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    In the Electric Mist
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    In the Electric Mist
    Von Daniela Leistikow
    Die Berlinale weckt in Filmemacher Bertrand Tavernier mit Sicherheit positive Erinnerungen. Bereits mit seinem ersten Spielfilm „Der Uhrmacher von Saint-Paul“ gewann der Franzose 1974 den Silbernen Bären, etwa 20 Jahre später gab es für „Der Lockvogel“ sogar Gold. Mit der Kriminalroman-Verfilmung „In The Electric Mist“ tritt der Regisseur nun erneut im Berliner Wettbewerb an und versucht an seine Erfolge anzuknüpfen. Dem 67-Jährigen gelingt ein atmosphärischer Film mit lyrischen Bildern und einem lockeren, manchmal fast ironischen Deep-South-Soundtrack. Unter Verzicht auf viele typische Krimi-Elemente unterhält „In The Electric Mist“ hauptsächlich durch die faszinierenden Charaktere und eine einzigartige Stimmung.

    New Iberia, Louisiana. Detective Dave Robicheaux (Tommy Lee Jones, Im Tal von Elah, Auf der Flucht, JFK) ermittelt im Fall eines Serienkillers, der es auf junge Frauen abgesehen hat. Auf der Heimfahrt vom neuesten Tatort erwischt der Cop den Hollywood-Star Elrod Sykes (Peter Sarsgaard, Jarhead, Garden State) betrunken am Steuer. Der Schauspieler dreht in der Nähe einen Film, der von Mafia-Boss „Baby Feet“ Balboni (John Goodman, The Big Lebowski, Barton Fink) mitfinanziert wird. Sykes erzählt Dave von der angeketteten Leiche eines Schwarzen, die er in einem Sumpf gesehen hat. Damit wühlt er Erinnerungen aus Robicheauxs Vergangenheit auf. Der Polizist ist sicher, dass die Morde des Serienkillers und das gut 40 Jahre zurückliegende Verbrechen an der Sumpf-Leiche in Verbindung stehen. Die Frage ist nur: wie?

    Von der ersten Minute an führt uns „In The Electric Mist“, der auf dem Roman „Im Schatten der Mangroven“ aus James Lee Burkes Krimireihe um den Polizisten Dave Robicheaux beruht, in eine faszinierend fremde Welt. Louisiana mit seinen grün glitzernden Sümpfen, verschlafenen Kaffs und extremen Wetterverhältnissen wird von Kameramann Bruno de Keyzer („Der Unhold“) in satten Farben genial eingefangen. Eine geisterhafte Atmosphäre bedrängt die Charaktere zu jeder Zeit. Dichter Nebel zieht auf, wo vorher die Sonne sich gruselig-schön in den Sümpfen spiegelte. De Keyzer, der schon mehrmals mit dem Regisseur zusammenarbeitete und auch bei Taverniers erstem englischsprachigen Film „Um Mitternacht“ hinter der Kamera stand, legte schon vor dem Dreh sehr genau die Beleuchtung für alle Szenen fest. Beim Filmen war es dann aber erforderlich, sich ständig an die wechselhaften Lichtverhältnisse in Louisiana anzupassen. Das Spannungsverhältnis zwischen kontrollierter Planung und den Umständen geschuldeter Improvisation trägt wesentlich zur einzigartigen Atmosphäre von „In The Electric Mist“ bei.

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    Die sehr originelle Musik passt dabei perfekt zur Stimmung des Films. An einigen Stellen lockern die Songs mit ihrem traditionellen Deep-South-Sound die Handlung auf. In anderen Szenen wirkt der spezielle Klang von Akkordeon und Trommeln nahezu ironisch. Marco Beltrami, dessen Score zuletzt bei Todeszug nach Yuma positiv auffiel, war von dem Filmprojekt begeistert, weil er entgegen Hollywood-typischer Sitten schon während der laufenden Dreharbeiten für die Filmmusik engagiert wurde und nicht erst nach deren Abschluss. Beltramis Aufenthalt in Louisiana, bei dem er sich hervorragend in die Musik des US-amerikanischen Südens einfühlen konnte, hat sich ausgezahlt.

