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    SommerHundeSöhne
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    SommerHundeSöhne
    Von Nicole Kühn

    Sommer ist die Zeit, zu verreisen, das Leben zu genießen und zu tun oder auch zu lassen, was man will. Wie viele andere macht sich in Cyril Tuschis Road-Movie-Komödie „SommerHundeSöhne“ ein Wohnmobil mit zwei Insassen auf den Weg in den Süden. Doch die beiden Reisenden sind keineswegs freiwillig unterwegs, und schongar nicht zusammen.

    Die beiden jungen Männer könnten unterschiedlicher kaum sein: Frank (herrlich naiv: Fabian Busch), ein verhuschtes Muttersöhnchen, der sich mit penibel abzuknabbernden Schokoriegeln Befriedigung verschafft und Marc (Stipe Erceg), ein Motorrad fahrender Macho wie er im Buche steht. Aus Mangel an Alternativen machen sie sich dennoch gemeinsam auf den Weg. Im wahrsten Sinne des Wortes sind die beiden aufeinander gestoßen, als nämlich Frank bei seinem ersten Fahrversuch mit Vatis Wohnmobil Marcs Motorrad rammt. Der rabiate Draufgänger nimmt kurzerhand Frank mitsamt dem Wohnmobil als Geisel – schließlich ist sein Motorrad nun fahruntüchtig und Marc muss schnell weg. Was genau er auf dem Kerbholz hat, bleibt zunächst im Verborgenen. Seine verschlossene und sehr direkte lebenshungrige Art machen Frank neugierig.

    Langsam kriecht er aus seinem watteweich gefütterten Schneckenhaus und stellt erstaunt fest, dass auch hinter Marcs harter Schale ein weicher Kern steckt. Grund für handfeste Auseinandersetzungen und zwischenmenschliche Turbulenzen gibt es dennoch genug. Die mysteriöse Blondine Ilvy (Lilja Loeffler) mitzunehmen, kann Marc gerade noch akzeptieren, er gönnt dem „Weichei“ Frank das Vergnügen des erotischen Versprechens, wenn auch nicht ganz ohne Zähneknirschen. Den offensichtlich geisteskranken „Finder“ Pauli (Martin Clausen) nimmt er nur unter heftigem Protest mit. In der Enge des Wohnwagens fährt das kuriose Gespann immer weiter Richtung Süden mit Ziel Marokko, wo Marc seinen angeblich kranken Vater (Heinrich Giskes) in dessen Oase besuchen will. Immer neue Verwicklungen, ein unheimlicher Verfolger und jede Menge Pannen sind zu bestehen, bevor die jungen Menschen ihr Ziel ins Auge fassen können.

    Regisseur Cyril Tuschi ist sichtbar bemüht, das Lebensgefühl seiner Protagonisten zwischen Sehnsucht nach Verbundenheit und Freiheitsdrang einzufangen. Dazu treibt er die Handlung mit irrsinnigen Zufällen, dem Auftreten höchst seltsamer Figuren und abenteuerlichen Aktionen voran. Sicher ist die Phase als „junger Wilder“ aufregend und voll von unglaublichen Erlebnissen, die das Leben prägen. Tuschi schlägt dabei allerdings mehr als einmal über die Stränge. Das aufregende äußere Geschehen lenkt ab von den fehlenden Feinheiten der Charaktere. Mit zu vielen Klischees behaftet, bleiben sie über weite Strecken Fremde, mit denen eine Identifizierung schwer fällt. Man wünscht sich mehr von den Momenten, in denen der Film das Tempo etwas zurückschraubt, seinen Figuren nahe kommt und die Dialoge Tiefe gewinnen. Manches davon ist zu entrückt, um authentisch zu wirken.

    Das kann auch die Riege der talentierten Darsteller nur zum Teil auffangen. Fabian Busch und Stipe Erceg verkörpern ihre Parts überzeugend und harmonieren auf unerwartete Weise miteinander. Die Schau stiehlt ihnen jedoch fast Lilja Loeffler, die bereits in Sonnenallee mit ihrer Mischung aus burschikoser Natürlichkeit und rätselhafter Laszivität hervortrat.

    In den farbintensiven Bildern schimmert die berufliche Herkunft Tuschis und seines Kameramanns Peter Dörfler immer wieder durch. Beide kommen von Musik-Clips und Werbefilmen, seit 1992 realisierte Tuschi einige Kurzfilme, bevor er „SommerHundeSöhne“ umsetzte. Auch diese Geschichte hätte in einem Kurzfilm Platz gehabt und wird hauptsächlich durch die zurückgelegen Kilometer und die dabei am Wege wartenden Ereignisse auf Spielfilmformat gebracht. Nicht immer entspricht dem eine innere Entwicklung der Figuren. Vieles bleibt episodenhaft und wird lediglich durch den Wohnwagen als Konstante aller Reisenden zusammen gehalten.

    Interessanter noch als die Reifung der beiden jungen Männer von quasi natürlichen Antagonisten zu Freunden mit tiefem Einverständnis füreinander ist Franks Entdeckung der Liebe. Hier spielen sich die Szenen ab, in denen er sich selbst ganz neu kennen lernt und wirklich etwas Aufregendes passiert. Und zu diesem Teil der Reise sind den Autoren auch die ausdrucksstärksten Ereignisse und die schönsten Bilder eingefallen, die einen Raum öffnen für Assoziationen. Ähnlich angelegt ist die Begegnung Marcs mit seinem Vater, die erst am Ende Bedeutung gewinnt. Insofern erzählt „SommerHundeSöhne“ auch von einer im symbolischen Sinne vaterlosen Gesellschaft, in der Fixpunkte für die eigene Lebensführung nicht mehr durch eine Elterngeneration vorgegeben sind, sondern mühsam individuell erarbeitet werden müssen.

    Die Stärke des Films liegt neben den Darstellern darin, den Zuschauer lässig mit Unwahrscheinlichkeiten erster Güte zu überraschen und dabei so zu tun, als sei dies das Allernatürlichste auf der Welt. Die Highlights jagen einander nicht, geben der Handlung aber gerade so viel Schwung, dass keine Längen entstehen. Illustriert ist das Unterfangen mit abwechslungsreichen Bildern, die mit satten Farben und malerischen Motiven aufwarten und sich einen Hauch von Utopie gönnen. Im aktuellen Umfeld des eher schwermütigen und realitätstrunkenen deutschen Films auch schon eine mutige Leistung. Auf dem Festival des Deutschen Films im Juli räumte Tuschi mit seiner phantastischen Feel-Good-Reise den Publikumspreis ab.

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