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    The Wind that Shakes the Barley
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Wind that Shakes the Barley
    Von Björn Helbig
    Der ganz große Ruhm ist Filmemacher Ken Loach lange Zeit verwehrt geblieben. Zwar gilt er unbestritten neben Stephen Fears, Mike Leigh und Michael Winterbottom als wichtigster britischer Regisseur und gewann auch auf diversen europäischen Festivals zahlreiche kleinere Preise, doch erst mit seinem neuen Film „The Wind That Shakes The Barley“ über den irischen Freiheitskampf gewann er in Cannes überraschend die Goldene Palme und setzte sich mit seinem Moloch von Gewalt und Gegengewalt unter anderem gegen Petro Almódovars Volver durch.

    Irland 1920. Eigentlich wollte der junge irische Arzt Damien O'Donovan (Cillian Murphy) eine gut bezahlte Anstellung in einem Krankenhaus in London annehmen. Auch wenn seine Freunde es gar nicht gut heißen, dass er für die verhassten Briten arbeiten will. Als Damien Zeuge der unglaublichen Brutalität der britischen Söldnerkommandos „Black and Tans“ wird, entschließt er sich zu bleiben und mit seinen Freunden sowie mit seinem Bruder Teddy (Padraic Delaney) innerhalb der IRA (Irish Republican Army) für die Freiheit des Landes zu kämpfen. Mit kleinen Guerilla-Aktionen setzen sie den Besatzern schwer zu, doch auch sie selbst müssen viele Rückschläge einstecken. Ein zweifelhafter Vertrag, der schließlich zwischen Iren und Briten zustande kommt, entzweit die beiden Brüder. Während Teddy das Abkommen und Irlands Stellung als Freistaat unter britischer Hoheit begrüßt, kämpft Damien weiter im Untergrund für ein ganz und gar unabhängiges Irland. Aus den Brüdern werden Todfeinde.

    Beim Kampf von David gegen Goliath ist es ganz klar, wo die Sympathien von Ken Loach (Raining Stones, Sweet Sixteen, „Just A Kiss“) liegen. Der 1936 geborene Regisseur und Drehbuchautor hat schon immer Partei für die Underdogs ergriffen. Sehr engagiert, mit großen Sympathien für die schikanierten, zahlenmäßig unterlegenen Iren erzählt der Filmemacher seine Geschichte. Da Loachs Protagonisten für gewöhnlich weder Engel noch Teufel, sondern einfach Menschen mit ihren ganz eigenen Problemen sind, überrascht sein Zugang zur Geschichte des irischen Befreiungskrieges aber doch. Am Beginn scheinen die britischen Schlägertrupps allesamt der Hölle entsprungen zu sein und der Zuschauer bekommt es diesmal nicht mit Menschen, sondern mit Dämonen zu tun. Gleich am Anfang werden die Fronten geklärt: Die „Black and Tans“ prügeln einen jungen Iren zu Tode, nur weil er seinen Namen nicht sagen wollte.

    Auch im Folgenden muss der Zuschauer immer wieder mit sehr brutalen Szenen rechnen, sei es als Damiens Bruder von den Briten gefoltert wird oder als Damiens Freundin Sinead (Orla Fitzgerald) von Söldnern brutal die Haare halb geschnitten, halb ausgerissen werden. In krassem Gegensatz zu den Gewalteruptionen stehen allerdings die von Kameramann Barry Ackroyd (Flug 93) grandios eingefangenen wunderschönen irischen Landschaften. Sehr auffällig ist das Bemühen Loachs Schönheit und Poesie, die sich schon im Titel („Der Wind, der die Gerste spaltete“) andeutet, in den Film zu bringen. Hier gehen Form und Inhalt auf auffällige Weise Hand in Hand: Das Schöne und das Hässliche – beides dient im Film dem Zweck, dem Zuschauer zu verdeutlichen, wofür Damien und seine Freunde eigentlich kämpfen. Sie kämpfen gegen die Grausamkeit der Briten aber für die eigene Freiheit. Gerade diese Unterscheidung des für bzw. gegen etwas sein, wird im Laufe des Film des Films wichtig. Positiv zu vermerken sind auch die Darsteller: Schauspielerisch bewegt sich der Film auf hohem Niveau. Voran Cillian Murphy (Batman Begins, Breakfast On Pluto, Red Eye) macht eine gute Figur, aber auch eher unbekannte Schauspieler wie Padraic Delaney und William Ruane („Sweet Sixteen“) und viele andere spielen ihre Parts überzeugend, auch wenn sie aufgrund der Vielzahl der Figuren wenig Spielraum haben, ihren Charakteren ein eigenes Gesicht zu geben.

    Man soll ergriffen sein angesichts der Ungerechtigkeit, der das irische Volk ausgesetzt ist, oder auch bezaubert durch die wunderschönen Landschaften in der Grafschaft Cork – Loach und sein langjähriger Drehbuchautorgefährte Paul Laverty machen bei der Steuerung der Zuschauerstimmung zwar vieles richtig. Aber leider auch einiges falsch. Es ist seltsamerweise recht schwierig, sich emotional wirklich auf die Geschichte einzulassen. Das liegt sicher zum einen daran, dass ziemlich schnell zu durchschauen ist, welche filmischen Mittel einen in welcher Weise beeinflussen sollen. Doch leider ergeben sich viele emotionalisierenden Momente nicht harmonisch aus der Geschichte, sondern wirken aufgesetzt. Immer wieder stören sehr konstruiert wirkende Situationen, z.B. als Damien kurz vor seiner Abreise nach London schnell noch die Misshandlung des Schaffners miterleben muss, um dann holterdiepolter seine Meinung zu ändern und sich den Freiheitskämpfern anzuschließen; oder als Damien und seine Kämpfer just in dem Moment, als Sinead sich in den Klauen weniger Söldner befindet, keine Munition mehr haben und nicht eingreifen können. Hier hätte vor allem Autor Paul Laverty durchaus bessere Arbeit leisten dürfen.

    Lange, vielleicht zu lange Zeit wirkt „The Wind That Shakes The Barley“ aufgrund von Loachs kaum verhohlener politischer Position Schwarz und Weiß und erst gegen Ende, wenn sich die Landsleute und schließlich auch die Brüder gegeneinander wenden und auch die Korrumpierbarkeit der IRA angesprochen wird, kommt noch etwas (wohltuendes) Grau in den Film. Doch trotz dieser Schwächen liefert der Filmemacher einen sehenswerten und wichtigen Film ab. Dabei sind es weder die Figuren noch die erzählte Geschichte, die den Zuschauer für sich einnehmen werden, sondern das immer spürbare Engagement des Filmemachers Loach.
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