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Tattoo
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Tattoo
Von Johannes Pietsch
Mit anderthalb bis zwei Quadratmetern Fläche ist die Haut das größte Organ des menschlichen Körpers. Sie ist bewahrende Hülle und fühlendes Sinnesorgan, sie begrenzt und schützt das fragile und verletzliche Innenleben des menschlichen Organismus gegenüber der Außenwelt und ist zugleich unverzichtbares Kontakt- und Fühlorgan. Die Angst vor dem Verlust dieser schützenden, umhüllenden Barriere, vor dem sprichwörtlichen "Abziehen der Haut" und vor dem Offenlegen der Organe, gehört sicherlich zu den am tiefsten verwurzelten Urängsten des Menschen. Und mit ihr spielt Regisseur Robert Schwentke in seinem Kino-Erstling "Tattoo" so fesselnd, so hypnotisch und für einen Debütfilm so bestechend, wie es das deutsche Kino schon sehr lange nicht erlebt hat.

Eine Frau, die scheinbar völlig verwirrt und orientierungslos über eine menschenleere Straße hastet, eine entsetzliche Rückenverletzung, die die Kamera nur schemenhaft im diffusen Dämmerlicht des Straßenzuges einfängt und ein fast menschenleerer Omnibus, der wie ein fliegender Holländer scheinbar aus dem Nichts heranbraust und dem bereits gequälten Leben ein jähes Ende bereitet - schon in seiner makaberen Anfangssequenz gibt der Film seine Marschrichtung ins dunkle Herz der Finsternis vor. Die Kamera erspart den direkten Anblick des Aufpralls, sondern schwenkt anschließend ganz langsam zur Seite auf ein kaum weniger erschreckendes Szenario: Den havarierten, zerschmetterten Bus, der offensichtlich in einem letzten verzweifelten Versuch seines Lenkers zum Ausweichen selbst in sein Verderben gesteuert ist. Und wieder ist nirgends ein lebender Mensch zu sehen.

Es zeugt von außerordentlichem Mut, eine solche Geschichte ins Kino zu bringen, eine Geschichte, die zumindest vordergründig wie ein konventioneller TV-Krimi beginnt, um sich anschließend zu einer rabenschwarzen Achterbahnfahrt direkt in den Abgrund zu entwickeln. Noch dazu, wenn das Werk aus deutschen Landen kommt. Doch Schwentke gelingt der Kunstgriff, sich an Streifen wie Demmes "Das Schweigen der Lämmer" oder Finchers "Se7en" zu orientieren, ohne dabei die großen amerikanischen Vorbilder einfach nur platt zu kopieren, sondern seinem Film einen ganz individuellen, mitunter typisch deutschen, aber eben nicht deutschtümelnden Stempel aufzudrücken. Es ist die pure Trostlosigkeit, die Verlorenheit des Individuums in einer lichtlosen, menschen- und lebensfeindlichen Welt, die Schwentkes Film als kennzeichnende Grundstimmung durchzieht. Denn als Kontrast zu dem Bösen in Gestalt einer dubiosen Organisation von Hautdieben, die ihren Opfern ihre organische Hülle zum Zwecke des Tattoo-Raubes zerschneiden und rauben, gibt es nirgendwo das wirklich Gute, das Helle, das rettende Ufer: Robert Schwentkes Hauptfiguren sind selbst nur Verlorene und a priori Gescheiterte, Prototypen des Prinzips des Antihelden. Nur vordergründig entsprechen die beiden Polizisten Minks und Schrader dem aus landläufigen TV-Krimi-Formaten bekannten Vorbild eines Buddy-Duos. Minks ist ein gealtertes, verbittertes Ermittler-Schlachtross, freudlos, verschlossen und desillusioniert, einer, der sich längst von den angenehmen Seiten des Lebens verabschiedet hat. Kein weiser, väterlicher Mentor wie Morgen Freeman in "Se7en" spricht aus seinem Bulldoggengesicht, sondern ein gefühlloser, verhärmter Eisklotz, ein alt und lebensüberdrüssig gewordener Peter Strohm, den sie im Kommissariat den "Killer" nennen und der in seiner Verbrecherjagd eine pathologische Besessenheit entwickelt hat, die ihn vor kaum einer Rücksichtslosigkeit zurückschrecken lässt. Nur schemenhaft erfährt der Zuschauer, welchen persönlichen, seelischen Verletzungen ihn zu einem solchen menschlichen Outlaw werden ließen.

