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Ein mutiger Weg
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ein mutiger Weg
Von Carsten Baumgardt
Neben dem Adoptionskinder zählen, von der Abmagerung schockiert und über eine mögliche schwere Krankheit betroffen sein, gerät sehr gern in Vergessenheit, dass Angelina Jolie vor ihrem Aufstieg zur weltweiten Marke auch eine Schauspielerin war, teils sogar eine gute. Also lassen wir den Gossip einmal für einen kleinen Moment außer Augen, denn Jolie und ihr Ehemann Brad Pitt haben etwas zu sagen, das über ihr leicht trivial geprägtes Sendungsbewusstsein hinausgeht. Es war dem prominentesten Paar Hollywoods ein Anliegen, die tragische Geschichte der Journalisten Daniel und Mariane Pearl zu erzählen. Jolie spielt unter der Regie von Polit-Filmer Michael Winterbottom die Hauptrolle in „Ein mutiger Weg“, Pitt produzierte das intelligente Thriller-Drama.

Daniel Pearl (Dan Futterman) ist Leiter des Südostasienbüros des Wall Street Journals in Mumbai, Indien. Zu Beginn des Jahres 2002 hält sich der Amerikaner mit seiner französischen Frau Mariane (Angelina Jolie), ebenfalls Journalistin und im fünften Monat schwanger, im pakistanischen Karatschi auf, um über den Terror-Attentäter Richard Reid, bekannt als Schuhbomber, zu recherchieren. Er gräbt tiefer und lässt über Mittelsmann Bashir (Aly Khan) ein hochbrisantes Treffen mit dem des Terrorismus verdächtigten religiösen Führer Scheich Gilani (Ikram Bhatti) arrangieren. Am 23. Januar 2002 bricht der 38-Jährige jüdischer Abstammung auf und wird von einer Splittergruppe der Al-Kaida namens „Nationale Bewegung zur Wiederherstellung der pakistanischen Souveränität“ gekidnappt und verschleppt. Eine Ermittlungsgruppe aus pakistanischen Sicherheitsbehörden, amerikanischer Diplomatie und Geheimdiensten tut ihr menschenmögliches, um Pearl zu finden. Die Entführer verlangen, dass die Al-Kaida-Inhaftierten in dem berüchtigten US-Gefängnis in Guantanamo Bay menschenwürdiger behandelt werden. Nach einiger Zeit taucht ein Videoband auf, welches Pearl drangsaliert in den Händen seiner Peiniger zeigt. Sie drohen ihn zu ermorden, wenn ihre Forderungen nicht umgesetzt werden, doch die USA lehnen jegliches Entgegenkommen kategorisch ab.

Der Engländer Michael Winterbottom (Code 46, 9 Songs) fühlt sich schon seit jeher im politischen Sujet am wohlsten. Zum dritten Mal verschlägt es den engagierten Filmemacher nach Pakistan, wo Teile von In This World (2002) und Road To Guantanamo (2006) gedreht wurden. „Ein mutiger Weg“ skizziert im streng dokumentarisch angelegten Stil nach den Memoiren von Mariane Pearl („Ein mutiges Herz: Leben und Tod des Journalisten Daniel Pearl“) die letzten Tage und Wochen ihres Ende Januar 2002 von einer Al-Kaida-Splittergruppe geköpften Mannes Daniel. Auch wenn das Drama ein Politikum thematisiert, zu dem die Entführung des integeren Journalisten Pearl wurde, ist „Ein mutiger Weg“ kein im strengsten Sinne politischer Film, da er sich auf die Perspektive von Pearls Ehefrau Mariane konzentriert. Und die ist einzig und allein daran interessiert, dass ihr Mann wieder lebendig zurückkehrt. Doch die Gewissheit, dass dies im Film nicht passieren wird, was an der Tücke des Objekts Memoiren-Verfilmung liegt, ist ein spürbarer Spannungskiller: Die hektische Inszenierung Winterbottoms mit großem Handkameraeinsatz und diversen, teils wirr-kühnen Schnitten erzeugt zwar eine erstklassige Authentizität, die durch einige nicht autorisierte Guerilla-Aufnahmen in Karatschi unterstützt wird, aber das Publikum kann durch die immer wiederkehrende stakkatoartige Abkehr vom Fokus Mariane Pearl kaum eine echte Beziehung zur der Hauptperson aufbauen, was die Ausbreitung der Emotionen in diesem hochemotionalen Mienenfeld erschwert.

