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Numb
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Numb
Von Anna Lisa Senftleben
„Numb“ heißt soviel wie starr, betäubt, gefühllos. Also ein passender Titel für die autobiographische Komödie des kanadischen Regisseurs und Drehbuchautors Harris Goldberg. Immerhin geht es hierin um eine psychische Krankheit (Depersonalisation), deren Symptome sich mit diesem Begriff am besten auf einen Nenner bringen lassen. Ein wenig verharmlosend klingt hingegen der deutsche Untertitel „Leicht daneben“, der dafür aber wiederum gut zum selbstironischen Unterton des Films passt.

Der erfolgreiche Drehbuchautor Hudson (Matthew Perry) erkrankt plötzlich an einer beängstigenden Störung, die ihn jeden Tag, jede Stunde und jede Minute begleitet: Depersonalisation. Darunter versteht man den Verlust des natürlichen Persönlichkeitsgefühls. Hudson hat also das Gefühl, seinen eigenen Körper und seinen eigenen Verstand als Außenstehender zu betrachten. Er beschließt, professionelle Hilfe einzuholen. Der Therapeut Dr. Townsend (Bob Ganton) verschreibt ihm – nach gescheiterten pillenlosen Heilungsversuchen – gleich Rivotril. Ein Medikament, bei dem Impotenz noch zu den harmloseren Nebenwirkungen gehört. Alle weiteren Behandlungen scheitern ähnlich kläglich, bis Hudson schließlich seine Traumfrau Sarah (Lynn Collins) kennenlernt. Zunächst versucht Hudson, sein Leiden vor Sarah zu verstecken. Doch seine Affinität für den Golf-Kanal und seine kleptomanischen Aussetzer lassen sich nicht lange verheimlichen. Für diese Frau will sich Hudson endlich ändern. Doch ob ihm das gelingt, bezweifelt er selbst am stärksten…

„Ich war schon immer mein schlimmster Feind.“ - Hudson

Harris Goldberg weiß, wovon er erzählt. Immerhin hat er die Krankheit selbst durchlebt. Dennoch ist „Numb“ keine selbsttherapeutische Studie, sondern eine Komödie mit tragischen Zügen, die die psychische Störung und alles was dazugehört ernst nimmt. Goldberg betrachtet seine persönliche Leidensgeschichte stets mit einer ironischen Distanz, die er auch bei der Darstellung des in den USA vermutlich krisensicheren Berufstandes der Seelenklempner anwendet. Dass „Numb“ autobiographische Züge hat, wird vor allem an der Ich-Erzähler-Perspektive deutlich. Diese mutet in manchen Szenen wie die Verfilmung von Goldbergs Tagebuch oder des Protokolls einer Therapiesitzung an, doch nervig oder gar langweilig wird es dank der zynischen Kommentare von Goldbergs Alter-Ego Hudson nie.

Matthew Perry (Keine halben Sachen, Keine halben Sachen 2) entpuppt sich als Idealbesetzung. Dackelblick hin und „Friends“-Vergangenheit her – in der Rolle des psychisch labilen Hudson blitzen auch die tragischen Facetten seines schauspielerischen Könnens immer wieder durch. Auch wenn er für manchen immer nur „Chandler“ sein wird, gelingt es Perry hier doch, aus dem Schatten seiner Über-Rolle zu treten. Ebenso überzeugend ist der männliche Gegenpart besetzt: Hudsons Kumpel und Kollege Tom wird von Kevin Pollack (Eine wie keine, Hostage) verkörpert.

„Eine Pille war das Äquivalent für drei gepflegte Biere. Zwei oder drei Pillen nahmen mir fast das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Eine höhere Dosis brauchte man nur, wenn man von einem Therapeuten abgewiesen worden war, dem man sein ganzes Leben anvertraut hatte. Zwar liebte ich die Betäubung, aber es gab einen Nachteil: die sexuelle Dysfunktion. Es wurde so schlimm, dass mich der normale Sexualakt gar nicht mehr anmachte. Ich musste mir die erregendsten 20 Sekunden Videomaterial immer wieder vorspielen, damit es funktionierte.“ - Hudson

Die neben Sarah zweite weibliche Hauptfigur ist die auf kognitive Verhaltensforschung spezialisierte Dr. Blaine (auch mit 55 noch sexy: Mary Steenburgen, Stiefbrüder). Dass die meisten Psychologen eigentlich nur sich selbst therapieren, ist ein tiefsitzendes Vorurteil, das auf Dr. Blaine allerdings ziemlich genau zutrifft. Steenburgen ist als ist durchgeknallte, liebestolle Therapeutin einfach wunderbar. Vereinnahmender und anstrengender hätte man die Rolle kaum mehr gestalten können. Man leidet regelrecht mit, als Steenburgen alias Dr. Blaine Hudson ebenso lautstark wie peinlich ihre Liebe gesteht.

Bereits beim ersten Date fragt Sarah Hudson nach dessen größter Angst. Dieser berichtet gleich von zweien: der Angst, verrückt zu werden, und der Angst, dass seinem Dad etwas zustößt. Damit ist bereits früh der Bogen zu zwei Themen des Films gespannt: Angst und Tod, beziehungsweise die Angst vor dem Tod. Trotz dieser ernsten Anklänge steht die Liebe, besonders die zwischen Hudson und Sarah, stets im Vordergrund. Dennoch lässt Goldberg diese Liebe angenehmerweise nicht in einer rosafarbenen Seifenblasen-Welt ohne Kummer und Sorgen ausklingen, sondern präsentiert ein stimmiges Ende.

Fazit: Mit „Numb“ ist es Harris Goldberg gelungen, ein ernstes Thema wie psychische Erkrankungen und ihre Folgen stimmig in komödiantischer und vor allem selbstironischer Form anzupacken. Dank seiner persönlichen Erfahrungen führt er den Protagonisten nicht vor, sondern lässt den Zuschauer an der Gefühlswelt eines Mannes mit Depersonalisationsstörung teilhaben. Für Abzüge sorgen die oberflächlich erzählte Beziehung zwischen Sarah und Hudson sowie die nervtötende Musik. Außerdem holt der Film bei der Vorstellung einiger von Hudsons Ängsten etwas zu weit aus.
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