Ihm zu Seite stellte Schwentke August Diehl als Jungpolizist Schrader. Auch er entspricht in keiner Weise seinem amerikanischen Alter Ego Brad Pitt in "Se7en", der zwar auch ein jugendlich-stürmischer Hitzkopf, aber zugleich auch liebevoller Ehemann und Hundehalter war und eine heile Welt besaß, in die er sich so lange zurückziehen konnte, bis er im grandiosen Finale des Fincher-Films eine Paketsendung erhielt. Polizeischulabsolvent Schrader hingegen ist ein spontaner, unreifer, planlos-agierender und stimmungsausgelieferter Charakter, einer, der sich trotz unzweifelhaft vorhandener Intelligenz bislang nur durchs Leben schummelt und lavierte, der alle seine Prüfungen nur mit Ach und Krach schaffte und in seiner Freizeit auch schon einmal kleine, bunte Pillen in Techno-Clubs verscherbelt. Sein Verhältnis zu Minks ist weder auf Kollegialität noch auf Vertrauen aufgebaut, sondern schlicht auf Erpressung: Minks hat den jungen Kollegen auf einer Drogenrazzia ertappt und zwingt ihn mit den Beweisen seiner Dealertätigkeit zur Zusammenarbeit, um Zugang zur Subkultur der Underground-Clubs und Tattoo-Studios zu erhalten.

Robert Schwentke führt seine beiden Hauptdarsteller mit einer beeindruckenden Disziplin. Christian Redl gibt den langsam, aber stetig in den Abgrund gleitenden Charakter des bulligen Minks mit ebenso faszinierender Minimalmimik wie auch physischer Präsenz. August Diehl, bekannt aus "23" und "Kalt ist der Abendhauch", zeigt hingegen mit jeder Szene, mit jedem bleichen, fiebrigen Mienenspiel, was für ein großartiger Theatermime er ist. Ihrem zurückhaltenden und zugleich ungemein intensiven Spiel ist es zu verdanken, dass die abgründig morbide Grundstimmung des Films zu keiner Sekunde ironisch gebrochen wird. Wie David Fincher in "Se7en" brandmarkt Schwenkte die soziale Erosion der namenlosen Großstadt, in der Minks und Schrader auf Mörderjagd gehen, als nachtschwarze Hölle auf Erden: Da verkauft ein Junkie im Endstadium seiner Heroinsucht Stücke der eigenen Haut für einen Schuss, wohlsituierte Anwälte ergötzen sich in verborgenen Hinterzimmern an Vernissagen makaberer menschlicher Hautartefakte, und ein Verdächtiger, der von Schrader gestellt wird, entzieht sich auf beispiellos makabere und blutige Weise der Verhaftung.

Auf ihrer Suche nach den Tätern stoßen Minks und Schrader auf ein gespenstisches Labyrinth bizarrer Praktiken und abartiger Leidenschaften, mal geprägt von eisiger Eleganz, mal von schmuddeliger Trübsal, um im verstörenden Finale ihr eigenes, persönliches Inferno zu finden. Ein Inferno, das an einigen Stellen zugegebenermaßen etwas zu plakativ das Vorbild "Se7en" zitiert. Der reine Krimi-Plot, den Schwentke verfolgt, hält dabei kaum einer logischen Überprüfung stand, ebenso wenig wie die etwas einfältige Auflösung wirklich zu überraschen vermag. Doch die Krimi-Story ist für den Debüt-Regisseur ohnehin nur Schablone für die diametral angelegte Entwicklung der beiden Hauptfiguren: Auf der einen Seite der zunächst so selbstsichere, überhebliche Minks, dessen Welt sukzessiv aus den Fugen gerät, auf der anderen das Coming-of-age des jungen Schrader, der sich vom kleinen Polizei-Greenhorn und Gelegenheits-Dealer bis zum Einsatzleiter bei einem polizeilichen Zugriff entwickeln darf, nur um sich anschließend in einer stinkenden, unterirdischen Abwasserkloake mit dem schaurigen Beleg seines Scheiterns konfrontiert zu sehen.

Vor allem Optik und Kameraführung machen die markanten Unterschiede zum deutschen Thriller-Pendant "Anatomie" aus. Auch dort ging es um geheime Praktiken und finstere Verschwörungen, garniert mit einigen explizit drastischen Schockszenen. Doch Stefan Ruzowitzkys Heidelberg-Slasher war trotz der Horroranleihen buntes Popcorn-Kino, dessen sanfter Grusel häufig genug ironisch verbrämt und gebrochen wurde. "Tattoo" tendiert hingegen zur Hardcore-Version von "Anatomie", ein monochromer, auswegloser und kompromissloser Alptraum ohne blondes Gretchen und ohne Licht am Ende des Tunnels, eine düstere, verstörende Nacht ohne Morgen. Mit diesem Debüt dürfte Robert Schwentke die Latte für seinen nächsten Film ungewöhnlich hoch gelegt haben.
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