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    Stiefbrüder
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Stiefbrüder
    Von Andreas Staben
    Jeder träumt gelegentlich von einem anderen Leben, von Reichtum, Freiheit oder Abenteuer. Das Kino ist eines der wirkungsvollsten Vehikel für solche Phantasien, und die Schauspieler sind meist unsere Stellvertreter bei den Reisen in fremde Welten und ferne Zeiten. Die Faszination des Berufs ist zu großen Teilen auf diese Grenzüberschreitungen zurückzuführen, wer es als Mime zu einem gewissen Status gebracht hat, der kann nach Lust und Laune auch seine eigenen Phantasien ausleben. Eine solche Wunscherfüllung ist nicht nur ein Entstehungsgrund für die Komödie „Stiefbrüder", sondern auch über weite Strecken eine ihrer wesentlichen Qualitäten. Die ungezähmte Lust, mit der die Stars Will Ferrell (Verliebt in eine Hexe, Schräger als Fiktion, Die Eisprinzen) und John C. Reilly (Magnolia, Chicago, Walk Hard) die Gelegenheit nutzen, sich wie wildgewordene Zehn- oder Zwölfjährige benehmen zu können, lässt aus „Stiefbrüder" mehr werden als eine weitere Serie schaler Gags nach Schema F. Der persönliche Spaß der Akteure, die sich unterstützt von Regisseur und Kumpel Adam McKay (Ricky Bobby - König der Rennfahrer, Der Anchorman) sichtbare Freiheiten mit dem gemeinsam entwickelten Stoff nehmen und improvisieren, sorgt für ein schwungvolles und lebhaftes Lustspiel, bei dem die Handlung zur Nebensache wird, nebenbei aber auch die ein oder andere Geschmacksgrenze überschritten wird und eine erstaunliche Boshaftigkeit zu Tage tritt.

    Dale Doback (John C. Reilly) lebt bei seinem verwitweten Vater Robert (Richard Jenkins, Operation: Kingdom, Burn After Reading) und Brennan Huff (Will Ferrell) bei seiner geschiedenen Mutter Nancy (Mary Steenburgen, Die Fremde in Dir, Nixon). Die beiden Männer um die Vierzig, deren widerwillige Versuche auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen allesamt gescheitert sind, hängen am Status quo. Sie sind nicht nur Nesthocker, sie haben sich vielmehr in einer Art verlängerter Kindheit eingerichtet. Als Robert und Nancy sich ineinander verlieben und heiraten, werden Dale und Brennan zu Stiefbrüdern. Die beiden Jungs in Männerkörpern hassen sich, müssen aber ein Zimmer teilen. Erst durch eine Auseinandersetzung mit Brennans erfolgreichem und eingebildetem Bruder Derek (Adam Scott, The Return) kommt es zu einer Annäherung zwischen Dale und Brennan. Und als die Ehe der Eltern zu scheitern droht, tüfteln die beiden einen Rettungsplan aus, bei dem selbstverständlich nicht alles nach Wunsch läuft...

    Dem Film ist ein Zitat des US-Präsidenten George W. Bush über die zentrale Rolle der Familie bei der Erfüllung von Hoffnungen und der Verwirklichung von Träumen ironisch vorangestellt. Die in ihm zum Ausdruck gebrachte abstrakte Idealvorstellung wird in „Stiefbrüder" zunächst einmal ad absurdum geführt, hier prägen unübersehbar Animositäten, Antipathien und mehr oder weniger versteckte Aggressionen das Zusammenleben. Dale und Brennan verharren in einem Stadium der Unreife, in dem verantwortliches Handeln, Rücksichtnahme und Miteinander noch Fremdwörter sind. Von der bockigen Verweigerungshaltung am familiären Essenstisch bis zu gegenseitigen Verboten und Provokationen - die beiden Stars weiden sich geradezu am asozialen Verhalten. Als Brennan gezielt und auf besonders geschmacklose Weise ein Tabu bricht, schließt sich eine monumentale Prügelei der beiden Brüder wider Willen an. Brennans Handlung, die seine Genitalien und Dales Schlagzeug involviert, folgt dem vom unvermeidlichen und unermüdlichen Judd Apatow (Jungfrau (40), männlich, sucht..., Beim ersten Mal), der hier als Produzent fungiert, geförderten Trend männlicher Entblößung. Der Humor bewegt sich meist auf derb-frühpubertärem Niveau, besitzt aber in seiner Konsequenz fast schon eine dunkle, schmerzhafte Note. Mit der hier vorgeführten Regression werden der Reihe der sich in letzter Zeit häufenden Porträts unreifer Männerfiguren, an der sowohl Apatow als auch Ferrell wesentlich beteiligt sind, gleich zwei kaum noch steigerbare Exemplare zugefügt.

