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Disturbia
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Disturbia
Von Christoph Petersen
Auf das filmische Erbe von Alfred Hitchcock, dem Großmeister des Suspense, wird 2009 ein aller Voraussicht nach extrem grausamer Anschlag verübt werden. Immerhin ist Michael Bay mit seiner Produktionsfirma Platinum Dunes gerade dabei, den Thriller-Klassiker Die Vögel zu remaken (bzw. zu verunstalten) – wobei die Macher wahrscheinlich im Nachhinein auch noch stolz auf ihre State-Of-The-Art-Special-Effects hinweisen werden. Doch auch 2007 drohte dem Hitchcock-Nachlass erstes Ungemach: Regisseur D.J. Caruso, der mit The Salton Sea ein umstrittenes Debüt hinlegte, bevor er mit Taking Lives einen durchschnittlichen Thriller und mit Das schnelle Geld ein durchschnittliches Wett-Drama ablieferte, zitiert in seinem Teen-Thriller „Disturbia“ nämlich lustig Hitchcocks Filmschaffen rauf und runter. Doch die Befürchtung entpuppt sich schnell als unbegründet. „Disturbia“ nimmt seine Vorbilder – und neben Das Fenster zum Hof, der die Grundidee liefert, würden sich hier auch noch zahlreiche andere nennen lassen – gar nicht ernst genug, um ihnen wirklich zu schaden. Stattdessen macht er mit seinem verspielten Stil und seinem sympathischen Hauptdarsteller Shia LeBeouf vor allem jede Menge Spaß.

Nach dem Unfalltod seines Vaters (Matt Craven), für den er sich selbst mitverantwortlich fühlt, rastet Kale (Shia LeBeouf) vollkommen aus und schlägt seinen unsensiblen Spanischlehrer (Rene Rivera) vor der versammelten Klasse nieder. Als Strafe bekommt er von einem verständnisvollen Richter (Charles Carroll) drei Monate Hausarrest aufgebrummt, mit seiner Fußfessel darf er sich nur 30 Meter von der Station in der Küche entfernen, ansonsten schrillt der Alarm los und die Cops stehen innerhalb von Sekunden vor der Tür. Kale reagiert auf seinen so eingeschränkten Lebensraum wie es jeder Teenager tun würde – mit Fast Food, X-Box 360 und Trash-TV. Doch dieses Lotterleben ihres Sohnes schaut sich Mutter Julie (Carrie-Anne Moss) nicht allzu lang tatenlos mit an, Internet wird abbestellt und das TV-Stromkabel kurzerhand gekappt. So droht Kale vor lauter Langeweile bald den Verstand zu verlieren. Als letzte Rettung stellt sich die Tochter der gerade zugezogenen Nachbarn heraus – Ashley (Sarah Roemer) ist wirklich hot und Kale lebt seine voyeuristischen Neigungen mit neu gewonnener guter Laune exzessiv aus. Irgendwann beginnt er, auch ein Interesse an einem weiteren Nachbarn zu entwickeln – immer mehr Indizien deuten darauf hin, dass es sich bei dem auf den ersten Blick unscheinbaren Mr. Turner (David Morse) um einen landesweit gesuchten Serienmörder handeln könnte…

„Disturbia“ präsentiert sich schon nach den ersten Szenen als kruder Genre-Mix. Ein wenig Drama hier, ein wenig Teen-Comedy dort, und dann das Ganze noch mit ein paar Thriller-Einlagen Hitchcock-Style ordentlich abschmecken. Dabei schwankt die Stimmung des Films von einer Sekunde auf die nächste, von lustig auf romantisch hin zu spannend, und dann geht es wieder von vorne los. Auch wenn man die filmischen Tricks, die emotionale musikalische Untermalung und unterschiedlich schnelle Schnittfolgen, schnell durchschaut, wirkt die Zuschauer-Manipulation doch hervorragend. Caruso beherrscht sein Handwerk und die Stimmungs-Klaviatur im Schlaf. Das Paranoia-Thema, das zwar in seinen Grundzügen aus Das Fenster zum Hof und damit aus den 50er Jahren stammt, ist in Zeiten des Terrorismus, in denen die eigene Regierung Angst schürt, wo sie nur kann, natürlich präsenter denn je. Trotzdem geht „Disturbia“ nur in einer Szene, in der Mr. Turner Ashley auf die eh schon paranoide Stimmung im Lande hinweist, auf diese Verbindung ein. Ansonsten konzentriert sich der Film statt auf tagesaktuelle Bezüge vielmehr auf seinen verspielten Zitatenwahn – nicht nur Hitchcock, sondern zum Beispiel auch Stanley Kubricks The Shining oder John Hughes Ferris macht blau werden herangezogen. Schade ist diese Schwerpunktsetzung allerdings kaum, denn auch wenn er beim Kopieren nie die Genialität von Wes Cravens zitatengespicktem Slasher Scream erreicht, macht die wilde Zeitreise durch die verschiedenen Genres und Dekaden doch immer viel Laune.

Normalerweise ist Shia LeBouf der Sidekick vom Dienst. Nachdem er in Constantine und I, Robot schon als unterhaltender Stichwortgeber für Keanu Reeves und Will Smith aufgetreten ist, wird er demnächst auch die Rolle von Harrison Fords Sohn im vierten Teil des Indiana-Jones-Franchises übernehmen. Abseits seiner Nebenrollen-Karriere startet er aber nun auch als Hauptdarsteller voll durch – und hat dabei absolut das Zeug zum Star. Nachdem er nun in „Disturbia“ den Durchschnittsteenie Kale so dermaßen sympathisch charakterisiert hat, stehen die Chancen nämlich mehr als gut, dass er auch als Held des kommenden Sommerblockbusters Transformers voll überzeugen wird. Sarah Roemer (The Grudge 2) ist als Ashley verdammt charmant und sexy, und mehr gibt die Rolle als oft leicht bekleidetes Nachbarsmädchen auch einfach nicht her. Ein ähnliches Problem hat auch Carrie-Anne Moss, sie spielt einfach nur die sorgende Vorstadt-Mutter - ob man hierfür wirklich den Matrix-Star hätte besetzten müssen, bleibt dahingestellt. Wirklichen Raum zur Entfaltung hat neben LeBeouf eigentlich nur David Morse (16 Blocks, Dreamer), der hier zwar nie über den 08/15-Bösewicht hinauskommt, aber dafür in den wichtigen Momenten diabolisch genug auftrumpft.

Fazit: Eine Mischung aus dem Thriller-Meisterwerk Das Fenster zum Hof und der Teen-Comedy The Girl Next Door – klingt beim ersten Hören seltendämlich, ist beim ersten Sehen aber unheimlich unterhaltsam. Hitchcock goes Teen-Movie – und das ist auch gut so!
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