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Irina Palm
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Irina Palm
Von Andreas R. Becker
„Irina Palm“ ist eine wunderbar britische Tragikomödie und der zweite Spielfilm des in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Regisseurs Sam Garbarski, der nunmehr in Belgien wohnhaft ist. Das neue Werk des preisgekrönten Werbespot-Regisseurs ist aber nicht nur mit internationaler Besetzung, sondern auch einer ebensolchen Finanzierung entstanden. Bereits 2003 war das Drehbuch fertig und erst nach jahrelanger Überzeugungsarbeit war es möglich, unter Beteiligung von 15 (!) Produktionsgesellschaften bzw. Filmförderungsanstalten das Projekt in Großbritannien zu realisieren. Garbarski: „Es ist immer dasselbe: Alle sind auf der Suche nach einem originellen Drehbuch, aber wenn jemand tatsächlich mal eine gute Idee hat, dann bekommen sie plötzlich kalte Füße.“

Maggie (Marianne Faithfull) ist eine Witwe in ihren späten Fünfzigern. Ihr Enkel Olly (Corey Burke) ist schwer krank, nur eine Operation in Australien birgt Aussicht auf Lebensrettung, doch für die will die Versicherung nicht zahlen. Maggies Sohn Tom (Kevin Bishop, L´Auberge Espagnole) und seine Frau Sarah (Siobhán Hewlett) leben jedoch ebenso wie sie selbst in bescheidenen Verhältnissen und können das Geld für die OP nicht auftreiben. Als alle Bemühungen, einen Job zu ergattern, scheitern, schlittert Maggie zunächst nur halb beabsichtigt ins horizontale Gewerbe: Sie liest ein Gesuch für „Hostessen“ und wird kurz darauf vom Clubbesitzer Miki (Miki Manojlovic, „Schwarze Katze, Weißer Kater“) über Euphemismen aufgeklärt... Nicht nur, weil es sich als die schnellste, sondern letztlich auch die einzige Chance erweist, das Leben ihres Enkels zu retten, willigt Maggie ein, Männer anonym mit der Hand zu befriedigen. Noch bevor sie sich versieht, wird sie unter ihrem Synonym Irina Palm in London stadtbekannt – mit allen Konsequenzen.

Apropos „originell“: Das Prädikat kann man bedenkenlos auch an den fertigen Film heften. Hier entsteht die oft brüllende Komik nicht mehr nur durch die spritzigen und lakonischen Dialoge und Oneliner vom Typ Miki: „If they don’t come – I’ll come.“ Wie die Faust aufs Auge passt Miki Manojlovic in seine Rolle als Clubbesitzer, dem er auch gleich seinen Vornamen lieh. Repräsentiert er auf den ersten Blick das absolute Klischee eines dekadenten Puffbesitzers, ist er eben doch nicht einfach nur schmierig. Schon nach wenigen Sätzen schimmern sympathische Eigenschaften unter der Oberfläche aus Haargel und Lederjacke hindurch. Hart, aber fair, lautet das Motto, das noch nicht das Ende seiner überraschend vielseitigen Persönlichkeit darstellt.

Neben ihren kleinen und großen Handlungen ist es aber vor allem die ausdrucksstarke Mimik einer brillanten Marianne Faithfull (Marie Antoinette, „Intimacy“) als Maggie, die ganze Bände spricht und Gesichtsmuskulatur und Zwerchfell des Zuschauers auf eine Weise anstrengt, wie man es nicht nur am Rande des Mainstream-Kinos lange nicht mehr erleben durfte. Dabei spielt manchmal auch die Kombination mit der Tonspur eine nicht unerhebliche Rolle. Trotz seines Themas wird „Irina Palm“ nie explizit pornographisch. Bestenfalls im Sinne von schmatzenden Geräuschen, die bestimmte Handbewegungen unter Gleitmitteleinsatz verursachen können – und sich in Maggies Gesicht im doppelten Sinne des Wortes „komisch“ widerspiegeln. Oder in der Tatsache, dass die „wanking widow“ beginnt, die kalte und schäbige graue Kammer mit dem Loch in der Mitte mit Bildern von zu Hause zu dekorieren, oder eine Thermoskanne auf den Tisch stellt, gleich neben die Brotbox. Damit zeigt Garbarski auch die Sexindustrie auf ironische, aber deutliche Weise als einen Ort der Arbeit. Und der ist wahrlich kein Zuckerschlecken, sondern ein hartes Gewerbe. Auch hier gelten die Gesetze der Marktwirtschaft, wie Maggie auf negative und positive Weise zu spüren bekommt. Trotz der Legalisierung von Prostitution in vielen Ländern ist der „Job“ dennoch nach wie vor alles andere als gesellschaftlich prämiert. Diese Tatsache wird in „Irina Palm“ natürlich keineswegs verleugnet, sondern macht die tragische Seite des Films aus, an die nicht zuletzt die gedämpften Farben und die melancholische Musik immer wieder erinnern. Nachdem Maggie das Stellenangebot liest, steigt sie in den symbolisch im Keller platzierten Sexclub hinab, im wörtlichen und im übertragenden Sinne. Lange Zeit versucht sie deshalb, ihr neues Doppelleben vor der scheinheiligen Spießbürgerlichkeit zu verstecken, die in ihrem kleinen Vorort herrscht. Dass das nicht lange gut gehen kann, ahnt man schnell und nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sich ihre vermeintlichen Freundinnen beim five o’clock tea das schnatternde Maul zerreißen. Bis die Situation schließlich in einem unerwarteten Zusammentreffen eskaliert und der Spaß ein Ende nimmt.

Trotzdem wird der Ort der „schmutzigen Arbeit“ nie klischeehaft dargestellt. Seine Probleme werden nicht ignoriert, aber auch nicht überstilisiert, sondern er wird vielmehr zum Ort des Erwachens für Maggie. Mit der Zeit findet sie einen Weg aus ihrer Weltfremdheit nach über 30 Jahren Ehe zu sich und ein neues Selbstbewusstsein wächst in ihr. Sie scheut Konfrontationen nicht mehr und zu dem Prädikat „originell“ gesellt sich noch eines, das man sich gerade in den vergangenen Jahren öfter zu lesen wünschte: „politisch unkorrekt“. Wird Maggie zu Anfang noch allein ihres Alters wegen von der Gesellschaft als nutzlos abgestempelt, sind es letztlich ihr Mut, ihre Güte und ihre Ausdauer, die ihr helfen, dem Schicksal doch zu einer ganz unerwarteten Wendung zu verhelfen an einem Ort, wo man es zuletzt vermutet hätte.
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