in seiner Rolle aber nicht.

Fazit: Olivier Assayas bezeichnet den Stil von „Boarding Gate“ selbst als „Euro-Trash“. Angesichts des geringen Budgets von weniger als zwei Millionen Dollar hätte auch keiner einen Ausnahmethriller erwartet. Der Film leistet sich aber zu entscheidende Fehler in den Bereichen Dramaturgie und Spannung, als dass er wirklich unterhalten könnte. Trotz der akzeptablen Leistung der Darsteller wirken die Dialoge aufgesetzt und banal. Hartnäckige Fans von Asia Argento können einen Blick riskieren, alle anderen begnügen sich besser Olivier Assayas’ Episode in Paris, Je T’aime an. Die dauert nur fünf Minuten und ist weitaus sehenswerter.
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