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    Lammbock
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Lammbock
    Von Andreas R. Becker
    Kifferfilme sind natürlich nicht die Erfindung von Christian Zübert, der mit „Lammbock“ zu Anfang des Jahrtausends einen weiteren deutschen Beitrag zu diesem „Genre“ beisteuerte. Es begann alles mit „Cheech & Chong“ (Cheech Marin und Tommy Chong), einem US-amerikanischen Comedian-Duo, das seit 1972 einige Alben und Spielfilme produzierte, bis Ende der 80er die Trennung aufgrund vielseits berüchtigter „kreativer Meinungsverschiedenheiten“ folgte. Klotzen statt Kleckern mit Klischees hieß bis dahin aber das Motto der zwei, wenn es um die Darstellung dampfender Mitmenschen ging. Zübert setzte diese Tradition mehr oder weniger ungebrochen fort. Dass sich der Film trotz seines stellenweise pubertären Humors und einer dünnen Handlung einer immensen Beliebtheit erfreut und im Kino zu einem Sleeper-Hit avancierte, ist in erster Linie seinen Darstellern, allen voran Moritz Bleibtreu („Knockin’ on Heaven’s Door“, „Elementarteilchen“) und den aberwitzigen Dialogen zu danken. Eine hübsche Optik kommt hinzu und zuletzt hat offensichtlich der Versuch funktioniert, sich mithilfe zahlreicher Anleihen eine Scheibe der kultigen Aura abzuschneiden, die allen Filmen von Quentin Tarantino bisweilen nachgesagt wird. „Lammbock“ bietet Stoff für einen herrlich unterhaltsamen Abend (mit oder ohne parallelem Konsum legaler oder illegaler Substanzen). 

    Student Stefan (Lucas Gregorowicz, Solino) und Hänger Kai (Moritz Bleibtreu) betreiben eine kleine Pizzeria mit Lieferservice namens „Lammbock“. Der Erfolg der Gastronomie, die gesundheitsamtliches Stirnrunzeln verursachen dürfte, liegt in der „Pizza Gourmet“ begründet: Wer sie bestellt, freut sich auf eine pflanzliche Überraschung mit garantierten Nebenwirkungen – stets versteckt im Alupäckchen unter einer überdimensionierten Salami-Scheibe in der Mitte des italienischen Teiglappens. Alles frei Haus, versteht sich. Angebaut wird der kostbare Stoff auf einer abgelegenen Lichtung, die von den beiden Entrepreneurs regelmäßig gehegt und gepflegt wird. Zusammen mit einem plötzlichen Befall von Blattläusen tritt Achim (Julian Weigend) als Retter mit grünem Daumen auf den Plan. Kai und Stefan ahnen aber nichts von der wahren Identität ihres vermeintlichen neuen Freundes, der eigentlich bei der Drogenfahndung als verdeckter Ermittler arbeitet und nicht nur einen grünen Daumen, sondern auch eine gleichfarbige Uniform besitzt... und das Unheil nimmt seinen Lauf.

    Während all dessen wird vor allem eins getan: geschwafelt, und zwar nicht zu knapp. Zugedröhnt „philosophieren“ Kai und Achim über unterschiedliche Luftdruckresistenzen der Silikonimplantate von „Baywatch“-Darstellerinnen, stellen verklausulierte, evolutionär begründete Forschungen über das Sexual- und Treue-Verhalten paarungsreifer Männer gegenüber Freundinnen und Ex-Freundinnen an und debattieren die zutiefst hypothetische Möglichkeit der oralen Befriedigung spezifischer Fußballstars durch sich selbst. Das offensichtliche Gefälle zwischen Thematik und sprachlichem Niveau, das auf einen Rest an aktuell steuerbarem Intellekt zurückschließen lässt, macht den entscheidenden Unterschied zu den geistigen Ergüssen alkoholisierter Volltrunkener und den vorrangigen Witz des Films aus. Lucas Gregorowicz mimt dabei natürlich immer den notwendigen Gegenpart, macht aber nicht halb so viel Spaß wie der Ausdruck eines wie immer faszinierend authentischen Moritz Bleibtreus. Marie Zielcke (Süperseks) als Stefans Schwester Laura sorgt außerdem für den romantischen Teil im Film. Und das keinesfalls als Püppchen, sondern als gleichermaßen hübsche und toughe, junge deutsche Frau des 21. Jahrhunderts, die auch im Angesicht von Peinlichkeit und einem potentiellen Tod durch AIDS ihren Galgenhumor nicht verliert – beeindruckend! Ergänzt wird das Spiel mit einer Reihe kleiner Nebendarsteller, wie dem Polizei-Ausbilder der Drogenfahndung (Christof Wackernagel), der irgendwie ein bisschen zu vertraut mit der Szene zu sein scheint. Oder dem Kifferpärchen Frank (Wotan Wilke Möhring) und Schöngeist (Antoine Monot Jr.), die mit ihrem Gegensatz aus Fluchen und Phlegmatismus vermutlich nicht zufällig Kevin Smiths immer wieder kehrenden Charakteren Jay & Silent Bob ähneln. Wie bereits erwähnt, endet die Zahl der offensichtlichen Hommagen damit aber nicht. Vor allem Pulp Fiction, Reservoir Dogs oder True Romance (Regie bzw. bei letzterem: Drehbuch: Quentin Tarantino) aber auch „Clerks“ (Regie: Kevin Smith) hat Zübert in Form von Dialogen, Szenen oder Namen Tribut gezollt und keinen Zweifel daran gelassen, wen er als seine zeitgenössischen Vorbildskollegen sieht. Neben Smith und Tarantino wurde auch die Eingangssequenz aus „Nix zu verlieren“ paraphrasiert und mit dem „Äugeln“ ein Hinweis auf eine eher unappetitliche Sexualpraxis eingestreut, die aus dem Roman von Das Boot stammt (eine Prostituierte, ein Glasauge, ein Freier...). Merke erneut: Gut geklaut ist besser als schlecht selbst gemacht, zumal hier auch nicht einfach stumpf eins zu eins kopiert, sondern eher filmhistorisch liebevoll und augenzwinkernd Wertschätzung ausgedrückt wurde.

    Man könnte letztlich wohl auch „Lammbock“ benutzen, um über die Verherrlichung und Verharmlosung von Drogenkonsumdarstellung im Film pädagogische Diskussion zu entfachen – muss man aber nicht. Davon abgesehen, bleibt die Quintessenz „Verbrechen lohnt sich nicht“ durchaus stehen. Die absurd-abgedrehten Dialoge und Situationen, in denen Bleibtreu & Co. herummanövrieren, bieten eine Menge Potential zum Amüsement - auch im nüchternen Zustand. Dabei macht „Lammbock“ nie einen Hehl aus seinen Klischees und versucht nicht erst, Niveau vorzuspielen, ohne dabei gänzlich in die Niveau- oder Geschmacklosigkeit abzurutschen. Für den einen oder anderen aber mag der Grad an Albernheit hier und dort dennoch ein bisschen über das Ziel hinausschießen.
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