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Die Wolke
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Die Wolke
Von Christoph Petersen
Die Wahl im letzten Sommer hat nur Verlierer hervorgebracht! Nur Verlierer? Nein, das Katastrophendrama „Die Wolke“ von Gregor Schnitzler (Was tun, wenn´s brennt, Soloalbum) hat nun die große Chance, aus den deutschen Wahlzetteln Kapital zu schlagen. 1987 schrieb Gudrun Pausenwang den gleichnamigen Jugendbuchklassiker als direkte Reaktion auf den Atomunfall in Tschernobyl. Wäre die Rot-Grüne-Regierung an der Macht geblieben, hätten wir die Verfilmung von „Die Wolke“ nur noch als Bestätigung für den Atomausstieg begreifen können. Nun aber, wo die große Koalition zumindest darüber nachdenkt, die Verträge wieder rückgängig zu machen, ist Pausenwangs Katastrophenszenario aktueller denn je.

Nach einem Störfall tritt aus einem südöstlich von Frankfurt gelegenen Kernkraftwerk eine riesige radioaktive Wolke aus. Die Menschen in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks sind sofort verstrahlt, die Bewohner der Regionen, auf die die Wolke zutreibt, fliehen in Panik. Zu den betroffenen Gebieten zählt auch der kleine Ort Schlitz, in dem die 16jährige Hannah (Paula Kalenberg) mit ihrer Mutter Paula (Carina Wiese) und ihrem Bruder Uli (Hans-Laurin Beyerling) lebt. Gemeinsam mit ihrer neuen Liebe, ihrem Klassenkameraden Elmar (Franz Dinda, Autobahnraser), versucht Hannah der Katastrophe zu entkommen. Aber sie wird kontaminiert, während Elmar die Flucht gerade noch gelingt. Das Glück scheint zu Ende, doch gegen alle Vernunft besucht Elmar Hannah im Sicherheitstrakt eines Sanatoriums. Ihre Liebe hilft ihnen, alle Widerstände zu überwinden…

Wenn Hannah und ihr kleiner Bruder nach dem ersten Schock und der großen Panik zu Hause angekommen sind, entfaltet „Die Wolke“ eine unglaubliche Stimmung der Bedrohlichkeit. Die aus der Ungewissheit resultierende Spannung steigert sich ins Unermessliche. Die vorbeifahrenden Lautsprecherwagen der Polizei verkünden, man solle in den Häusern bleiben, die Fenster und Türen geschlossen halten, aber die Mutter am Telefon befiehlt, schnellstmöglich zu fliehen. In diesen Momenten bewundert man die bittere Konsequenz des Films, den schonungslosen Umgang mit seinen Figuren, die auch einfach mal aus dem Blickfeld verschwinden und nicht wieder auftauchen. Auch dass er mit Thriller-, Science-Fiction- und anderen Genreelementen jongliert, statt sich auf ein Zeigefingerdrama zu versteifen, tut ihm nur gut. Mit ihren Rädern wollen es Hannah und Uli zum nächsten Bahnhof schaffen. Wenn sie über autoleere, waldgesäumte Landstraßen im Sonnenschein fahren, erinnert es absurderweise mehr an einen gemütlichen Sonntagsausflug als eine Flucht, aber ein merkwürdig schwebendes Gefühl der Angst ist immer dabei. Die erste Hälfte von „Die Wolke“ fängt die bedrohliche Stimmung wunderbar ein, bleibt nah bei seinen Charakteren und ist einfach rundum gelungen.

Aber dann kommt eine Szene, die einfach nicht passt und ab der der Film dann auch kontinuierlich den Bach runtergeht. Uli fährt übermütig einen Berg hinunter und wird dabei von einem Auto überfahren. Hannah muss den blutüberströmten Leichnam in einem Maisfeld zurücklassen. Zum einen hatte es der Film bis hierhin gar nicht nötig, auf einer solch billigen Schiene Emotionen abzugreifen, zum anderen ist die effekthascherische Inszenierung des Unfalls einfach nur eklig. Außerdem ist die Szene auch hochgradig manipulativ. Natürlich steht der Film klar zu seiner politischen Aussage gegen Atomkraft, immerhin beginnt der Roman mit dem Abdruck einer Anzeige aus der „Zeit“ mit dem Titel „Sie haben versagt“, in der die mangelnde Informationspolitik der Machthaber nach Tschernobyl angeprangert wird. Aber hier werden dem Zuschauer Hass und Wut eingetrichtert, die abseitig des eigentlichen Themas entstehen, aber sich im Zusammenhang mit dem Rest des Films dann trotzdem gegen Atomkraft richten. Statt auf seiner Linie der guten Argumente, die „Die Wolke“ reichlich vorzuweisen hat, weiterzugehen, driftet Schnitzler in der zweiten Hälfte immer mehr in Richtung falscher Emotionalität ab und stürzt sich in spekulative Abgründe. Der Höhepunkt dieser unglücklichen Inszenierung ist der Moment, in dem sich Hannah, nachdem sie es nicht in den rettenden Zug geschafft hat, auf einem gerade noch überfüllten, nun menschenleeren Platz theatralisch dem todbringenden Regen hingibt.

Nachdem Hannah im Sanatorium aufgewacht ist, fährt der Film zweigleisig. Auf der einen Seite gibt es immer wieder vom Rest der Geschichte viel zu stark abgegrenzte, kritische Einwürfe. Hannah wird von fremden Menschen bepöbelt oder von alten Freunden aus einer Mischung von Schuldgefühlen und Angst gemieden. Weil pro Szene aber nur genau ein Kritikpunkt deutlich gemacht wird, wirkt das Ganze eher wie die Abarbeitung eines Thesenpapiers. Auf der anderen Seite gibt es die Liebesgeschichte zwischen Hannah und Elmar, die die Katastrophe überlebt hat. In einem Gespräch erinnert Regisseur Schnitzler großmündig an erfolgreiche Tragödien wie Titanic oder Der englische Patient, aber sein Liebesglück ist oberflächlich, unglaubwürdig und beliebig. So bleibt der Haarausfall der einzige Unterschied zu einer herkömmlichen Vorabendsoap. „Die Wolke“ ist teilweise sehr sehenswert, aber nur in der ersten Hälfte gelungen. Ganz klar ein Film der verpassten Chancen.
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