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Shnat Effes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Shnat Effes
Von Martin Thoma
„Das ist ein Problem.“ So lautet der Satz, der sich durch die parallelen Geschichten der Figuren dieses Dramas zieht. Und jedes Mal bedeutet „Problem“ zwei fundamental andere Dinge. Für den Angesprochenen bedeutet das Wort vielleicht den Verlust der Arbeit, des Eigentums, der Wohnung oder der Existenz. Für den Sprecher besteht das Problem darin, wie er den Angesprochenen möglichst schnell los wird. „Shnat Effes“ (wörtlich übersetzt: Jahr Null), der dritte Spielfilm des israelischen Autorenfilmers Joseph Pitchhadze („Under Western Eyes“, „Besame Mucho“), ist ein „Problemfilm“ über Entsolidarisierung und Neoliberalismus im heutigen Israel - und über persönliche Neuanfänge.

Die junge, allein erziehende Mutter Anna (Sarah Adler, „Notre Musique“) und ihr 10-jähriger Sohn (Zuki Ringart) werden wegen Mietschulden vor die Tür gesetzt. Anna, die gleichzeitig arbeitslos geworden ist, sieht nur noch einen Ausweg: sich zu prostituieren – bis sie Matti (Dan Toren) kennen lernt. Die Beziehung mit ihm scheint ihr ein besseres Leben zu ermöglichen, aber leider sind Mattis Probleme sogar noch weit schlimmer als ihre. Die Probleme des Hausverwalters Ruven (Menashe Noi), der Anna vor die Tür gesetzt hat, sind dagegen weniger existenzieller Art. Die bewusst kinderlose Ehe mit seiner Frau Michal (Keren Mor) ist in eine Krise geraten. Als Michal Ruven eröffnet, sie sei schwanger, wirft ihn die Nachricht so sehr aus der Bahn, dass er versehentlich einen Blindenhund überfährt. Ruven begeht Fahrerflucht, doch sein schlechtes Gewissen deswegen, lässt ihn nicht los. Er sucht Eddi (Moni Moshonov), den Besitzer des Hundes, auf und hilft ihm im Alltag, verschweigt jedoch, was er getan hat. Währenddessen beginnt Michal eine Affäre mit ihrem Arbeitskollegen Kagan (Danny Geva), einem introvertierten Radiotechniker, der an einer Sendung über die Anfänge der Punkbewegung in Israel arbeitet…

Diese Inhaltsangabe liest sich, als müsste „Shnat Effes“ unter einem Berg von irgendwie typischen „Problemfilm“-Problemen ersticken. Erstaunlicherweise aber ist Joseph Pitchhadze ein trotz unübersehbarer Schwächen größtenteils sehenswerter Film gelungen. Fraglos reißt einen „Shnat Effes“ weniger mit als bei ähnlich angelegten Episodenfilme wie Night On Earth oder „Amores Perros“. Die Geschichten der einzelnen Protagonisten nicht so überzeugend miteinander verbunden und ergeben als Ganze kein so beeindruckendes Gesamtbild. Der Schluss des Films schafft es sogar, gleichzeitig vorhersehbar zu sein und obendrein noch aufgesetzt zu wirken. Außerdem drückt er ziemlich billig auf die Tränendrüse. Dennoch: Auch wenn der Film als Ganzes nicht überzeugen kann, er glänzt in seinen einzelnen Bestandteilen.

Der stärkste Teil ist die beginnende Freundschaft von Eddi und Ruven: Wie Ruven es nicht schafft, sein Gewissen möglichst kurz und schmerzlos ruhig zu stellen und wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Wie Eddi, der ziemlich bald bemerkt, mit wem er es zu tun hat, ihn an sich bindet, um ihn immer wieder mit den Folgen seiner Tat konfrontieren zu können. Wie viel Kraft und Überwindung ihn diese Strategie kostet, wo es doch so viel einfacher wäre, Ruven sinnlos zu hassen. Wie diese beiden Männer dennoch Freunde werden – kaum aus Zuneigung, viel eher aus Einsamkeit – ist einfühlsam. Genau und auch leise komisch erzählt und vor allem von Menashe Noi als Ruven herausragend gespielt. Schauspielerisch genauso überzeugend agiert Keren Mor als Ruvens Ehefrau. Keren Mor und Menashe Noi sind übrigens auch im wahren Leben ein Paar, und man kann wirklich nur für sie hoffen, dass sie in „Shnat Effes“ nicht sich selbst spielen.

Während Ruven und Michal kaum als Sympathieträger taugen, tritt Kagan immer einen entscheidenden Tick zu lieb auf. Brav und verbindlich wie er ist, wirkt er teilweise komisch und doch in seiner eigenbrötlerischen Introvertiertheit fast provokant. Dass der relativ leicht zugängliche Punkrock, den die israelische Band „Useless ID“ für diesen Erzählstrang zum durchaus hörenswerten Soundtrack des Filmes beisteuert, nicht gerade vor Wildheit strotzt, passt sogar ganz gut. Es macht deutlich, wie fremd Kagan schon die kleinsten Gesten jugendlicher Rebellion sind. Am Ende findet er seine persönliche Form der Annäherung an den Vater und des Protests gegen die vom Arbeitgeber verordnete Volksverdummung. Auch sie gehört zu den Drehbucheinfällen, die im Gedächtnis bleiben werden.

Am wenigsten überzeugt der dramatischste Erzählstrang: Annas Leidensgeschichte. Hier geraten einmal sogar die ansonsten stilsicher ruhig poetisch gefilmten Bilder kitschig. Anna, durch ein Gitter aufgenommen, lässt ihren bunten Schal auf den Schwingen einer sanften Windböe in den azurblauen Himmel auffliegen. Vor allen Dingen ist es schade, wie sehr Anna als Opferlamm herhalten muss, denn dass Sarah Adler schauspielerisch noch viel mehr draufgehabt hätte, das merkt man mit jeder Einstellung. „Shnat Effes“ ist trotz seiner Schwächen ein ruhiger, sympathischer und eindringlicher Film. Und er ist ein dringendes Plädoyer zumindest dafür, den Satz „Das ist ein Problem“ in der oben angeführten doppelten Bedeutung aus dem eigenen Wortschatz zu streichen.
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