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    Geliebte Jane
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Geliebte Jane
    Von Daniela Leistikow

    Anne Hathaway (Der Teufel trägt Prada, Brokeback Mountain) hat sehr daran gezweifelt, ob sie die Richtige ist, um Großbritanniens beliebteste Schriftstellerin Jane Austen in dem Biopic „Becoming Jane“ zu verkörpern. Bei den Golden Globes 2006 konnte Regisseur Ang Lee (Brokeback Mountain, Der Eissturm) Hathaway schließlich davon überzeugen, die Rolle anzunehmen. Und weil Herr Lee seit Sinn und Sinnlichkeit ein Experte für Hof und Höflichkeit zu sein scheint, hat er Hathaway auch gleich den passenden Knicks beigebracht. Dieser war im Leben der jungen Jane Austen jedoch eher selten zu gebrauchen.

    England, 1795: Eine gute Partie, das ist alles, was Jane Austens Mutter (Julie Walters, Harry Potter und der Gefangene von Askaban) sich für die 20-Jährige wünscht. Die finanzielle Lage der Familie Austen ist nicht gerade rosig. Doch die Aussicht darauf, den adligen Mr. Gresham zu heiraten, lässt Jane trotzdem völlig kalt: Ohne Gefühle für den Gatten kommt eine Hochzeit nicht in Frage. Als Jane den jungen Iren Tom Lefroy (James McAvoy, Der letzte König von Schottland) kennen und nach einer Weile auch lieben lernt, scheint sich ihr Wunsch zu erfüllen. Wenn da nur nicht das liebe Geld wäre...

    Die Frage war wohl niemals ob, sondern viel mehr wann Jane Austens Leben verfilmt werden würde. Nach dem großen Erfolg von Adaptionen ihrer Romane wie Sinn und Sinnlichkeit und Stolz und Vorurteil ist es eigentlich überraschend, dass erst jetzt die passende Biographie gedreht wurde. Diese Video-Vita wird wahrscheinlich nicht die letzte sein: „Becoming Jane“ widmet sich ausschließlich den frühen Jahren Austens und bläst einen Flirt, der in historisch akkuraten Biographien auf wenigen Seiten abgehandelt wird, zu einer lebensverändernden Liebesgeschichte auf. Andererseits muss man zugeben, dass Austens Leben nicht so ereignisreich war, wie man angesichts ihrer romanzenreichen Romane vermuten könnte: Sie bekam einen Heiratsantrag, den sie ablehnte.

    An der schwierigen Aufgabe, aus diesem kargen Mahl ein Festessen zu machen, sind die etwas unerfahrenen Drehbuchschreiber Kevin Hood und Sarah Williams zwar keinesfalls gescheitert. Aber mit den interessanten Charakteren und dem satirischen Witz eines Jane-Austen-Romans kann sich „Becoming Jane“ nicht messen. Mehrmals erwähnt die Film-Austen, dass sie in ihren Romanen die Wahrheit mit Ironie und einem Lächeln servieren möchte. Doch es fehlt genau das. Und es ist eine unbequeme Wahrheit zu sagen: „Becoming Jane“ hat nicht die hervorragende Qualität von „Stolz und Vorurteil“ oder „Sinn und Sinnlichkeit“. Es drängt sich immer wieder der Gedanke auf, das alles schon mal besser gesehen zu haben.

    Anfänglich provoziert die Ähnlichkeit vieler Figuren mit den Charakteren in Austens Romanen wissendes Lächeln. Doch dieser Effekt verfliegt mit der Zeit, auch wenn die Schauspieler durchweg überzeugend sind: McAvoy ist wie Mr. Darcy arrogant aber attraktiv und obendrein ein unterhaltsam-klischeehafter Ire, inklusive übersprudelnder Lebensfreude, gelegentlichen Schlägereien und der Liebe zum Alkohol und den Frauen. Er hat das nötige Augenzwinkern für die Rolle, aber seine Traummann-Qualitäten sind nicht ganz so universell, wie die eines Colin Firth oder Hugh Grant. Anne Hathaways Jane Austen ist etwas weniger mondän und schlagfertig, als es sich der durchschnittliche Austen-Anhänger vorstellen mag. Woran genau das liegt, ist schwer zu sagen. Der Gesamteindruck ist einfach nicht perfekt, auch wenn man Hathaway auf keinen Fall vorwerfen kann, sich nicht genug Mühe gegeben zu haben: Neben dem Sprachtraining für einen britischen Akzent, der leider nicht ganz perfekt ist, hat sie außerdem Klavierspielen gelernt. An Akzent und Arroganz fehlt es der Darstellung von Maggie Smith als „your Ladyship” vom Dienst zwar keineswegs, aber an Dame Judi Dench (Tagebuch eines Skandals, „Stolz und Vorurteil“) kommt sie nicht wirklich heran.

    Während Musik und Landschaften einen wesentlichen Teil zum perfekten Ambiente von guten Austen-Adaptionen beitrugen, kann „Becoming Jane“ auch hier nicht hundertsprozentig Punkten. Im Vergleich zur regenbogenhaften Morgendämmerung und dem wundervollen Klavierstück in „Stolz und Vorurteil“ verblasst das hier Gesehene zu schnell. Schade, aber das mag zum Teil daran gelegen haben, dass hauptsächlich in Irland gedreht wurde, wo das Wetter weitaus unbeständiger ist, als die Liebesschwüre der meisten Jane-Austen-Figuren. Anne Hathaway hat dazu ihre ganz eigene Theorie: „We didn’t know if it was the gods or Jane up there upset that I was playing her, but every time we tried to do a close-up of me it would start to rain. The action is hard enough, but when you've been standing in a field for five hours waiting for the rain to stop and you're frozen, eventually you just say the lines...“

    Auch die Cinematographie ist vor allem bei Innenaufnahmen nicht perfekt: Bei so manchem Dialog kann man die Gesichter der Schauspieler nur halb sehen, da auf den anderer Teil ein Schatten fällt, der jeden Saturnmond vor Neid erblassen lassen würde. Das mag in einer einzelnen Szene eine Stimmung verstärken oder bestimmte Emotionen betonen. Aber wenn es so gehäuft vorkommt, wie in „Becoming Jane“, erscheint das schwer zu rechtfertigen.

    Fazit: „My characters shall have, after a little trouble, all that they desire,” versichert uns die Film-Austen. Leider lässt „Becoming Jane“ einiges zu wünschen übrig. Wenn Jane Austen ihre eigene Biographie verfasst hätte, wäre der Film auch ein besserer geworden. Zwar mangelt es nicht an unterhaltsamen und angenehm Austen-haften Momenten oder einem guten Ensemble. Aber der Zuschauer erlebt das alles immer in dem Bewusstsein, dass all dies nur die Inspiration für qualitativ hochwertigere Figuren und Geschichten ist. Das wahre Leben ist eben selten so mitreißend, wie ein Jane Austen Roman.

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