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Appaloosa
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Appaloosa
Von Jens Hamp
Harte Zeiten für harte Männer. Parallel zum Untergang der goldenen Ära Hollywoods sank das Zuschauerinteresse an bärbeißigen Typen wie dem „Duke“ John Wayne. Der Western verlor sich trotz vereinzelter Genresternstunden (Der mit dem Wolf tanzt, Erbarmungslos) in der Bedeutungslosigkeit, so dass sich in der Gegenwart nur noch alternde Leinwandrecken in die staubigen Regionen des Wilden Westens verirren. Nachdem Kevin Costner (Open Range), Tommy Lee Jones (The Missing) und Liam Neeson (Seraphim Falls) bereits ihre Jugendträume ausleben durften, widmet nun auch Ed Harris seine zweite Regiearbeit – nach dem Künstler-Biopic Pollock – den ehrbaren Revolverhelden aus Amerikas Westen. Leider ist „Appaloosa“ trotz wohlklingender Besetzungsliste aber viel zu langatmig und spannungsarm geraten, um an die goldenen Zeiten des Genres anzuknüpfen.

New Mexico im Jahre 1882: Das kleine Wüstenstädtchen Appaloosa wird von Randall Bragg (Jeremy Irons, Eragon) und dessen Bande terrorisiert. Als Bragg gar vor dem Mord an drei Gesetzeshütern nicht zurückschreckt, sehen die Stadtobersten den einzigen Ausweg darin, die Macht des Gesetzes auf die erfahrenen Revolverhelden Virgil Cole (Ed Harris, Die Truman Show) und Everett Hitch (Viggo Mortensen, A History Of Violence) zu übertragen. Innerhalb kürzester Zeit stellen die neuernannten Marshalls den Frieden in Appaloosa wieder her. Ihr nächstes Ziel, Randall Bragg seiner gerechten Strafe zuzuführen, erweist sich dagegen als bedeutend schwieriger...

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Robert B. Parker erweckt „Appaloosa“ den Eindruck eines ruhig-bedächtigen Gegenentwurfes zum klassischen Hollywood-Western. Während andere Recken auch mal die Fäuste schwingen, sitzen Virgil und Everett wortkarg auf der Veranda des Sheriffbüros. Schießereien, die ansonsten als Kernstück des Genres herhalten, werden nur sehr sparsam und minimalisiert eingesetzt. Selbst der mordende Gegenspieler ist kein verschwitzter Anführer, sondern ein durchaus wortgewandter Geschäftsmann. Es ist fast so, als wäre in dieser von Korruption und Vetternwirtschaft durchtränkten Welt kein Platz mehr für wahre Helden.

Inhaltlich könnte sich das Drehbuch allerdings nicht stärker an die üblichen Westernklischees klammern. Neben der standardisierten Rahmenhandlung vom über Leichen gehenden Bösewicht konzentriert sich „Appaloosa“ völlig auf die Männerfreundschaft der beiden gesetzestreuen Hauptprotagonisten. Sie ergänzen sich wie ein gealtertes Ehepaar und vertrauen sich blind. Virgil ist der famose Schütze und charismatische Anführer, Everett der Gebildete, der auch in aussichtslosen Situationen einen kühlen Kopf bewahrt. Erschüttern kann diese Beziehung nicht einmal die attraktive Klavierspielerin Allie (Renée Zellweger, Chicago, New In Town). Sie bandelt zaghaft mit Virgil an und beschließt, mit ihm ein Haus in Appaloosa zu kaufen. Everett trägt trotz berechtigter Zweifel diese Entscheidung – schließlich spricht man unter Männern nicht über die eigene Gefühlswelt.

Leider offenbart Harris in dieser entscheidenden Dreiecksbeziehung, dass sein Hauptaugenmerk nicht der Charakterzeichnung gilt. Virgils Liebelei ist völlig gefühlskalt und kann einzig darauf zurückgeführt werden, dass sich Allie stets an den tonangebenden Mann anschmiegt. Selbst als der Revolverheld die sprunghafte Art seiner Auserwählten am eigenen Leib erfährt, weicht der ansonsten so resolute Kerl nicht von ihrer Seite. Vielleicht sind diese fahrigen Verhaltensweisen auf Kürzungen zurückzuführen – doch Ed Harris hätte sowieso gut daran getan, zur Straffung des Erzählflusses noch häufiger die Schere anzusetzen und den Film um einige zusätzliche Minuten zu erleichtern.

Schließlich wischt der Teilzeit-Regisseur die zeitweise aufkeimenden Ansätze eines bitteren Schwanengesangs auf glorreiche Westernmythen mit seiner porentiefreinen Inszenierung völlig aus dem Fokus. „Appaloosa“ geht trotz der Lage Mitten in der Wüste als die wohl lupenreinste Westernstadt der Filmgeschichte durch, die aufgeschlossenen Bewohner verhalten sich zivilisiert und im hochglanzpolierten Saloon wird nicht hemmungslos herumgelumpt, sondern adrett diniert. Würden nicht zeitweise berittene Schützen, schnaubende Dampflokomotiven und Indianer auftauchen, könnte man meinen, Ed Harris habe sich im Genre geirrt.

Trotz der deutlichen Kritikpunkte dürfen die von der Traumfabrik vernachlässigten Genrefreunde ruhig einen Blick auf „Appaloosa“ riskieren. Das beschauliche Westernstädtchen wird von Dean Semler (Oscar für „Der mit dem Wolf tanzt“) in schöne Breitwandbilder gehüllt, das Darstellerensemble füllt seine Rollen erwartungsgemäß überzeugend aus und die knackigen Shootouts brechen wunderbar mit der sonst vorherrschenden Lethargie des Films. Als finales Schmankerl wartet der Abspann zudem mit einer besonderen Überraschung auf: Ed Harris singt den selbstkomponierten Countrysong „You’ll Never Leave My Heart“, der einem nicht mehr so schnell aus dem Kopf geht.
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