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    Der fliegende Händler
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Der fliegende Händler
    Von Andreas Staben
    Jeder, der noch die Gelegenheit hatte, in den nun so gut wie ausgestorbenen Tante-Emma-Läden einzukaufen, kann den abstrakten bürokratischen Begriffen Modernisierung oder Strukturwandel mit Gesichtern und Empfindungen, Gerüchen und Aromen angereicherte Erinnerungen entgegenstellen. Diese menschliche Seite hinter den soziologischen Stichworten, die gesellschaftliche Veränderungen beschreiben, ist das bestimmende Element im Werk des Regisseurs Eric Guirado. Nach einigen mehrfach ausgezeichneten Kurzfilmen erzählte er 2002 in seinem ersten Spielfilm „Vom Himmel hoch“ neben anderem einfühlsam von der Situation Obdachloser in der Stadt. Bei der anschließenden Arbeit an TV-Dokumentationen über Wanderberufe in der französischen Provinz fand Guirado, der selber in dieser Region aufgewachsen ist, die Vorbilder und zusätzliche Inspiration für sein leises Familiendrama „Der fliegende Händler“. Er greift Motive wie Landflucht und Überalterung im Rahmen eines konventionell und überdeutlich gezeichneten Generationenkonflikts wieder auf, wobei er den Stoff mit einigen romantischen Obertönen versieht. Bei der Gratwanderung zwischen sozialrealistischer Bestandsaufnahme und nostalgischer Verklärung kommt es zwar zu einigen Fehltritten und des Öfteren gewinnt Klischeehaftes die Oberhand, aber Guirado bleibt sich in der Nähe zu seinen Figuren treu, so dass „Der fliegende Händler“ bei allen Schwächen die Lebendigkeit einer Überzeugungstat besitzt.

    Antoine (Nicolas Cazalé, Eine große Reise, Saint Jacques... Pilgern auf Französisch) hat das Haus seiner Eltern vor Jahren im Streit verlassen und ist vom Land in die Stadt gezogen, wo er sich mit Kellnerjobs über Wasser hält. Als sein Vater (Daniel Duval, Die Zeit die bleibt, Caché) einen Herzinfarkt erleidet und kürzer treten muss, folgt Antoine zögernd dem Hilferuf seiner Mutter. Begleitet von seiner Nachbarin Claire (Clotilde Hesme, „Les Chansons D´Amour“, „Unruhestifter“), für die er unausgesprochene Zuneigung empfindet, kehrt er zurück, um im Geschäft der Eltern auszuhelfen. Er übernimmt die tägliche Tour mit dem mobilen Laden zu den entlegenen Häusern und Anwesen der Gegend. Die dort gebliebenen alten Leute begegnen dem mürrischen Rückkehrer zunächst mit Skepsis. Erst allmählich wird Antoine mit Hilfe der fröhlichen Claire wieder zugänglich für die Leute und die Landschaft seiner Jugend. Doch die ungelösten familiären Konflikte sorgen weiter für Spannungen. Antoine muss sich entscheiden, ob er bleiben will oder nicht.

    Eric Guirado bleibt von Anfang an bei seinen Figuren, rückt ihnen sogar buchstäblich mit eng gewählten Bildausschnitten und Detailaufnahmen auf die Pelle. Was streckenweise aufdringlich und irritierend wirkt, erweist sich im Laufe des Films als durchaus durchdacht. Aber die angestrebte Verdichtung verstärkt zugleich den Eindruck einer zum Hermetischen verengten Perspektive. Des Vaters stolzer Starrsinn, der sich im abweisenden Trotz Antoines spiegelt, hat ebenso wie das angestrengte Lügengebäude des Bruders François (Stéphane Guérin Tillié) etwas Übertriebenes an sich. Unausgesprochenes liegt bleiern über den Familienbeziehungen, innerhalb dieser mit groben Strichen skizzierten, starren Verhältnisse wirkt die lebhafte Claire wie eine kalkulierte Brise frischen Windes. Der bis zum versuchten Selbstmord gehenden dramatischen Zuspitzung steht aber eine wohltuende Zurückhaltung bei der Inszenierung gegenüber. Guirado folgt der Maxime seiner Dokumentationen und nimmt weitgehend einen beobachtenden Gestus ein, was den Blick für Details öffnet. Alltägliche Momente in der elterlichen Küche üben auf diese Weise deutlich mehr Faszination aus als die großen Konfrontationen.

    Die ohne Stilisierung eingefangene Präsenz der Schauplätze und Personen verleiht diesem „Fliegenden Händler“ seinen Reiz. Immer wenn das Fiktionale mit seinem Bedürfnis nach Verwandlung und Entwicklung die Oberhand gewinnt, gerät der Film in das Fahrwasser des Trivialen und Abgeschmackten. Dies zeigt sich auch an Antoines Begegnungen mit den alten Bewohnern der Gegend, die er auf seinen Touren mit dem fahrenden Laden mit Lebensmitteln versorgt. Es dauert eine Weile, bis diese Episoden an Eigengewicht gewinnen, zunächst ist die erzählerische Funktion zu offensichtlich im Vordergrund. Die resolute Lucienne (Liliane Rovère), die dem Krämer wider Willen Kontra gibt, oder der gebrechliche Père Clément (Paul Crauchet), der für seine Erbsen mit Eiern seiner verbleibenden Hühner zahlt, sollen den lustlosen Rückkehrer Antoine aus der Reserve locken. Erst wenn es darum nicht mehr in erster Linie geht, kommen auch die komplexen Emotionen dieser Situationen diskret zu ihrem Recht. Dabei erweist sich die Besetzung der Nebenrollen mit Amateuren aus der Region als glückliche Entscheidung. Diese Menschen müssen sich bei Guirado nicht verstellen, ihre Miniatur-Porträts am Wegesrand der Erzählung gehören zu den größten Pluspunkten des Films. Die professionellen Schauspieler dagegen erhalten spürbar zu wenig klare Anhaltspunkte für die Gestaltung ihrer Rollen, wobei Nicolas Cazalé in der Hauptrolle sich über weite Strecken kurzerhand die Natürlichkeit der unerfahrenen Kollegen zueigen macht.

    „Der fliegende Händler“ ist ein Spielfilm mit dokumentarischem Herzen. Seine Stärken liegen abseits der großen Geschichte vom verlorenen Sohn und einer wiederentdeckten Heimat in der Evidenz einer liebevoll und ohne Aufregung präsentierten Umgebung. Regisseur Eric Guirado scheitert mit seiner dem Milieu übergestülpten Erzählung, in und zwischen seinen Bildern kann das neugierige Auge dennoch den lebendigen Stoff vielfältiger Geschichten und Gefühle entdecken.
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