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Workingman's Death
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Workingman's Death
Von Christoph Petersen
In Zeiten von Hartz 4, fünf Millionen Arbeitslosen und gestrichenem Weihnachtsgeld haben es viele Arbeiter in Deutschland nicht gerade einfach. Aber bei aller berechtigter Kritik an (un-)nötigen Einschnitten sollte man nie vergessen, dass so mancher Job, der für einen Deutschen gerade noch zumutbar ist, für andere der pure Luxus wäre. In fünf Kapitel erzählt der österreichische Filmemacher Michael Glawogger („Megacities“, „Slumming“) in spektakulären Bildern vom täglichen Kampf von Menschen mit und um ihre Arbeit – von Kohleminen in der Ukraine bis zum Schwefelabbau in Indonesien, vom gigantischen Schlachthof in Nigeria bis zur Schiffsausschlachtung in Pakistan werden extreme Arbeitsbedingungen in allen Ecken der Welt unter die Lupe genommen. Dabei ist der Dokumentarfilm „Workingman´s Death“ ebenso beeindruckend und filmisch brillant wie brisant und aktuell.

Der Film beginnt mit Archivmaterial aus dem Jahre 1932: Damals wurde der Bergmann Aleksej Stachanov von der Sowjetischen Propaganda-Maschinerie zum Held der Arbeit erhoben. Heute bauen im Ukrainischen Donbass nur noch eine Handvoll „Helden“ Kohle ab – zum Privatgebrauch und dazu auch noch illegal. Nur vierzig Zentimeter sind die Stollen hoch, so dass Valodja und seine Kollegen den ganzen Tag im Liegen schuften müssen. Ohne erklärenden Kommentar, dafür mit groß-komponierten Bildern in langen Einstellungen gibt Glawogger einen prägnanten Einblick in eine typisch-extreme Arbeitsschicht unter Tage. Dabei begeht er nicht den Fehler, die schwierige Situation einfach nur anzuprangern, sondern zeigt auch, dass es hier neben allem Leid genauso Liebe und Glück zu finden gibt. So erzeugt der Film beim Zuschauer zwar Verständnis und Bewunderung für diese Menschen, die sich selbst zum größten Teil über ihre harte Arbeit definieren, ohne aber für falsches Mitleid zu werben.

Neben fantastischen Naturaufnahmen der Indonesischen Berglandschaft überzeugt das zweite Kapitel „Geister“ vor allem durch seinen präzisen Blick für das Absurde. Jeden Tag müssen die Träger siebzig bis hundert Kilo Schwefel auf ihren Schultern vom Krater des Berges Kawa Ijen ins Tal befördern. Der beschwerliche Weg führt sie erst durch eine steile Geröllwüste und später über lang gezogene Waldpfade. Dabei unterhalten sich die Männer vor allem über die besten und billigsten Huren der Stadt, erzählen sich von ihren letzten Schlägereien, wobei die Schilderungen möglichst blutig-brutal ausgeschmückt werden. Dieses Bild des „Harten Mannes“ wird aber kurz vor dem Ziel auf wunderbar absurde Weise gebrochen: Touristen säumen auf einmal den Pfad, die Träger lassen sich schief grinsend mit ihnen fotografieren, versuchen ihre provisorisch zusammengeschusterten Schwefel-Kunstwerke loszuwerden. Hier werden die männlichen Attribute körperliche Stärke und Ausdauer, die kurz zuvor noch den Kampf der Arbeiter mit ihren schwer beladenen Körben dominiert haben, dorthin gedrängt, wohin sie in den meisten modernen Gesellschaften gehören – an den Rand.

