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    Hallam Foe
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Hallam Foe
    Von Björn Helbig
    Der Held des 21. Jahrhunderts trägt ein Dachskostüm, bemalt sich mit Lippenstift und hat, wenn man einmal davon absieht, dass Türschlösser für ihn kein Hindernis darstellen, weniger besondere Fähigkeiten als einen ganzen Sack voll Psychosen. Zudem ist er leidenschaftlicher Spanner und darüber hinaus hoffnungslos in seine Mutter verliebt. Das Kleid seiner Mutter? – Trägt er gern. Ach ja – und seine Mutter ist tot. Lieblingsaufenthaltsort des Helden ist sein kleines Baumhaus in den schottischen Highlands, oder wahlweise das Zimmer hinter einer Turmuhr in Edinburgh. Sein Name: Hallam Foe. Nach seinen abgründigen Dramen Young Adam und Stellas Versuchung zeigt Filmemacher David Mackenzie mit seiner neuesten Filmperle, dass er durchaus auch komödiantisches Talent besitzt. Die Tragikomödie „Hallam Foe“ war auch auf den Berliner Filmfestspielen 2007 im Wettbewerb zu sehen.

    „Du musst mal mit deinem Sohn reden“ (Veritiy Foe)

    Der junge Hallam (Jamie Bell) verbringt viel Zeit damit, aus seinem Baumhaus heimlich Menschen durchs Fernglas zu beobachten. Außerdem sucht er nach Spuren, die beweisen, dass seine geliebte Mutter nicht durch einen Unfall gestorben ist. In Verdacht, etwas mit ihrem Tod zu tun zu haben, hat er seine Stiefmutter Verity (Claire Forlani), eine ehemalige Arbeitskollegin seines Vaters. Nachdem seine Schwester, einer der wenigen Menschen zu denen Hallam ein gutes Verhältnis hat, das gemeinsame Zuhause verlässt, und es zwischen ihm und seiner Stiefmutter zu einem „Zwischenfall“ kommt ist, bei welchem Hallams Aggression überraschend in eine ganz andere Form von Energie umgelenkt wird, beschließt der 17-Jährige ebenfalls das elterliche Anwesen zu verlassen. In einer Nacht- und Nebelaktion setzt er sich nach Edinburgh ab.

    Soweit der Prolog von „Hallam Foe“, dem nunmehr vierten Langfilm des Schotten David Mackenzie. Auch sein neues Werk, das wie „Young Adam“ und „Stellas Versuchung“ wieder auf einem Roman, diesmal von Peter Jinks, beruht, hat etwas, das viele andere Filme nicht haben. Der Film, dessen dunkle Seite ein wenig an „Das Auge“ (1999) erinnert, schafft es immer wieder zu überraschen, sei es durch die kaum vorhersehbare Handlung, oder durch die pointierten mitunter sehr witzigen Dialoge. Die Story, die sich immer mal wieder bei Hitchcock bedient, steht mit einem Bein im Fantastischen: Die Macken des Protagonisten sind Übersteigerungen bekannter psychosozialer Störungen, gekoppelt mit einigen zuschauerwirksamen Skurrilitäten, wie der Dachsmütze, der Wohnung hinter der Turmuhr (usw.), was dem Ganzen einen märchenhaften Touch verleiht. Und solange man die Geschichte nicht zu sehr auf ihren Realismus prüft, funktioniert sie prächtig. Nur wenige Filmemacher haben begriffen, wie eng Tragik und Komik miteinander verknüpft sind. Ein gutes Gespür hierfür beweist auch Mackenzie, wenn er Hallam am Ende auf den Kriegspfad schickt. Da hatte man den bleichen, von ödipalen Komplexen getriebenen Spanner gerade lieb gewonnen und den Film innerlich in die Komödienschublade gesteckt – und dann das. Es gehört wohl zu den Helden von heute dazu, dass sie ihren größten Kampf gegen sich selbst zu bestehen haben.

    Mit „Hallam Foe“ liefert David Mackenzie mit Sicherheit seinen leichtfüßigsten und unterhaltsamsten Film ab – ohne, dass die Düsternis, die man von seinem bisherigen Schaffen gewohnte ist, ganz verschwunden wäre. Diese Mischung hat auf jeden Fall ihren Reiz. So wird sich der Zuschauer bei diesem Film bestimmt oft bewusst sein, welchen Drahtseilakt Mackenzie vollführt, und dass die Komödie manchmal nur durch die Musik von der Tragödie getrennt ist. Außerdem ist es erstaunlich, wie offen Mackenzie seine Figuren gestaltet, so dass sie wohlmöglich vom Zuschauer sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Ist Hallam wirklich das sympathische Zentrum des Films oder einfach nur ein kranker Teenager, der dringend Hilfe benötigt? Und Verity Foe? Ist sie die böse Stiefmutter aus dem Märchen? Trotz der Schwierigkeit, die Figuren einzuordnen, ist doch die Leistung der Darsteller, sie mit Leben zu füllen, bemerkenswert. Allen voran natürlich Jamie Bell, der wieder toll spielt und der sich nach Billy Elliot, Dear Wendy und Glück in kleinen Dosen einmal mehr auf skurrile Teenagerrollen eingeschossen zu haben scheint. Sophia Myles (Tristan und Isolde) überstrahlt die Schattenseiten ihrer Figur Kate Breck und liefert den Konterpart zur vielleicht gar nicht so bösen, auf jeden Fall aber hinreißenden Stiefmutter Claire Forlani Hooligans, Das Medallion. In den Nebenrollen setzen Foe-Vater Ciarán Hinds (Miami Vice, München ) und vor allem der durch Trainspotting bekannt gewordene Ewen Bremner kleine aber feine Akzente. Schade, dass Hallams Schwester Lucy (Lucy Holt) nur so kurz auftaucht und ihre Figur nicht weiter entwickelt wird. Nach ihrer Abreise aus dem Elternhaus verschwindet diese Figur.

    Der Film wurde bei der Berlinale 2007 für den Goldenen Bären nominiert, dann hat es aber nur für den Preis der Gilde deutscher Filmkunsttheater und einen Silbernen Bären für die beste Filmmusik gereicht. Die hat es allerdings auch in sich. Franz Ferdinand („Hallam Foe Dandelion Blow“) und eine Menge anderer unbekannter schottischer Bands geben dem Film seine Tonart und sind mit dafür verantwortlich, dass er das unterhaltsamste Werk aus dem Mackenzie-Œuvre geworden ist. Wenn der Film überhaupt an einer Stelle etwas schwächelt, ist es bei der ihm zugrunde liegenden Psychologie. Nicht jeder Zuschauer wird jeder Figur ihr Verhalten und ihre Ticks restlos abkaufen. Aber das ist vielleicht auch gar nicht nötig. Denn Hallam Foes Wurzeln liegen genauso im „Coming out of Age“- Drama wie im Märchen, wo das Diktat der Plausibilität durchaus mal außer Kraft gesetzt werden darf. Und da der Unterhaltungswert durchweg sehr hoch ist, werden die meisten kleinere Makel gerne verzeihen. Wer zu Filmen wie Igby, Die Royal Tenenbaums und Garden State und Ähnlichem Ja sagt, wird aller Voraussicht nach auch von „Hallam Foe“ begeistert sein.
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