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Eat Pray Love
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Eat Pray Love
Von Christoph Petersen
In der Eröffnungsszene von „Eat Pray Love", der auf der wahren Geschichte der Bestsellerautorin Elizabth Gilbert basiert, spricht Julia Roberts auf Bali mit einem Medizinmann, der gerade noch genug Zähne hat, um zwar arm, aber irgendwie auch ganz niedlich auszusehen. Damit steht der Ton des Films fest. Natürlich gibt es hier und da Armut und Verzweiflung, aber im Endeffekt bietet einem die Welt – zumindest wenn man amerikanischer Staatsbürger ist und ein wenig Geld auf der hohen Kante hat - doch vor allem Postkartenpanoramen und Kalendersprüche. In dem Selbstfindungs-Epos von „Nip/Tuck"-Schöpfer Ryan Murphy („Krass") sausen dem Zuschauer Kitsch und Klischee mit einem derartigen Tempo um die Ohren, dass einem in der übertriebenen Laufzeit von 140 Minuten ganz schwindelig wird. Dieser Part ist erst die zweite Hauptrolle (nach „Duplicity"), die Julia Roberts (überzeugend als starke Frau, fehlbesetzt als Zweiflerin) nach einer mehrjährigen Schauspielpause angenommen hat. Es sei ihr gewünscht, dass sie in ihrer Auszeit auch einige weniger oberflächliche Erkenntnisse gewonnen hat als ihr schablonenhafter Charakter in „Eat Pray Love".

Nach der Trennung von ihrem Mann Stephen (Billy Crudup, „Almost Famous") verliebt sich Liz Gilbert (Julia Roberts) Hals über Kopf in den deutlich jüngeren Theaterschauspieler David (James Franco, „Spider-Man"). Doch auch in dieser Beziehung fühlt sich die Schriftstellerin bald gefangen. Deshalb beschließt sie, alles auf eine Karte zu setzen und ein Jahr auf der Suche nach sich selbst um die Welt zu reisen. Ihre erste Station führt Liz nach Rom, wo sie die Meisterschaft des Nichtstuns erlernt und statt immer nur faden New Yorker Salat zu essen, jeden Tag kulinarische Höhepunkte erlebt. In Indien kommt Liz in einem Aschram unter und lernt den Texaner Richard (Richard Jenkins) kennen, der ihr den weisen Rat erteilt, nicht auf die Vergebung der anderen zu warten, sondern sich lieber selbst zu verzeihen. Zuletzt reist Liz zu dem Medizinmann Ketut Liyer (Hadi Subiyanto) nach Bali, wo sie eigentlich weiter meditieren will, sich dann aber in einer heftigen Affäre mit dem brasilianischen Schmuckhändler Felipe (Javier Bardem) erneut selbst zu verlieren droht...

Eat = Italien: Liz reist nach Rom, um die Welt und sich selbst zu erkunden. Aber es gibt nicht eine einzige Szene, in der sie sich in der wohl kulturell bedeutendsten Stadt des Planeten eine Kirche oder sonst irgendein Kunstwerk ansieht. Stattdessen wird Italien – dem Filmtitel entsprechend – vollkommen aufs gute Essen reduziert (wobei allerdings bezweifelt werden darf, ob man das wirklich gute italienische Essen in den römischen Touristenrestaurants überhaupt serviert bekommt). Dazu passend wird dann auch das Verspeisen einer Portion Spagetti mit Tomatensoße – in Großaufnahme und Zeitlupe (!) – als Besteigung des Gipfels der europäischen Hochkultur abgefeiert. Der Mensch soll genießen und sich nicht wie in New York mit einem allmittäglichen kleinen Salat abspeisen lassen. Aber natürlich darf man es auch nicht übertreiben: Nach einem verlogenen Pamphlet gegen Magersucht gibt es deshalb eine Parallelmontage, in der Liz einer schwedischen, ebenfalls vom italienischen Essen begeisterten Freundin in einer Umkleidekabine eine Jeans in ihrer alten Größe anzuziehen versucht, während sich Liz und ihre Freunde in der parallel geschnittenen Szene ein Fußballspiel ansehen. Als der Knopf unter Schweiß und Schmerzen endlich zugeht, fällt parallel ein Tor und alle springen jubelnd auf. Kurz darauf spricht Liz von ihren neuen Jeans dann auch noch als „Elefantenhosen". Da verstehe noch einer, warum junge Frauen heutzutage Probleme mit ihrem Essverhalten bekommen – an Hollywood kann es bei einem so durchdachten Umgang mit dem Thema ja nun wahrlich nicht liegen.

