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    Ich bin die Andere
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Ich bin die Andere
    Von Christoph Petersen
    Peter Märthesheimer, der im Juni 2004 leider im Alter von 66 Jahren an Herzversagen gestorben ist, gehört zweifelsfrei zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Filmgeschichte. So hat er zum Beispiel gemeinsam mit seiner Wegbegleiterin Pea Fröhlich die Drehbücher zur meisterhaften Fassbinder-Trilogie Lola, Die Sehnsucht der Veronika Voss und Die Ehe der Maria Braun verfasst. Außerdem erschuf das Autoren-Duo unter anderem auch noch die von Dieter Pfaff verkörperte Figur des Serien-Psychotherapeuten Bloch. Erst kurz vor seinem Tod, nämlich im September 2003, veröffentlichte Märthesheimer mit „Ich bin die Andere“ sein Romandebüt. Sofort wurde auch mit den Vorbereitungen einer möglichen Kinoumsetzung begonnen und mit Margarethe von Trotta, die zuletzt mit ihrem Historiendrama Rosenstraße große Erfolge feiern konnte, eine fähige Regisseurin gefunden. Leider kann das Thriller-Melodram „Ich bin die Andere“, das sich offensichtlich zwischen alle Stühle setzt und so oft unfreiwillig komisch wirkt, aber nie auch nur annähernd an die Qualität von Märthesheimers Gesamtwerk heranreichen.

    Eigentlich ist der erfolgreiche Ingenieur Robert Fabry (August Diehl) mit seiner Lebensgefährtin Britta (Bernadette Heerwagen) glücklich liiert. Trotzdem lässt er sich auf einer Geschäftsreise von der aufreizenden Prostituierten Carlotta (Katja Riemann) verführen. Am nächsten Morgen bleiben nur ihr rotes Kleid und das vereinbarte Honorar zurück. Noch leicht verwirrt macht sich Robert zu einem Termin mit seinem Anwalt Dr. Maiser (Peter Lerchbaumer) auf. In der Kanzlei wird Robert die neue Mitarbeiterin Carolin Winter vorgestellt, die dieser sofort als eben jene Bettbekanntschaft der vergangenen Nacht erkennt. Als er Carolin jedoch auf ihr gemeinsames Abenteuer anspricht, gibt diese vor, von der ganzen Sache nichts zu wissen. Damit ist es endgültig um Robert geschehen, der sich bedingungslos in die geheimnisvolle Frau mir den zwei Persönlichkeiten verliebt. Allerdings stellt sich dies als kein allzu einfaches Unterfangen heraus, kann man doch Carolins Familie nicht unbedingt als normal bezeichnen – vor allem das Verhältnis zu ihrem im Rollstuhl sitzenden Vater Karl (Armin Mueller-Stahl) scheint stark gestört. Und als Carolin/Carlotta dann auch noch ohne Vorwarnung verschwindet, führen Robert alle Spuren nach Casablanca, wo eines der zahlreichen Geheimnisse der Familie Winter seinen Ursprung hat…

    Was die melodramatischen und Thriller-Elemente der ausschweifenden Geschichte angeht, will von Trotta angenehm hoch hinaus – anders als bei vielen deutschen Produktionen dieses Genres üblich, geht es ihr nicht in erster Linie um Glaubwürdigkeit und Präzision, sondern darum, etwas Großes mit ebensolchen Gefühlen zu erzählen. So haben sich die Autoren zum Beispiel auch, was die Darstellung von Carolins gespaltener Persönlichkeit angeht, eben nur jene Aspekte einer solchen Krankheit herausgepickt, die sie für ihre Geschichte brauchen, ohne gleich ein komplettes Psychologiebuch zu verfilmen – ein adäquates Stilmittel, wie es auch schon bei Klassikern wie etwa Brian De Palmas „Dressed To Kill“ verwendet wurde.

