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Deception
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Deception
Von Ulf Lepelmeier
Im September 2008 meldete die ehrwürdige Investmentbank Lehman Brothers im Zuge der Finanzkrise Insolvenz an, was schiere Panik bei den gutverdienenden Investmentbankern in New York und überall auf der Welt ausbrechen ließ, die nun mit dem Zusammenbrechen weiterer Finanzdienstleister rechnen mussten. Die Krise - und damit die Zeit der Unsicherheit und Entbehrungen - war endgültig zur Realität geworden. In „Deception – Tödliche Versuchungen“ ist von dieser Krisenstimmung noch nichts zu spüren. Statt um faule Kredite, überschuldete Unternehmen und Arbeitsplatzängste geht es den gutbezahlten Anzugträgern in den verglasten Hochhäusern Manhattans vielmehr darum, ihrem stressigen Alltag mittels eines exklusiven Dating-Kreises zu entfliehen. Regisseur Marcel Langenegger liefert einen uninspirierten Thriller, der auf audiovisueller Ebene gefällt, aber aufgrund seiner spannungsarmen Geschichte zum Produkt von der Stange verkommt.

Der biedere Jonathan McQuarry (Ewan McGregor) geht als Ordnungs- und Zahlenmensch in seinem Beruf als Wirtschaftsprüfer voll auf, hat aber so gut wie keine zwischenmenschlichen Kontakte. Als er die Bücher für eine große Anwaltskanzlei in Manhattan prüft, trifft er auf den charismatischen Anwalt Wyatt Bose (Hugh Jackman), der mehr als ein paar belanglose Floskeln mit ihm wechselt und den schüchternen Buchhalter in ein bedeutend spannenderes Leben einführt. Als die beiden vermeintlichen Freunde ihre Handys vertauschen, erhält Jonathan einen Anruf, der mit den Worten „Sind Sie heute frei“ eingeleitet wird. Der Biedermann gerät in einen exklusiven Sexdate-Rings, in dem gestresste Topmanager beiderlei Geschlechts anonyme und unkomplizierte Sextreffen in teuren Hotels vereinbaren. Jonathan nutzt die Chance und erlebt einige ungezwungene Nächte mit verschiedenen Karrierefrauen, bis er dabei auf die geheimnisvolle S. (Michelle Williams) trifft, in die er sich schlagartig verliebt. Doch bei ihrem zweiten Treffen wird die schöne Unbekannte entführt und Jonathan muss sich plötzlich mit Erpressung, Mord und argwöhnischen Polizisten herumschlagen...

Die Ausgangslage von „Deception“ erscheint reizvoll: Der durchtriebene Wolverine führt den schüchternen Obi Wan in eine halbseidene Welt voller Lust und Gefahren ein. Doch was Hugh Jackman an dem Drehbuch so fesselnd fand, dass er das Filmprojekt auch als Produzent vorantrieb, bleibt schleierhaft. Immerhin ist der Debütfilm des Schweizer Regisseurs Marcel Langenegger weitaus weniger kurzweilig, als die großen Darstellernamen erhoffen lassen. Während der erste Teil des Sex-&-Crime-Reißers noch durchaus passabel unterhält und Erwartungen schürt, erweist sich der Thriller zunehmend als vorhersehbare Genre-Variante von „Malen nach Zahlen“. Es will einfach keine anhaltende Spannung aufkommen und auch der große Twist am Ende ist weit früher durchschaut, als es dem Regisseur lieb sein kann. Da können auch die Gastauftritte von Charlotte Rampling (Lemming), Natasha Henstridge (Species) und Maggie Q (Stirb langsam 4.0) nicht mehr viel retten.

Hugh Jackman (X-Men Origins: Wolverine, Australia, Prestige) ist zumindest der Spaß anzumerken, endlich mal einen Bösewicht verkörpern zu dürfen, auch wenn der Wandel vom Kumpeltyp zum diabolischen Widersacher extrem überhastet und nicht wirklich überzeugend daherkommt. Ewan McGregor (Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung, Die Insel, Stay) gelingt es, Jonathan zur sympathischen Identifikationsfigur aufzubauen, allerdings ist auch der Zahlenschieber nur nach dem üblichen Protagonisten-Muster gestrickt und die Rolle damit nicht gerade schauspielerisch fordernd. Wirklich zu gefallen versteht hingegen Michelle Williams (Brokeback Mountain, Wendy And Lucy, Shutter Island), der es trotz einer verhältnismäßig kleinen Rolle gelingt, als Femme Fatale Akzente zu setzen. So erscheint es durchaus verständlich, dass Jonathan der mysteriös-charmanten S. verfällt, obwohl er praktisch nichts über sie weiß. Während die solide agierenden Darsteller dafür sorgen, dass der Zuschauer trotz Storywüste nicht mental im Filmsessel verdurstet, sind es doch vor allem die gediegene Kameraarbeit von Dante Spinotti (Public Enemies, L.A. Confidential) und die alle Register ziehende musikalische Untermalung, die den Thriller mit kühl-durchgestylter Optik und einem ansprechendem Klangteppich aufwerten.

Fazit: „Deception“ gefällt in der ersten Hälfte, büßt mit Zunahme der stereotypen und durchschaubaren Thrillerelemente aber stetig an Spannung und damit an Unterhaltungswert ein. Auch der gelungene Soundtrack, der solide agierende Cast sowie die edlen Bilder von gläsernen Büroräumen und teuren Hotelsuiten können letztendlich nicht über die an gängige Thrillerkonventionen angelehnte Handlung hinwegtrösten. So ist der als neuer Basic Instinct angepriesene Film weder eine unwiderstehliche Versuchung noch ein spannungsgeladenes Spiel aus Täuschung und Verrat.
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