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Bergkristall
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Bergkristall
Von Matthias Ball
Heimatfilm-Nostalgiker, die den Namen Vilsmaier hören, werden sich gerne an Filme wie „Herbstmilch“ oder „Schlafes Bruder“ erinnert wissen - und das nicht zu unrecht. Schließlich garantierte der Regisseur und Kameramann in der Vergangenheit immer wieder für eine erfrischende Kombination aus den klassischen Heimatfilmelementen Liebe, Gefühl und Leidenschaft verknüpft mit bildstarken Panoramamotiven. Sein neuestes Drama „Bergkristall“ setzt da nahtlos an, lässt aber die Klasse der Vorgänger vermissen.

Wir befinden uns im Jahre 2004. Lawinenalarm, Rettungshubschrauber, Aprés-Ski-Partys - das alljährliche Winterchaos nimmt seinen Lauf und bildet somit die ideale Rahmenhandlung für eine moderne Neuauflage von Adalbert Stifters Novelle „Bergkristall“, die mittlerweile ihre 150 Jahre hinter sich hat. Das übliche passiert: Sebastian (Daniel Morgenrot), Schuster aus Gschaid, hat seine Traumfrau, die Färberstochter Susanne (Dana Vavrova) aus dem reichen Millsdorf gefunden und diese auch gleich geheiratet - soweit, so einfach. Dumm nur, dass beide Gebirgsdörfer durch einen gewaltigen Berg getrennt werden. Das weit größere Problem ist jedoch eine alt-ewige herrschende Dorf-Fehde, die nun wieder zu neuem Leben erwacht. Die kleine Tochter wird mal eben in der Schule terrorisiert, dem Schuster Sebastian bleiben die Kunden fern.

Da ihre Liebe stärker als jeder Hass zu sein scheint, trotzen Susanne und die Kinder Konrad (Francois Göske) und Sanna (Josephina Vilsmaier) den Anfeindungen und setzen sich über die uralte Fehde hinweg, bleiben jedoch Fremde in Gschaid. Als die Feindschaft zwischen den Dörfern erneut aufflammt, wird die Lage der Schusterfamilie so unerträglich, dass Susanne ohne die Kinder zu ihren Eltern nach Millsdorf zurückkehrt. Konrad und Sanna, die jedes Wochenende den langen Weg nach Millsdorf gehen, wünschen sich nichts sehnlicher als ihre Eltern wieder zu vereinen. Genau das soll der Bergkristall schaffen, der wie ein Märchen berichtet, Liebende vereinen kann…

Die Vorlage zu „Bergkristall“ entstand 1853 und gehört sicherlich zu den Klassikern der deutschen Weihnachtsliteratur. Wo in Stifters Novellen-Vorlage noch mit ruhiger Lagerfeuer-Atmosphäre einsteigt, fährt Vilsmaier zunächst große Geschütze auf, schildert detailgetreu das Leben der Dorfbewohner und nähert sich mit der Zeit dem klassischen Märchen.

Einfach gehalten ist die Story von „Bergkristall“ in der Tat. Daran ist grundsätzlich auch nichts auszusetzen, allerdings bringt Vilsmaier immer wieder kleine Mängel mit ein, die das Aufkommen einer gefühlvollen Atmosphäre besonders zu Anfang unterbinden. Das fängt bei den durchschnittlichen schauspielerischen Leistungen an und hört bei der viel zu makellos erscheinenden Handlung auf. Schon während der Exposition der Charaktere fallen diese „Störenfriede“ unangenehm auf. Warum spricht beispielsweise Sebastian als Ur-Gschaider mal perfektes Hochdeutsch, später wiederum breites Alpen-Kauderwelsch? Auch Dana Vávrová als Susanne wirkt wie viele andere Figuren einfach zu glatt und gekünstelt und will somit nicht wirklich in ein von Neid und Missgunst gestaltetes Kleinstadtklima passen. Hier und da eine Unebenheit hätte den Charakteren sicherlich gut getan und neben dem Interesse des Zuschauers auch mehr Tiefe in die Handlung gebracht. Komplett verschwiegen werden hingegen die wahren Beweggründe dieses Kleinkriegs, der immerhin den zentralen Themenpunkt des Films bildet. Auch nachdem Sebastian seinen kompletten Frust der Dorfbelegschaft vorträgt, erntet er nichts als Schweigen. Der Zuschauer erhält keine Möglichkeit, gedanklich einzuhaken und wird somit bis zum Ende auf eine Passivitätsschiene verdonnert, die er mit einem faden Beigeschmack verlässt.

Vilsmaier schafft es dennoch, die von der Schönheit der Natur lebende Erzählung ins Filmmedium zu übertragen. Die gewaltige Bergkulisse zeigt sich umso vielseitiger: Schneebedeckte Gipfel, rauschende Wasserfälle und eine unterirdische Höhle machen das Gefühl zum zentralen Element des Films. Die im Laufe der Handlung entstehenden Konflikte werden zwar angerissen, gehen aber stets wieder unter, indem sie entweder von neuen Problemen verdrängt werden oder sich ganz im Logikloch auflösen. Dramatisierendes Instrument bleibt die Natur, die mit Hilfe von Lawinen und Eislöchern die Spannungskurve mit kleinen Impulsen zeitweise in die Höhe treibt.

Alles in allem überzeugt „Bergkristall“ mit großen Gefühlen um Liebe, Hass, Neid und Missgunst, schafft es aber nicht, über dem Klischeehaften hinaus weitere Akzente zu setzen. Zuviel wird angerissen, ohne weiterverfolgt zu werden, um letztendlich zwischen Eiszapfen und Gartenzaun auf der Strecke zu bleiben. „Bergkristall“ lebt von den bildstarken Impressionen, erfüllt somit sicherlich nicht zu hoch gesteckte Erwartungen an ein vorweihnachtliches Märchen. Hier sollte man allerdings keinen Film erwarten, der einem völlig neue Perspektiven eröffnet und zum Nachdenken anregt.
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