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Into the Wild
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Into the Wild
Von Carsten Baumgardt
Wie weit kann einen der eigene Idealismus führen und was ist man bereit, dafür zu riskieren? Christopher McCandless hat sein bürgerliches Leben hinter sich gelassen, um seine Vorstellung von totaler Freiheit leben zu können und den höchsten aller Preise dafür bezahlt. Exzentriker Sean Penn zeichnet in seinem Abenteuer-Drama „Into The Wild" in schwärmerisch-betörenden Bildern das bittere Ende des jungen desillusionierten Außenseiters nach und begleitet bei seiner Verfilmung von Jon Krakauers Tatsachen-Roman (dt.: „In die Wildnis. Allein nach Alaska") den kühnen Gesellschaftsaussteiger in seinen letzten zwei Jahren, bis er in der winterlichen Einöde Alaskas vom Leben abgeschnitten elendig verreckt.

Eigentlich sollte bei Chris McCandless (Emile Hirsch) alles im Lot sein: Er schließt sein Studium an der Emory-Universität mit Bestnoten ab, hat genügend Geld für den Start ins Arbeitsleben, doch den jungen Mann treiben ganz andere Ideale um. Seine Moralvorstellungen genügen nur den allerhöchsten Standards - und das will er fortan auch aktiv leben. Ursache für diese ungewöhnliche, radikale Lebenseinstellung sind seine Eltern Walt (William Hurt, „Bis ans Ende der Welt") und Billie (Marcia Gay Harden, „Mystic River"), die sich in seiner Kindheit pausenlos stritten und schlugen – und dies, obwohl das Paar gut situiert ist. Walt arbeitet als Ingenieur bei der NASA und bringt gutes Geld nach Hause. Einzig seine Schwester Carine (Jena Malone) findet noch halbwegs Zugang zu Chris‘ Seelenleben. Nach dem Studium 1990 verschenkt er seine Ersparnisse in Höhe von 24.000 Dollar an die Wohlfahrt und bricht zu dem ultimativen Trip auf: Sein Weg führt ihn über Kalifornien, den Grand Canyon, Mexiko und Washington State final nach Alaska, wo er in der unwirtlichen Ödnis nur von der Natur ernährt überleben und zu sich selbst finden will. Unterwegs macht er Bekanntschaft mit einem alternden Hippie-Paar (Catherine Keener, Brian Dierker), einem über-enthusiastischen, FBI-gesuchten Farmvorarbeiter (Vince Vaughn), einer frühreifen Aussteiger-Nymphe (Kristen Stewart) und einem vereinsamten Witwer (Hal Halbrook). All diese Menschen prägen Chris während der Reise. Doch von seinem Ziel lässt er sich nicht abbringen...

Mit der Hauptfigur eines Films steht und fällt für gewöhnlich das ganze Projekt. Und bei „Into The Wild" potenziert sich diese simple Weisheit noch um ein Vielfaches, weil der Zuschauer einfach eine Meinung zu diesem Christopher McCandless haben muss! Daran führt kein Weg vorbei. Jäger fanden ihn im August 1992 im Gebiet nördlich des Mount McKinley verhungert in seinem verlassenen Bus. McCandless, geschwächt durch den kalten Winter, aß versehentlich giftige Beeren, die ihn letztendlich lähmten und verenden ließen. Sean Penn („Das Versprechen", „Indian Runner") beginnt seine vierte Regiearbeit mit den ersten (von insgesamt 113) Tagen in Alaska, als Chris den „Magic Bus" entdeckt, den er zu seinem Quartier auserwählt. In Rückblenden geht Penn den Weg des jungen Abenteurers nach. Schriftsteller, Journalist und Extrem-Bergsteiger Jon Krakauer („In eisigen Höhen") rekonstruierte McCandless' Geschichte anhand von poetischen Tagebucheinträgen, unterwegs verschickten Postkarten, kryptischen Notizen und langen Gesprächen mit Familienangehörigen und Gefährten. Die Lücken füllte er nach eigener Interpretation auf. Dem folgt auch Penn. Zwischen diesen Flashbacks, die die Haupthandlung ausmachen, treibt der Filmemacher die Geschichte in Alaska in kurzen Einschüben voran, blickt aber auch schlaglichtartig zurück in die Kindheit.

