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    Der Feind in den eigenen Reihen - Intimate Enemies
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der Feind in den eigenen Reihen - Intimate Enemies
    Von Jan Hamm
    Wie kann das unvorstellbare Grauen des Krieges in ein Medium übertragen werden, das a priori auf Ästhetisierung basiert? Das ist das Dilemma des Antikriegsfilms. Inszenierung ist immer auch künstlerische Verklausulierung. Wo aber berühren sich Kunst und die totale Entwürdigung von Geist und Körper überhaupt? Mit „Intimate Enemies“ sucht Florent Emilio Siri (Hostage) nach Antworten auf eine Frage, die von jedem Regisseur anders angegangen wird. Oliver Stone stellte sich seinem Vietnam-Trauma, indem er in Platoon herauskristallisierte, wie unkontrollierbar einmal entfesselte Gewalt ist, wie schnell sie sich zwangsweise auch gegen die vermeintlichen Kameraden richtet. Steven Spielbergs Der Soldat James Ryan befasste sich vor allem mit dem regressiven Element des Massensterbens: Im Angesicht des Todes schreien die embryonal zusammengekrümmten Soldaten nicht nach ihren Medizinern, sondern nach der Mutter. Siri ergänzt die Ansätze seiner Vordenker um einen gleichsam relevanten Aspekt, indem er Autoaggression als Kompensation des Schreckens in den Fokus nimmt. Sein brillant inszenierter Rückblick auf den Algerien-Konflikt osziliert zwischen Spiel mir das Lied vom Tod und Im Westen nichts Neues, während der Kontrast zwischen Unverfilmbaren und filmimmanenter Ästhetik mutig mit einbezogen wird.

    Einst kämpften Franzosen und Algerier Seite an Seite gegen Nazideutschland. Dann kam das Massaker von Sétif, gefolgt vom bewaffneten Aufstand der nativen Bevölkerung gegen die Kolonialmacht. 1959, drei Jahre vor der algerischen Unabhängigkeit, stehen die Besatzer im offenen Krieg mit den Partisanen. Um einen getöteten Lieutenant zu ersetzen, reist der unerfahrene, aber idealistische Terrien (Benoît Magimel) an die ferne Front. Ein taktischer Fehler zwang Sergeant Dougnac (Albert Dupontel, So ist Paris, Tage oder Stunden) zuvor, das Feuer auf Terriens Vorgänger zu eröffnen. Die Integrität der Truppe steht ohnehin auf Messers Schneide: Je länger der Konflikt im eigenen Land andauert, desto tiefer stürzen Saïd (Lounès Tazairt) und die anderen algerischen Mitglieder der französischen Streitkraft in eine fatale Identitätskrise. Mit humanistischen Ansätzen versucht sich der Neuankömmling an der Wiederaufrichtung einer völlig desillusionierten Truppe. Doch Terrien ist nicht auf den alltäglichen Horror des Krieges vorbereitet. Vor allem nicht darauf, wie rasend schnell auch er sich verändern und der Anarchie der Gewalt anpassen wird...

    „Intimate Enemies“ ist keine Geschichtsstunde. Indem Siri auf eine Erläuterung der historischen Hintergründe des Algerienkonfliktes verzichtet, vermeidet er jede Form der Parteinahme und rückt damit das universelle Wesen des Krieges ins Zentrum. Ihn interessiert dabei weniger die unmittelbare Erfahrung, sondern vielmehr die Reflektion des sinnfreien Massenmordens. Wenngleich die abrupte Intensität der wenigen Kampfsequenzen durchaus an Spielberg erinnert, orientiert sich sein Antikriegsessay eher an Terrence Malicks Der schmale Grat. Reflektiert wird vor allem das Moment der Entfremdung, das Terrien wiederholt und sukzessive stärker erfährt, je tiefer er in den Kriegsalltag vordringt. Er erlebt, wie sein vertrautes Lebens- und Ich-Gefühl immer unwirklicher wird, bis hin zu nahezu surrealistischen Augenblicken. Wenn Terrien fassungslos durch das Trümmerfeld eines Luftangriffes irrt, wirken die verkohlten Leichen nicht wie Menschen, sondern eher wie groteske Skulpturen oder ein diabolisches Kunstwerk.

    Gewagt instrumentalisiert Siri die unvermeidliche Ästhetik eines Films zur Umsetzung des Albtraumhaften, statt realitätsnah abzubilden. Verstärkt wird dieser Effekt durch inszenatorische Tricks, die direkt bei Sergio Leone entlehnt sind. Mit aggressiven Schuss/Gegenschuss-Schnitten werden die Konflikte zwischen den Figuren wie Revolverduelle aufgezogen. Gespenstisch statische Einstellungen werden von einzelnen, sich qualvoll wiederholenden Umgebungsgeräuschen durchzogen, nur um mit urplötzlich ins Bild tretenden Gestalten in invasiven Close Ups zu münden. Spätestens, wenn sich ein versteinert dreinblickender Dougnac die Hutkrempe ins Gesicht zieht, ist die Beschwörung des Westerns nicht mehr zu übersehen. Leicht hätte Siri sich hier verlaufen können, denn immerhin entfernen Leones ikonographische Posen Figuren und Publikum voneinander.

    Die seelische Vernarbung der zugleich als Täter und Opfer auftretenden Soldaten aber verlangen nach empathischer Annäherung. Und so kommt es folgerichtig zu einem starken Kontrast, wenn der erst so lässige Dougnac sturzbetrunken und Trompete spielend durch die Nacht torkelt, um den Schreien eines Folteropfers zu entkommen. Das grausame Verhör eines vermeintlichen Maulwurfes steht symptomatisch für die Gewaltspirale des ganzen Krieges: Der gewalttätige Versuch, an taktische Informationen zu gelangen, fußt auf bisherigen Gewalterfahrungen und gebiert Gegengewalt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die psychische Deformierung der Soldaten vollendet ist und die Stoßrichtung der Brutalität willkürlich wird - bis hin zur pathologischen Autoaggression. Schlussendlich muss Terrien mit ansehen, wie Dougnac seine eigene, völlig sinnbefreite Folter erzwingt. Das Trauma ist irreversibel, der Rückweg in die Normalität unmöglich geworden. Die finalen Augenblicke von „Intimate Enemies“ replizieren Im Westen nichts Neues mit einem geradezu herbeigesehnten Todesschuss als letzte Aussicht auf Erlösung.

    Der Titel ist Programm. Auf der Makroebene bekriegen sich zwei Nationen, die ehemals Seite an Seite gegen Nazideutschland standen. Innerhalb dieses Konfliktes beharken sich Algerier untereinander, noch eine Ebene tiefer finden brutale Grabenkämpfe innerhalb der französischen Verbände statt. Mikroskopisch ist schließlich die Betrachtung des entgrenzten Individuums, dessen einmal entfesselte Bestialität sich nach Innen richtet und so eine ultimativ intime Feindschaft besiegelt. Damit gelingt Siri eine universelle und substantielle Beobachtung. Wie seine Vorgänger kann auch er die Frage nach der Verfilmbarkeit des Krieges nicht abschließend beantworten. Dennoch: „Intimate Enemies“ ist selbstbewusst inszeniert und glaubwürdig gespielt, während nebenher präzise über Grenzen und Möglichkeiten von Genre und Medium sinniert wird.
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