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Blessing Bell
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Blessing Bell
Von Björn Becher
Das Kino von Hiroyuki Tanaka, der sich nur Sabu nennt, ist ein Kino der Bewegungen. Seine ersten Filme sind allesamt rasant, oft laut, voll von Verwirrungen für seine Charaktere, Yakuza liefern sich Verfolgungsjagden, selten steht etwas still. Die Inszenierung von Sabu ist mal grell, mal überzeichnet, vieles gleitet ins Groteske. Vor allem in Deutschland, aber auch auf vielen ausländischen Festivals, hat er damit großen Erfolg gehabt, ist von 1996 mit seinem Debütfilm „D.A.N.G.A.N. Runner“ an, z.B. immer ein gern gesehener Gast auf der Berlinale gewesen. 2003 präsentierte er dort auch „Blessing Bell“, ebenfalls ein Film, in dem es um Bewegung geht und doch auch einer voller Bewegungsarmut. Der brachte ihm auf der Berlinale den NETPAC-Preis für den besten asiatischen Film ein und wurde vom deutschen Feuilleton begeistert aufgenommen. Mit Recht, denn „Blessing Bell“ ist nicht nur einer der ruhigsten Filme, die man je zu sehen bekam, sondern trotzdem einer der interessantesten, dazu inhaltlich beachtlich und die ein oder andere Diskussion wert.

Igarashi (Susumu Terajima) läuft, nein er läuft nicht, er geht. Gleichgültig, kaum eine Miene verziehend und schweigend wandelt er durch die triste Landschaft. Er hat gerade seinen Job verloren und in der Zeitung lesen müssen, dass es für Leute über 35 keine Stellen gibt. So marschiert er nun durch die Gegend. Er trifft einen Yakuza, der nach kurzem Gespräch mit einem Messer im Bauch zusammenkippt. Er wird fälschlicherweise verhaftet und lernt einen Mörder kennen. Nach schneller Freilassung, weil die Polizei ihren Irrtum bemerkt hat, rettet er zwei Kinder aus einem brennenden Haus. Er wird angefahren und landet im Krankenhaus. Dort unterhält er sich mit dem Geist (Regie-Altmeister Seijun Suzuki in einem Kurzauftritt) seines gerade verstorbenen Zimmernachbarn. Durch den fällt ihm ein großer Lottogewinn in die Hände, doch das Geld wird ihm von der Mutter der von ihm geretteten Kinder geklaut. Nichts davon verändert seinen Gemütszustand, nichts lässt ihn die nahezu rast- und ziellose Wanderschaft aufgeben. Dazu ist erst ein ganz anderes Ereignis nötig…

Man könnte sagen, in „Blessing Bell“ passiert gar nichts oder auch in „Blessing Bell“ passiert viel mehr, als in fast jedem anderen Film und man würde mit beiden Aussagen auf Zustimmung stoßen. Die Statik der Bildeinstellungen, welche genutzt wird, um den Protagonisten zu „beobachten“, suggeriert förmlich, dass gar nichts passiert ist. Wenn man allerdings die Geschehnisse allein betrachtet (Gefängnis, Geist, Lottogewinn, um nur ein paar zu nennen), scheint es eine Fülle an Ereignissen im Film zu geben. Von diesem Widerspruch lebt das Werk meist. Wie schafft man es, eine Fülle skurriler Ereignisse zu erzählen und es dabei doch so wirken zu lassen, als gäbe es sie nicht? Diese Frage könnte sich Sabu gestellt haben. Wenn er sie sich gestellt hat, dann hat er die Aufgabe mit Bravour gemeistert, dabei zugleich einen wunderschönen, poetischen und mit einem besonderen Humor versehenen Film abgeliefert.

Die Kamera ist eine der zwei großen Stars. Meist filmt sie einen festen Bildausschnitt ohne Rücksicht auf Ereignisse und Sehgewohnheit des Zuschauers. Wenn Igarashi in eine Bank geht, um seinen Lottogewinn abzuholen, begleitet ihn die Kamera nicht, sondern sie verharrt vor der Bank. Es dauert Minuten, in denen nur dieses Gebäude gefilmt wird, Passanten gehen vorbei, bis Igarashi wieder kommt. Es ist eine der interessantesten Szenen des Films. Die Leere wird gefilmt, aber man langweilt sich nicht. Wenn diese Kamera (zuständig war Masao Nakabori) sich dann einmal bewegt, dreht oder eine etwas schnellere Bewegung macht, ist die Wirkung ungleich größer. Gezielt werden auch diese Momente genutzt.

Der zweite Star ist Susumu Terajima. Der „ewige“ Nebendarsteller des japanischen Films, Sidekick von Takeshi Kitano in den meisten von dessen Filmen (z.B. Hana-bi, Sonatine, Brother), liefert hier einen Beweis für sein großes schauspielerisches Talent in einer seiner wenigen Hauptrollen. Terajima ist dabei allein auf seine Mimik angewiesen, da wir bis zum Finale kein einziges Wort von ihm hören. Wenn man sieht, was er daraus gemacht, drängt sich der Eindruck auf, dass er sich an Stummfilmvorbildern orientiert hat. Charlie Chaplin und Buster Keaton fallen einem da sofort ein und vor allem an den Tramp des Ersten erinnert er. Ein Leidender, der in die Ereignisse nur so hereinschlittert und irgendwie dann auch wieder heraus. Das Gesicht spiegelt alle Abläufe auf seine eigene Art wieder. Die leise Komik entsteht aus dem Zusammenspiel des Darstellers und den kurzen, skurrilen Situationen, die er durchläuft. Terajima ist dabei auch wundervoll gegen den harten Typen besetzt, den er meist, z.B. auch in Sabus „Dead Run“, spielt.

„Blessing Bell“ ist schönes Kino der leisen Töne und kommt damit genau zur rechten Zeit nun auch auf DVD. In einem Jahr, in welchem junge deutsche Regisseure dieses Kino wieder für sich entdeckt haben und Filme wie Schläfer oder Falscher Bekenner, die beide in der Machart „Blessing Bell“ frappierend ähneln, zu Recht zu Lieblingen der deutschen Kritik avancierten, wird auch „Blessing Bell“ seine Freunde finden. Es dürften aber vielleicht weniger diejenigen sein, die sich vom lauten, schrägen Sabu seiner meisten anderen Filme angesprochen fühlen. Hier gibt es einen neuen, anderen Sabu, einen gereiften Regisseur, der nachdenklichere Töne anschlägt. Die bleiben aber hier (im Gegensatz zum ganz neuen Sabu heute) immer noch komisch und leicht. Spätestens wenn sein Held im Finale dann die Stationen der langsamen und langen Reise in fünf Minuten noch einmal in entgegen gesetzter Richtung abläuft, muss man diesen Film lieb haben.
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