    Allerdings geht von Trotta auf der anderen Seite wiederum auch nicht weit genug: Obwohl durch die theatralischen Dialoge und das enggestreute Overacting schnell deutlich wird, dass es sich hier um eine für das Kino überhöhte Welt handeln soll, will das Konzept einfach nicht richtig aufgehen. Viele Szenen wirken trotz dem ehrlichen Mut zur Übergröße einfach nur unfreiwillig komisch, statt mit surreal angehauchter Atmosphäre zu glänzen, mutieren ganze Passagen zu lachhaften Karikaturen. Dies liegt im Endeffekt wohl daran, dass doch noch zu oft das Alltägliche dem Absurden vorgezogen und nicht wie etwa bei Fassbinders Satansbraten wirklich alles komplett überzogen wurde. So tauchen doch immer wieder Anknüpfungspunkte zur „realen“ Welt auf und durch dieses Halb-und-Halb wird „Ich bin die Andere“ einfach in zu vielen Momenten der Lächerlichkeit preisgegeben.

    Auch die Inszenierung ist im positiven Sinne alles andere als typisch Deutsch: Mit fantastisch aussehende Totalen der Weinberge oder auch einfach nur aufwändig gestalteten Bildkompositionen eines Familienessens – für das Auge hält von Trotta immer eine Überraschung bereit. Bei einer Autoexplosion in der Wüste, die aus verschiedenen Einstellungen immerhin drei Mal wiederholt wird, traut sie sich sogar an ein vorsichtiges Zitat der Abschlusssequenz aus Michelangelo Antonionis Zabriskie Point heran. Allerdings sind diese großen Bilder nur selten im Einklang mit der Geschichte, wirken kaum einmal wirklich stimmig. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen behaupten, sie würden sich am Sonntagabend die Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen nur wegen der schönen Landschaftsaufnahmen ansehen – dabei ist das gar nicht mal so abwegig, weil hier Bilder und Geschichte wirklich nahezu ohne Berührungspunkte nebeneinander herlaufen. Und dies ist bei „Ich bin die Andere“ über weite Strecken leider auch der Fall.

    Die Darstellung der reichen, aber durch Affären und Lügen zerstörten Familie Winter ruft beim Zuschauer zwei Assoziationen hervor. Zum einen erinnert sie mit dem herrischen Vater, der alkoholkranken Mutter (Karin Dor, Der Schatz im Silbersee), dem freizügigen Kindermädchen Fräulein Schäfer (Barbara Auer, Die innere Sicherheit), der psychisch gestörten Tochter und dem stummen, aber gefährlich aussehenden Diener an eine durchschnittliche Edgar-Wallace-Besetzung. Zum anderen ist die Unternehmerfamilie, die langsam durch die eigenen unaufgearbeiteten Geheimnisse der Vergangenheit zersetzt wird, auch das typische Thema eines Chabrol-Films – es ist kein Zufall, dass in einer Szene von „Ich bin die Andere“ ausgerechnet Szenen aus Chabrols „Der Schlachter“ in einem Fernseher zu sehen sind. Aber auch dieser Ansatz geht nicht voll auf, weil von Trottas Zeichnung der Familie zu oberflächlich bleibt, um wirklich entlarvend zu sein.

    Von den drei Hauptdarstellern kann eigentlich nur August Diehl (Was nützt die Liebe in Gedanken, 23, Lichter) auf der ganzen Linie überzeugen. Ihm gelingt es, das rückhaltlose Verfallen seiner Figur in jeder Szene glaubhaft zu porträtieren – auch wenn er dabei von seinem im Verlauf des Films immer wilder werdenden Bartwuchs tatkräftig unterstützt wird. Katja Riemann (Bibi Blocksberg, Agnes und seine Brüder) macht es sich hingegen zu einfach, wenn sie Carlotta als Bilderbuch-Prolet und Carolin als eingeschüchtertes Püppchen darstellt – die „normalen“ Phasen, etwa wenn Carolin als selbstbewusste Anwältin auftritt, bleiben nach nur wenigen Minuten für den Rest des Films komplett außen vor. Armin Mueller-Stahl (The Game) glänzt als herrischer Vater mit seiner enormen Leinwandpräsenz, kann das Gebrochene in seiner Figur aber nur selten angemessen transportieren. Und heimliches Highlight bleibt sowieso Dieter Laser (Große Mädchen weinen nicht), der als zungenloser, stets grimmig dreinschauender Butler mit einer noch lange in Erinnerung bleibenden Grimasse brilliert. Insgesamt ist es positiv zu bewerten, dass von Trotta der deutschen Strenge den Rücken kehrt und etwas Neues und Größeres ausprobiert – leider landet sie mit diesem Versuch aber unsanft auf dem unfreiwillig komischen Niveau eines Sat.1-Fernsehthrillers.
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