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    Abbitte
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Abbitte
    Von Daniela Leistikow
    Buchverfilmungen sind keine leichte Aufgabe. Schon bei der Adaption des geschriebenen Wortes für die große Leinwand kann der Erfolg oder Misserfolg des Films besiegelt sein. Was als Buch großartig oder zumindest erfolgreich war, kann als achtlos adaptiertes Script fürchterlich daneben gehen, wie zuletzt The Da Vinci Code - Sakrileg eindrucksvoll bewies. Umso erfreulicher ist es, wenn ein Bestseller der Gegenwart wie Ian McEwans Drama „Abbitte“ (Original: „Atonement“) durch die Zusammenarbeit des Oscar-prämierten Drehbuchschreibers Christopher Hampton („Gefährliche Liebschaften“, Der stille Amerikaner) mit dem talentierten Regisseur Joe Wright (Stolz und Vorurteil) und Film-Liebespaar Keira Knightley und James McAvoy, mit ihrer bisher wohl besten Performance, zu einem der hervorragendsten Filme des Jahres avanciert.

    England, 1935: Es ist der heißeste Tag des Jahres. Die langen Schatten des nahenden Zweiten Weltkriegs zeichnen sich bereist bedrohlich gegen die sommerliche Idylle der extravaganten Villa der Familie Tallis ab. Die 13-jährige Briony Tallis (Saoirse Ronan) hat dank ihrer blühenden Phantasie soeben ihr erstes Theaterstück vollendet, als sie von ihrem Fenster aus beobachtet, wie ihre ältere Schwester Cecilia (Keira Knightley) im Unterkleid aus einem Brunnen emporsteigt, während Robbie (James McAvoy) die durchnässte Schönheit mit den Augen auszieht. Für die beiden Schwestern war Robbie, der gebildete Sohn der Haushälterin, in all den Jahren wie ein Bruder. Doch Robbie liebt Cecilia und als die junge snobistische Frau entdeckt, dass sie ebenso fühlt, lässt das Paar seiner Leidenschaft in der Bibliothek freien Lauf. Als Briony, selbst in Robbie verknallt, die Verliebten auf frischer Tat ertappt, führt das zu einem großen Missverständnis: Briony beschuldigt Robbie eines Verbrechens, dass er nie begangen hat, was das Leben aller Beteiligten für immer verändern wird...

    In „Abbitte“ vereinigen sich alle Teile filmischer Komposition zu einer Symphonie von Liebesfilm, der so bewegend ist, dass niemand sich ohne Taschentücher ins Kino wagen sollte. Regisseur Joe Wright hat schon bei seinem ersten Film „Stolz und Vorurteil“ bewiesen, dass er großartigen Romanen ein Oscar-reifes filmisches Denkmal setzten kann. Mit „Abbitte“ bestätigt der Londoner diese sehr gute Leistung und eröffnete als bisher jüngster Regisseur (Jahrgang 1972) das diesjährige Filmfest von Venedig. Christopher Hampton hat nicht nur viel Erfahrung im Adaptieren von literarischen Werken und einen Oscar für das Drehbuch zu „Gefährliche Liebschaften“ in der Tasche, sondern auch ein großes Schreibtalent für Theaterstücke vorzuweisen. Mit seinem Gespür für starke Dialoge hat er vieles aus Ian McEwans Roman Wort für Wort in den Film übernommen, was zu den emotional packendsten Szenen in „Abbitte“ gehört. Die Multidimensionalität des Romans wurde im Film durch das beleuchten unterschiedlicher Perspektiven direkt nacheinander clever gelöst: Man versteht Brionys Verwirrung über die Geschehnisse und erfährt in der folgenden Sequenz, was wirklich zwischen Cecilia und Robbie passiert ist - und wie all das zu dem folgenschweren Missverständnis führte, das der Kernpunkt von Film und Roman ist.

    Keira Knightley (Fluch der Karibik, „Stolz und Vorurteil“) darf in „Abbitte“ zum ersten Mal eine erwachsene Frau spielen und wächst an dieser Aufgabe sichtlich. Ihre Präsenz auf der Kinoleinwand ist fesselnd und wird nur durch vereinzelte Schreckmomente bei der Sichtung eines ungesund aus ihrem Körper hervorstechenden Knochens geschmälert. James McAvoy (Geliebte Jane, Der letzte König von Schottland) überzeugt nicht nur mit seinem lupenreinen südenglischen Akzent, sondern vor allem durch eine fast schon physische Metamorphose innerhalb des Films und der Spanne an Emotionen, die er in „Abbitte“ sehr überzeugend darzustellen weiß. Die Irin Saoirse Ronan (sprich „Sairsha“, das bedeutet „Freiheit“ auf Gälisch) als junge Briony ist eine vielversprechende Neuentdeckung und wird demnächst in dem Zauberer-Drama „Death Defying Acts“ an der Seite von Catherine Zeta-Jones und Guy Pearce zu sehen sein. Romola Garai (Vanity Fair) spielt die 18-jährige Briony, aber geht in den Szenen mit McAvoy und Knightley, sowie im Vergleich zu Ronan und Vanessa Redgrave fast völlig unter. Redgrave (Mission: Impossible, „Mord im Orient Express“) als gealterte Briony schafft es trotz eines sehr kurzen Parts am Ende des Films, den Zuschauer mit ihrer Performance völlig gefangen zu nehmen. Ihr Schlussmonolog beinhaltet die emotionalen Offenbarungen, die das furiose Finale von „Abbitte“ einläuten und eine wahre Sturmflut von Tränen auslösen, die auch noch so hohe Dämme emotionaler Zurückhaltung zum Einsturz bringt. Selbst die Nebenrollen sind mit Brenda Blethyn (Stolz und Vorurteil), Juno Temple (Tagebuch eines Skandals), Harriet Walter (Babel) und Benedict Cumberbatch gut besetzt.