Pray = Indien: Das Indien in „Eat Pray Love" ist vor allem laut, dreckig und voll (in den Straßen Roms, wo man sonst kaum einen Fuß vor den anderen setzen kann, war es übrigens immer angenehm leer). Da freut es den Zuschauer, dass Liz nach einer von bettelnden Kindern in die Länge gezogenen Taxifahrt in einem Aschram unterkommt. Hier sorgen zumindest die frech-weisen Sprüche von Mit-Mediationsschüler Richard Jenkins („Burn After Reading") für ein wenig Auflockerung, auch wenn er sich zum Abschluss doch noch in einer Selbstmitleidtirade aus dem Klischeehandbuch ergießt. Zu Beginn der Indien-Episode gibt es noch einige kritische Anklänge am Selbstfindungs-Tourismus, etwa die 24/7-geöffnete Meditationshöhle mit vollfunktionsfähiger Klimaanlage. Diese Zwischentöne werden dann aber recht schnell unter den Teppich gekehrt und alles ist wieder superduper. Dasselbe gilt auch für Tulsi (Rushita Singh), ein Mädchen aus dem Nachbardorf, das von ihren Eltern zwangsverheiratet wird, obwohl sie doch viel lieber Psychologie studieren würde. Als Liz ihr am Rande der Hochzeitsfeier berichtet, dass sie beim Meditieren gesehen hat, dass Tulsi und ihr Zwangsehemann einmal gemeinsam glücklich sein werden, lösen sich alle Ängste vor patriarchalischer Unterdrückung nämlich augenblicklich in Luft auf. Ach, wenn das wahre Leben doch nur auch so simpel wäre.

Love = Bali: Auch die letzte Episode überzeugt nicht, ist aber zumindest die am wenigsten ärgerliche. Hier entdeckt Liz in Felipe den perfekten Mann mit dem perfekten Fünftagebart. Von dem oft großartigen Javier Bardem („No Country For Old Men") wird dabei nicht mehr erwartet, als gut auszusehen und mit seinem verliebt-verträumten Dackelblick dreinzuschauen. Die Beziehung zwischen Liz und Felipe entwickelt sich im Eiltempo und nach den üblichen Genre-Regeln. Sprich: Sie ist nicht eine Sekunde lang glaubhaft. Da wählt man doch fast lieber die niedliche Zahnarmut des Medizinmanns, der erst mit Abreißkalender-Weisheiten und dann mit ironisch gemeinten Floskeln wie „See You Later, Alligator" um sich schmeißt. Zum Geburtstag wünscht sich Liz übrigens keine Geschenke, sondern ein neues Haus für die nach ihrer Scheidung verarmte, alleinerziehende Wayan (Christine Hakim). Das ist zwar gut gemeint, wirkt in „Eat Pray Love" aber leider wie jene in der Traumfabrik so gerne betriebene Hochglanz-Charity, bei der man zu einem Vortrag über den Klimawandel mit dem Privatjet anreist.

Fazit: Selbstfindung à la Hollywood - wo das Verspeisen eines Nudelgerichts als Hochkultur durchgeht, bleibt wahre Erkenntnis eben zwangsläufig auf der Strecke.
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