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    In China essen sie Hunde
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    In China essen sie Hunde
    Von Lars-Christian Daniels
    Wir schreiben das Jahr 1999. Auf der ganzen Welt dominiert Star Wars: Episode I - Die dunkle Bedrohung die Kinokassen. Auf der ganzen Welt? Nein. Ein kleines skandinavisches Land leistet erfolgreich Widerstand. Denn in Dänemark verteidigt Lasse Spang Olsens Action-Komödie „In China essen sie Hunde“ erfolgreich die Spitzenposition in Sachen Einspielergebnis. Ein Film, der heute von Fans und Kritikern gleichermaßen häufig als „der dänische Pulp Fiction“ bezeichnet wird, wollte man ihn denn unbedingt mit einem erläuternden Untertitel versehen. Im Vergleich mit dem Tarantino-Klassiker kann Olsens Geniestreich natürlich nicht ganz mithalten, verstecken braucht er sich dank seines rabenschwarzen Humors und des hervorragenden Drehbuchs aus der Feder von Anders Thomas Jensen aber auch nicht.

    Der Bankangestellte Arvid (Dejan Cukic) ist so ziemlich der langweiligste Mensch auf diesem Planeten – zumindest in den Augen seiner Freundin Hanne (Trine Dyrholm), die sogar den Pollenbericht im Fernsehen aufregender findet als ihren Partner. Arvids Leben ändert sich buchstäblich schlagartig, als er einen Bankräuber mit einem Squash-Schläger niederknüppelt. Obwohl als Held des Tages gefeiert, kann er nicht verhindern, dass Hanne ihre Sachen packt und ihn in der gemeinsamen Wohnung zurücklässt, allein mit seinem Elend, dem Telefon und einem Fernseher. Wenig später klingelt eine fremde Frau und wirft Arvid vor, ihr Leben ruiniert zu haben, schließlich sei der Bankräuber ihr Mann, der mit der Beute eine sehnlich gewünschte künstliche Befruchtung finanzieren wollte. Arvid wird von Gewissensbissen geplagt und beschließt, das Geld für die beiden aufzutreiben. Er wendet sich an den einzigen Kriminellen, den er kennt: seinen Bruder Harald (Kim Bodnia), der mit seinen Köchen Martin (Nikolaj Lie Kaas) und Peter (Tomas Villum Jensen) sowie dem Küchengehilfen Vuk (Brian Patterson) ein dubioses Restaurant betreibt…

    Regisseur Lasse Spang Olsen, eigentlich gelernter Kameramann und Stunt-Koordinator, und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen sorgten mit „In China essen sie Hunde“ für eine Initialzündung des neuen dänischen Kinos. Gemeinsam mit Jensens herausragendem Adams Äpfel bildet der Film das Sahnehäubchen einer ganzen Reihe schwarzer Komödien aus skandinavischen Landen, zu denen auch das leicht schwächere „China“-Prequel Old Men In New Cars, „The Good Cop“ sowie Jensens „Flickering Lights“ und Dänische Delikatessen zählen. All diese Filme haben eines gemeinsam: Sie gehen immer einen Schritt weiter, als es der Zuschauer erwartet, übertreten dabei aber nie die Schwelle zur Geschmacklosigkeit. „In China essen sie Hunde“ sorgt dank seiner aberwitzigen Dialoge und grotesken Charaktere für bizarre Unterhaltung in ihrer kurzweiligsten Form, ständig wandelnd auf einem schmalen Grat zwischen derbem Sarkasmus und makaberer Brutalität.

    Mit Kim Bodnia (Bleeder), Nikolaj Lie Kaas (Reconstruction, Illuminati), Tomas Villum Jensen (Regisseur von Das Genie und der Wahnsinn) und Brian Patterson („Old Men In New Cars“) findet hier erstmalig eine homogene Darstellertruppe zusammen, die sich in verschiedenen Konstellationen auch in den Nachfolgewerken der beiden Filmemacher Olsen und Jensen häufig gemeinsam vor der Kamera versammelt hat. Gemeinsam mit Dejan Cukic (Klopka - Die Falle, Bedigungslos) vergoldet diese gelungene Besetzung ein Drehbuch, das durch ebenso schräge wie intelligente Einfälle besticht. Es konzentriert sich vorwiegend auf Arvid, der anfangs keiner Fliege was zuleide tut, sich im Verlauf des Films charakterlich aber dramatisch weiterentwickelt.

    „Ich hab Hanne getötet.“ […]
    „Wo ist sie?“
    „Zuhause. Im Flur. Und in der Küche.“


    Arvid schlittert ungewollt von einem Schwerverbrechen ins nächste und bildet dank seiner Hilflosigkeit einen herrlichen Kontrast zu seinem skrupellosen Bruder Harald. Schnell wird klar, dass dessen Restaurant lediglich der Tarnung dient, und das nicht nur, weil im Kühlraum Plastiksprengstoff statt Frischfleisch lagert. Der bekennend rassistische und eiskalte Berufsverbrecher, dem nie auch nur der Anflug eines Lächelns auf die Lippen kommt, missbraucht seine ängstlichen Köche Martin und Peter als kriminelle Lakaien und den armen Küchengehilfen Vuk behandelt er wie einen Hund.

    „Radieschen sind rot. Esst ihr keine Radieschen in Indien?“
    „Ich bin Serbe.“
    „Ich scheiß’ drauf.“


    Vuks Tollpatschigkeit, die im Prequel Old Men In New Cars häufig überstrapaziert wird, begrenzt sich in „In China essen sie Hunde“ auf ein angenehmes Minimum. Es macht Spaß zu sehen, wie der serbische Spülhelfer die riskante und halsbrecherische Drecksarbeit für seinen brutalen Brötchengeber erledigen muss, vorausgesetzt, der Zuschauer kann die Political correctness für ein paar Minuten ausblenden. Für zusätzliche Brisanz sorgt die Tatsache, dass Vuk eine Handvoll serbischer Landsleute hinter sich weiß, mit denen wahrlich nicht zu spaßen ist. Zart besaiteten Gemütern sei von dem stellenweise äußerst blutigen und expliziten Film, der zu Recht keine Jugendfreigabe erhielt, definitiv abgeraten.

    Einziger Schwachpunkt der kurzweiligen Action-Komödie ist der fast in den Trash abdriftende Schlussakkord, in dem die Story ohne ersichtlichen Grund die bis dato überzeugenden Pfade verlässt und plötzlich in übernatürliche Sphären wechselt. Da sich dieser epilogähnliche Ausklang, der vorher durch eingeschobene Zwischensequenzen bereits angedeutet wird, fast komplett herausschneiden ließe, vermag dies den Gesamteindruck aber nur wenig zu trüben. So bleibt in „In China essen sie Hunde“ ein ebenso rücksichtsloser wie zynischer Dänemark-Export, dessen Unterhaltungswert sich dank seiner zahlreichen absurden Wendepunkte und grotesken Charaktere über die komplette Spieldauer auf konstant hohem Niveau bewegt.
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