Penn verzichtet zwar darauf, die Story rein aus der Perspektive McCandless‘ zu erzählen – seine Schwester Carine fungiert stattdessen als Erzählerin – aber er ist seiner zentralen Figur so nahe wie nur möglich und ergreift glühend Partei für den romantischen, reinen Rebellen. Im vergleichbaren Abenteuer-Doku-Drama „Grizzly Man" hegte Regisseur Werner Herzog zwar auch eine gewisse Sympathie für seinen durchgedrehten Bärenfanatiker Timothy Treadwell, der mitsamt seiner Freundin schlussendlich von einem hungrigen Raubtier verspeist wurde, doch er bewahrte den nötigen Abstand zu seinem Protagonisten, was den Film noch etwas ausgewogener erscheinen lässt. Der bekennende Hollywood-Linke Penn steigt dagegen voll auf McCandless ein, heroisiert ihn mitunter und hinterfragt seine Person nicht immer kritisch.

Bezeichnend für seinen Charakter: Auf seinem Trip nahm er den Namen Alexander Supertramp an (Bezug nehmend auf W.H. Davies‘ „Supertramp – Autobiographie eines Vagabunden"). Überhaupt wandelt der Film atmosphärisch als eine Art Reisetagebuch auf den Spuren von McCandless‘ Lieblingsschriftstellern Tolstoi, Kerouac und London, und ist dementsprechend in literarische Kapitel eingeteilt. Letztlich gelingt es Penn aber, Mitleid für seinen (Anti)-Helden zu erzeugen. Und somit berührt der Film selbst hartgesottene Seelen, weil die Bilder, die Penn bietet, so stark sind, dass sich ihnen niemand widersetzen kann. Noch schwerer wiegt bei der Nachbetrachtung jedoch die Unnötigkeit dieses Todes. Die Erkenntnis, die der zuweilen unbewusst selbstsüchtige McCandless gesucht hat, hatte er auf der zweijährigen Reise durch das Land längst gefunden, war aber zu blind und zu fixiert auf sein Ziel, um dies zu bemerken. Allen Menschen, die ihn unterwegs ins Herz schlossen, stieß er kompromisslos vor den Kopf.

Regisseur Penn inszeniert seine epische Geschichte mit feinem Händchen und entfacht einen wahren poetischen Rausch an atemberaubenden Bildertableaus, die mit bewegenden Folksongs von Pearl-Jam-Frontmann Eddie Vedder unterlegt sind – eindeutig die größte Stärke und Motors des Films, der mit 140 Minuten eine beachtliche Länge aufweist. „Into The Wild" ist pure Poesie.

Schauspielerisch bietet „Into The Wild" erstklassige Leistungen. Angeführt von Emile Hirsch, der schon in „Alpha Dog" zeigte, dass er nicht für immer das Weichei aus „The Girl Next Door" sein will, glänzt mit seiner Darstellung des Chris McCandless auf dessen Selbstfindungstrip ins Verderben. Trotz allen Vorbehalten gelingt es Hirsch, die Sympathien auf seine Seite zu ziehen. Die Riege der Nebendarsteller ist ausgezeichnet besetzt. Besonders hervorzuheben ist Hal Holbrook („Die Unbestechlichen", „Unternehmen Capricorn"), dessen Porträt des alten Witwers in der intensivsten Episode am meisten berührt. Die großartige Catherine Keener („Capote") ist so gut wie immer und Jungstar Kristen Stewart („Panic Room", „Cold Creek Manor") verdeutlicht nachhaltig, dass sie eine Große in Hollywood werden kann. Sie strahlt als junge Sängerin Tracy eine wunderbare, bezaubernde Natürlichkeit aus, die sofort die ganze Leinwand in Beschlag nimmt. Dieser Storyteil wirft nebenbei unbeantwortete Fragen zu McCandless‘ Sexualität auf, denn mönchsgleich und ehern bis in Mark lässt er alle Möglichkeiten verstreichen. Wer dieser Christopher McCandless wirklich war und was ihn in sein Schicksal trieb, ist nur zu erahnen. Aus den Informationsfragmenten setzen sowohl Krakauer im Buch als auch Penn im Film ihr Bild zusammen, aber es bleibt dennoch Interpretationsspielraum.

Fazit: „Into The Wild" ist ein rauschartiges, wild-romantisches Abenteuer-Road-Movie, das mit der Macht seiner Bilder fasziniert und in Sean Penn einen sensiblen Regisseur hat, der diesen poetischen Grenzgang zwischen Leben und Tod betörend auf die Leinwand bannt.
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