    Neben dem Wunschtraum des Noch-Einmal-Kind-Seins, der mit seinen Yoda-T-Shirts, Chewbacca-Masken, Laserschwertern und Nachtsichtbrillen zumindest für die Star Wars- und „Yps"-Heft-Nostalgiker nicht zu kurz kommt und der dafür sorgt, dass Dale und Brennan immer noch etwas Unschuldiges an sich haben, lauert in „Stiefbrüder" auch der Albtraum, ein Mann sein zu müssen. Der abschreckende Gegenentwurf zu Dales und Brennans Verweigerung wird mit Derek nämlich gleich mitgeliefert. Brennans jüngerer Bruder hat alle Normen übererfüllt. Er ist erfolgreicher Vermarkter einer Helikopter-Flotte, gutaussehend und Familienvater, aber er ist dabei aufgeblasen, eingebildet, lieblos und boshaft. Er folgt dem Leistungs- und Konkurrenzgedanken in Reinkultur. Diese Inkarnation entseelter gesellschaftlicher Leitbilder wird von Adam Scott mit dem zweifelhaften Charme des dauergrinsenden Lackaffen versehen. Selbst seine Gattin (Kathryn Hahn, So was wie Liebe) kann ihn, wie sich zeigt, eigentlich nicht ertragen. Überhaupt finden Frauen in dieser Welt männlicher Selbstbezogenheit keinen zufriedenstellenden Platz.

    Die überforderten Eltern werden als Vertreter einer sonst weitgehend ausgeklammerten Normalität zunehmend zu Identifikationsfiguren, haben gegenüber der kindlichen Anarchie aber kaum eine Chance. Selbst ihre eigene Beziehung droht an den Umständen zu zerbrechen. Die „seriöse" Besetzung mit Richard Jenkins und Mary Steenburgen akzentuiert den Kontrast der Welten, die hier aufeinanderprallen. Der zutiefst unvereinbare Gegensatz zwischen eng gesetzten Rollenerwartungen und einer ungehemmten, gleichsam unzivilisierten Spontanität zeigt sich auch in der Reihe pointierter Bewerbungsgespräche, die Dale und Brennan durchlaufen. Auch wenn „Stiefbrüder" im letzten Drittel der erwartbaren Entwicklung folgt und die Jungs auf ihre eigene Weise einen Lernprozess durchleben, bei dem Will Ferrell sich übrigens eine weitere verquere Wunschvorstellung erfüllt und in die Haut Andrea Bocellis schlüpft, kann am Ende höchstens von einer halbherzigen Harmonie die Rede sein.

    „Stiefbrüder" ist für die Freunde des eher handfesten Humors zunächst einmal weitgehend gelungene Unterhaltung mit zwei Hauptdarstellern, die ideal zueinander passen. Ferrell und Reilly schrecken vor keinem Extrem zurück, sind aber auch in ruhigeren und emotionalen Szenen mit Herzblut bei der Sache. Im Gegensatz zu anderen Nesthocker-Komödien wie „Tanguy" oder Zum Ausziehen verführt werden die Daheimgebliebenen hier nicht denunziert, sondern es wird mit einer gewissen Komplexität erzählt. Unterschwellig ergibt sich dabei ein aufschlussreiches und wenig ermunterndes Bild der Männlichkeit in der heutigen amerikanischen Gesellschaft, das mit einer ambivalenten und sehr bösen letzten Pointe nach Abschluss der Filmhandlung im Abspann abgerundet wird.
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