„Löwen“ ist die mit Abstand intensivste Episode, wird in ihrer Heftigkeit für den Zuschauer sogar schon fast körperlich erfahrbar. Jeden Morgen kommt es in Port Harcourt, dem größten Schlachthof Nigerias, unter freiem Himmel zu einem blutigen, undurchschaubaren Gewirr aus schreienden Menschen, quiekenden Tieren und Gummireifen-Feuern – bis zu 350 Ziegen und Kühe werden so täglich geschlachtet, gewaschen, gehäutet und geröstet. Im Sekundentakt werden den angsterfüllten Tieren die Kehlen durchgeschnitten, schon bald gibt es kaum noch ein blutfreies Fleckchen Erde, die Innereien liegen auf dem Boden verstreut – von hygienischen Zuständen nicht die Spur. Glawogger konzentriert sich in „Löwen“ auf seine Inszenierung, die sowohl in ihrer geschäftigen Art als auch ihrer Virtuosität an Fernando Mereilles City of God erinnert – ihn teilweise sogar übertrifft, wodurch die Menschen hier aber ein wenig zu kurz kommen. Wie dieses undurchdringliche Treiben, das jeden Deutschen Kinobesucher zumindest für ein paar Stunden zum Vegetarier machen sollte, für andere Menschen tägliche Routine sein kann, ist so – wenn überhaupt – nur schwer zu erfassen.

Gigantische Stahlplatten oder ganze Schiffshälften trennen die Pakistani, die wie emsige Ameisen über die Wracks herfallen, aus den gestrandeten Schrottkähnen heraus – ein einzigartiger, effektvoll inszenierter Funkenregen geht in Geddeni nieder. Die meisten Arbeiter sind eigentlich Bauern oder haben handwerkliche Berufe erlernt, konnten damit aber in ihren Heimatorten nicht überleben. Auch in Geddani gibt es nicht viel zu verdienen, aber zumindest reicht es für eine spärlich eingerichtete Blechhütte und spartanisches Essen. Die spektakulärste Sequenz des Kapitels „Brüder“ ist der Fall einer riesigen Schiffsfront, den Glawogger mit schnellen Schnitten und ungewöhnlichen Perspektivwechseln spannend wie ein Thriller in Szene zu setzen weiß. Ansonsten besticht die Episode durch ihre differenzierte Herangehensweise an das Männer-Kollektiv, das hier am Strand – nahezu abgeschottet von der Außenwelt – seiner Arbeit nachgeht. Gemeinsames Arbeiten, Beten, Wohnen und Leben sorgt für das bei den gefährlichen Aufgaben dringend notwendige Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn aber ein Fotograf zu besuch kommt, der die Männer mit einer Gummi-MG ablichtet, bricht das archaische Denken – auch wenn es in dieser Form recht niedlich daherkommt – wieder hervor.

Hat Glawogger sich in den ersten Kapiteln noch auf die Rolle des stillen Beobachters beschränkt, sind die in China angesiedelte Episode „Zukunft“ und der im Duisburger Hochofen-Freizeitpark spielende Epilog durchaus als Kommentar zu verstehen – auch wenn die genaue Auslegung dem Zuschauer überlassen bleibt. Ob man die sich stetig verbessernden Arbeitsbedingungen in China oder die post-industrielle Gesellschaft in Deutschland als Gegenentwurf oder als mit Sicherheit auch im Rest der Welt kommende Entwicklungen begreift ist im Endeffekt egal, aber das Glawogger überhaupt mehrere Deutungsmöglichkeiten offen lässt, spricht für sein differenziertes Verständnis der Situation. Bei aller thematischen Qualität ist der größte Pluspunkt von „Workingman´s Death“ aber die überragenden Inszenierung, die mit ihren gigantischen Naturaufnahmen und ihrer aufwändigen Industrie-Optik niemals an einen schlichten Dokumentarfilm, sondern immer an großes Kino erinnert. So macht es nicht nur wissend, sondern auch Spaß, Glawogger auf seiner Reise durch die Arbeits-Welt zu begleiten. Und man sollte auf keinen Fall den Fehler machen, bis zur DVD-Veröffentlichung oder gar Fernsehausstrahlung zu warten, „Workingman´s Death“ gehört ganz einfach auf eine möglichst große Leinwand.
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