Großartig ist „Ein mutiger Weg“ als beinahe klinische, nüchterne Analyse des internationalen Prozederes einer solchen Ermittlungen, ähnlich wie dies auch Peter Bergs Polit-Actiondrama Operation: Kingdom in Teilen vorführt. Die Pakistani, deren stetig schwelender Kleinkrieg mit Nachbar Indien selbst den Fall Pearl streift, sind peinlich berührt, dass derartiges in ihrem Land passiert ist. Doch trotz aller Mühen der Intelligenzen gelingt es der Ermittlungsgruppe nicht, Pearls Leben zu retten. In regelmäßig eingestreuten Rückblicken nimmt Daniel Pearl zumindest teilweise an der weiteren Handlung teil, wenn auch diese Flashbacks den Fluss immer wieder unterbrechen, so aber andererseits die starke Verbindung zu seiner Frau dokumentieren und greifbar machen. Das sich zunehmend erhöhende Chaos versinnbildlicht hervorragend eine Tafel im Hause der Pearls. Dort zeichnen die Ermittler alle Informationen und Querverbindungen auf und versuchen so, den Überblick zu behalten, was aber einfach nicht mehr gelingt, da die Flut an Daten zwar Ergebnisse und Fortschritte bringt, aber die Zeit allen schon längst davon gelaufen ist.

In all dieser Hilflosigkeit behält Mariane Pearl einen erstaunlich kühlen Kopf – bis sie die schreckliche Nachricht empfängt, dass ihr Mann von den Terroristen vor laufender Videokamera brutal enthauptet wurde. An dieser Stelle zeigt Angelina Jolie (Mr. And Mrs. Smith, Der gute Hirte, Lara Croft: Tomb Raider), die sich bis dahin mit solidem Schauspiel wacker geschlagen hat, dass doch mehr in ihr steckt (zum Beispiel zu sehen in Durchgeknallt - Girl Interrupted). Diese markerschütternden Schreie einer Frau, die gerade auf tragische Weise ihren Mann verloren hat, können niemanden kalt lassen. Damit wird jeder offensiv, persönlich angesprochen. Weggucken oder weghören ist nicht möglich. Das, was Winterbottom durch seinen klinischen Stil zuvor immer verpasst hatte, gelingt nun mit einem Kraftakt auf den Punkt. Ein wenig traurig ist die Tatsache, dass der Regisseur diese unglaublich intensive Szene später durch einen verkitschten Epilog abschwächt, indem er einen zweiten Urschrei als Verbindungsfanal zwischen Leben und Tod folgen lässt. Jolies durchaus gute Leistung wird dazu noch durch ihren auf Dauer nervenden nachgestellten französischen Akzept geschmälert (ihre merkwürdige Korkenzieherlockenmähne ist selbstverständlich dem realen Vorbild geschuldet). Vielleicht wäre es einfach besser gewesen, diesen Part mit einer Muttersprachlerin zu besetzen. Nicht jeder kann derart perfekt Akzente annehmen, wie dies zuletzt Leonardo DiCaprio in Blood Diamond bravourös vormachte. Der restliche Cast ist stimmig besetzt, alles passt zusammen. Von den Nebendarstellern erspielen sich Archie Panjabi (Ein gutes Jahr, Der ewige Gärtner) als Pearls beste Freundin Asra und Will Patton (Postman, The Punisher) als charismatischer Diplomat Bennett die größte Aufmerksamkeit.

Fazit: „Ein mutiger Weg“ ist ein kleiner, wichtiger, ein guter Film, dessen Schwächen von den Stärken überdeckt werden. Das Thriller-Drama hat eine größere Aufmerksamkeit verdient, als ihm in den USA trotz der Starpräsenz von Angelina Jolie beschieden war.

Nachtrag mit SPOILERN: Daniel Pearl (* 10. Oktober 1963 in Princeton, New Jersey) starb vermutlich Ende Januar 2002 in einem Verschlag in den Außenbezirken Karatschis. Erst am 21. Februar 2002 erhielt Mariane Pearl durch das Videoband Gewissheit, dass ihr Mann tot ist. Scheich Khalid Mohammed gestand in US-Gefangenschaft in Guantanamo Bay auf Kuba die Ermordung Daniel Pearls. Ob die Aussage unter Folter erzwungen wurde, wird heftig diskutiert. Am 27. Mai 2002 brachte Pearl in Paris ihren Sohn Adam zur Welt.
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