    Zwar taucht der obligatorische Nebel im Titel und auf der Leinwand auf, doch Tavernier bedient angenehm wenig Genre-Stereotype und verzichtet auf Verfolgungsjagden und Schießereien. An einer konventionellen linearen „Whodunit?“-Geschichte ist der Regisseur insgesamt wenig interessiert. Der Mordfall mit seinen vielen Unklarheiten und die Irrwege bei seiner Aufklärung sorgen dennoch für Spannung fast bis zur letzten Minute. Der Nachteil dieser Erzählweise: Viele Fragen zu Verbrechen und Tätern werden nicht eindeutig geklärt, einige Zusammenhänge sind nur für Kenner der Buchvorlage klar ersichtlich. Dem Sehvergnügen tut das aber erfreulich wenig Abbruch, denn „In The Electric Mist“ besticht durch die atmosphärische Inszenierung und die interessanten Charaktere.

    Tommy Lee Jones ist als markiger Cop, der erst zuschlägt und später Fragen stellt, optimal besetzt. Auch die moralisch-sanfte Samariter-Seite des Protagonisten Robicheaux, der kleine Mädchen aus brennenden Flugzeugen rettet oder verzweifelte Frauen an zwielichtigen Bahnhöfen mit Geld und Schlafplatz versorgt, weiß Jones nuancenreich darzustellen. Ein Gegenpol dazu – fast bis hin zur Hollywood-Witzfigur – ist Peter Sarsgaards Sykes. Der Filmstar und seine ebenfalls schauspielernde Lebensgefährtin Kelly Drummond (sympathisch: Kelly Macdonald, No Country for Old Men, Trainspotting) wirken in dem Südstaaten-Nest ähnlich fehl am Platz und unfreiwillig komisch wie die neureiche Familie aus Tennessee in „Die Beverly Hillbillies sind los“ in Los Angeles. Auch John Goodman, der als schmieriger Südstaaten-Gangster Balboni endlich mal den Bösewicht mimen darf, weiß zu überzeugen. Die weiteren Nebenrollen sind mit Mary Steenburgen (Die Fremde in dir, Die Stiefbrüder) als Robicheauxs Frau, Justina Machado („Six Feet Under“) als Special-Agent Rosie und Ned Beatty (Der Krieg des Charlie Wilson, Shooter, The Big Easy) als reicher Geschäftsmann Twinky Lemoyne ebenso gut und treffend besetzt.

    Die Dialoge enthalten viele humoristische Cowboy-Sprüche, die über die wenigen Längen von „In The Electric Mist“ hinwegtrösten. Auch die exzellent formulierten Off-Kommentare des Ich-Erzählers Robicheaux lassen den Zuschauer aufhorchen und sprechen nebenbei für die Qualität der Buchvorlage: Sie wurden entweder direkt aus dem Roman entnommen oder von deren Autor James Lee Burke, der am Skript mitarbeitete, eigens für das Drehbuch geschrieben. Nicht nur der Schriftsteller stand Tavernier beim Dreh vor Ort hilfreich zur Seite, auch die Einwohner von New Iberia unterstützten das Team und lieferten Inspiration. Die Folge ist ein Porträt des tiefen amerikanischen Südens, das nicht von der humoristischen Verwurstung des überdreht dargestellten Akzents lebt wie etwa Forrest Gump. Und auch von der märchenhaften Idylle mit ihren weisen Über-Müttern und malerischen Ansichten von New Orleans' French Quarter, wie sie in Der seltsame Fall des Benjamin Button gezeigt wird, ist „In The Electric Mist“ weit entfernt. Tavernier würdigt Louisianas Sitten und Gebräuche sowie das lokale Wertesystem, ohne sie zu idealisieren. Dabei mag es zunächst seltsam wirken, dass immer wieder die Geister von konföderierten Soldaten auftauchen, doch bricht Tavernier durch den Einsatz dieser Phantome der Vergangenheit nicht nur mit narrativen Klischees des Genres, sondern verwurzelt seinen Film auch in Louisianas Erzähltraditionen.

    Fazit: Wegen der politischen Orientierung der Berlinale-Jury ist es eher unwahrscheinlich, dass „In The Electric Mist“ mit einem Bären belohnt wird. Aufmerksamkeit verdient das Werk dennoch in jedem Fall, denn Bertrand Tavernier hat einen stimmungsvollen Film mit lyrischen Bildern geschaffen, der mit sehr guten Darstellern und einem perfekten Soundtrack glänzt und nur diejenigen enttäuschen dürfte, die einen stereotypen Krimi erwarten.
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