    Die Liste der hervorragenden Mitarbeiter von „Abbitte“ hört nicht bei den Schauspielern auf: Nach der Zusammenarbeit in „Stolz und Vorurteil“ hat Wright neben Kiera Knightley auch Produktionsdesignerin Sarah Greenwood, die als künstlerische Gestalterin für das gesamte Erscheinungsbild verantwortlich ist, Kostümbildnerin Jaqueline Durran und Komponist Dario Marianelli wieder an Bord geholt. Alle vier waren 2005 für einen Oscar nominiert und nach der erneut hervorragenden Leistung wäre ein Deja vue dieser Art nicht überraschend, auch wenn das Rennen um die Oscar-Nominierungen zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich offen ist. Der gesamte Look des Films ist sehr stimmig: Von der kleinsten Brosche bis zum herrschaftlichen Wohnsitz der Tallis’ stimmt jedes Detail. Kostüme und Make-up von Keira Knightley erinnern an den Stil und Charme großer Leinwand-Diven der 40er Jahre – besonders ihr grünes Abendkleid ist von unvergesslicher Schönheit.

    Die Musik in „Abbitte“ geht eine perfekte Symbiose mit Bildern, Bewegungen und Geräuschen des Films ein: Wenn Robbies Mutter mit einem Stock auf das Polizeiauto einschlägt, findet sich dieser Rhythmus in der aufbrandenden Musik wieder. Brionys Gefühlswelt wird mit einem von tippenden Schreibmaschinen dominierten Klavierstück besser beleuchtet, als es jeder innere Monolog könnte. Und wenn in einem einzigen atemberaubenden Steadycam-Shot von viereinhalb Minuten die Soldaten in einem Pavillion in Dunkirk „Dear Lord and Father of Mankind“ singen, ist das ein perfekter Filmmoment. Zwölf Stunden Probe, 1000 Statisten und nur drei Takes später war diese außergewöhnlich schöne Sequenz im Kasten. Das Licht am Horizont, grau und golden wie ein klarer Wintermorgen, lässt den Zuschauer erschaudern und erschrecken, wenn die Kamerafahrt uns in die dunklen Katakomben des Leides der Soldaten führt. Die Cinematographie und farbliche Komposition am Strand von Dunkirk steht in krassem Gegensatz zu den Szenen in und um das Haus der Tallis: Die kräftigen Farben von Wiese und Wasser, der rote Lippenstift auf Cecilias Mund - alles scheint in voller Blüte zu stehen, die Luft ist voller Leidenschaft, die sich durch die Kameralinse von Seamus MvGarvey (und eine Dior-Strumpfhose, die als Filter das Glühen der Farben erzeugt!) über uns ergießt.

    Das einzig Enttäuschende an „Abbitte“ ist, dass die enormen Auswirkungen, die Brionys Polizei-Aussage hat, nicht in ihrer vollen Bandbreite dargestellt werden. Wir treffen Cecilia und Robbie nach Jahren der Trennung wieder: Das Zerwürfnis mit der Familie, Robbies Zeit im Gefängnis, Cecilia, schon damals auf ihren Geliebten wartet – all das wird nur angedeutet, hätte aber in wenigen Minuten Filmzeit die emotionale Tiefe von „Abbitte“ enorm gestärkt. Überhaupt ist „Abbitte“ einer der wenigen Filme, der sich eher zu kurz als zu lang anfühlen, obwohl er stattliche 130 Spielminuten hat. Fünf oder zehn Minuten mehr hätten „Abbitte“ vermutlich mehr genützt als geschadet.

    Fazit: Großartige Schauspieler, eine emotional packende Story, wunderschön in Szene gesetzt und mit inspirierender Musik unterlegt, machen „Abbitte“ zu einem Augenschmaus mit tränenreichem Dessert. Nur eine weniger hervorragende schauspielerische Leistung und das Gefühl, man hätte aus der emotionalen Story mit etwas mehr Spielzeit und Luft zwischen den Episoden noch mehr herausholen können, kosten „Abbitte“ das Prädikat der Perfektion.
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