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    Toy Story 3
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Toy Story 3
    Von Christoph Petersen

    Es gibt kein Filmstudio, das in den vergangenen 15 Jahren mehr Innovationen hervorgebracht hat als Pixar. Mit „Toy Story" schufen die Jungs aus Kalifornien 1995 nicht nur den ersten komplett am Computer kreierten Spielfilm der Kinogeschichte, sie haben in Meisterwerken wie „Ratatouille", „Wall-E" oder „Oben" auch das Geschichtenerzählen immer wieder neu erfunden. Doch damit ist jetzt erst einmal Schluss. Seitdem Disney das Animationsstudio aufgekauft hat, scheint eine neue Art des Sicherheitsdenkens bei Pixar Einzug erhalten zu haben. Statt Marketingalbträume wie Ratten, die ein für Amerikaner unaussprechliches französisches Gemüsegericht zubereiten, oder einsame Roboter, die noch nicht einmal sprechen können, will Disney lieber Stoffe, die einfacher an den Mann beziehungsweise die Familie zu bringen sind. Nachdem das letzte verbliebende originäre Pixar-Projekt „Newt" vor einigen Wochen gecancelt wurde, stehen dem Publikum deshalb nun mindestens drei Jahre in Folge nur Fortsetzungen ins Haus, wobei gerade die zum nicht ganz so beliebten „Cars" wohl nur produziert wird, weil sich Autos fürs Merchandising so hervorragend eignen. Den Auftakt zum Sequelwahn macht nun „Findet Nemo"-Co-Regisseur Lee Unkrich mit „Toy Story 3", womit er solchen Mäklern wie mir gleich Mal jeden Wind aus den Segeln nimmt. Denn Marketing-Optimierung hin oder her, „Toy Story 3" ist ein unglaublich unterhaltsamer und sogar überraschend mutiger Film, der es mit früheren Pixar-Klassikern - im wahrsten Sinne des Wortes – spielend aufnehmen kann.

    Weil Andy (Stimme: John Morris) auszieht, um aufs College zu gehen, landen seine Spielzeuge um Cowboy Woody (im Original: Tom Hanks, deutsche Fassung: Michael Herbig) und Space-Ranger Buzz Lightyear (Tim Allen) als Spende in einer Kindertagesstätte. Hier treffen sie auf neue Spielzeuge wie die Anziehpuppe Ken (Michael Keaton, Christian Tramitz) oder die Gummikrake Stretch, die von dem nach Erdbeeren riechenden Plüschbären Lotso (Ned Beatty) angeführt werden. Zunächst scheinen die alteingesessenen Kindergarten-Spielzeuge die Neuankömmlinge herzlich zu begrüßen, doch schon bald geht Woody & Co. auf, dass sie nur ausgenutzt werden und Lotso in Wahrheit ein straffes Schreckensregiment führt. Nach ersten vereitelten Fluchtversuchen entwickeln Woody und seine Freunde einen ausgefeilten Plan, um aus dem Kindergarten auszubrechen und Lotso ein für alle Mal in seine Schranken zu weisen...

    Sicherlich gibt es einige neue Charaktere wie das Einhorn Mäusezahn (Jeff Garlin) oder die Kichererbsen „Randale in der Schale", die es wohl in erster Linie deshalb in den Film geschafft haben, weil sie sich gut als Zugabe in einem Kindermenü bei McDonald's oder Burger King machen. Aber insgesamt bleibt dennoch festzuhalten, dass Pixar mit den meisten Neuzugängen wieder einmal voll ins Schwarze getroffen hat. Gerade der selbstverliebte Kleiderständer Ken reißt mit seiner die Grenze zur Egomanie längst überrannten Eitelkeit jede Szene an sich, in der er in ständig wechselnden Outfits auftritt. Der theaterliebende Igel Sepp Stachel (großartig: Ex-Bond Timothy Dalton) sorgt mit seinen köstlichen Shakespeare-Interpretationen hingegen für den Humor der gehobeneren Sorte (Pixar hat also einmal mehr für jede Zuschauergeneration die passenden Gags parat). Und Erdbeerbär Lotso ist ein klassischer Antagonist, wie ihn sich ein überlebensgroßer Hollywoodfilm nur wünschen kann – inklusive tragischer Hintergrundgeschichte und despotischen Allmachtsphantasien.

    Bei all diesen neuen Charakteren hätte es leicht passieren können, dass die altbekannten darüber ein wenig ins Abseits geraten. Aber dem ist absolut nicht so. Auch im dritten Teil ist dem neu zum Pixar-Team hinzugestoßenen Autor Michael Arndt (der hier erst sein zweites Drehbuch nach seinem oscargekrönten Skrip zu „Little Miss Sunshine" abliefert) noch mehr als genug für die gestandenen „Toy Story"- und „Toy Story 2"-Recken eingefallen. Die Szenen, in denen Mr. Potatoehead (Don Rickles) eine Tortilla als neuen Körper missbraucht oder Buzz Lightyear nach einem Reset plötzlich einen auf feurig-spanischen Lover macht, zählen zu den lustigsten des Films. Lediglich zu Beginn, wenn die Spielzeuge immer wieder darüber diskutieren, ob sie nun bei Andy bleiben oder lieber in den Kindergarten wollen, hätte man lieber auf das eine oder andere Hin und Her verzichtet und wäre besser gleich in das aufregendere Tagesstätten-Abenteuer durchgestartet.

    Das klingt jetzt so, als ob Pixar das Konzept der ersten beiden Teile noch einmal eins zu eins aufgewärmt, mit ein paar neuen Charakteren aufgepäppelt und in einen Kindergarten verlegt hätte. Aber dem ist ganz und gar nicht so. Denn „Toy Story 3" schlägt recht bald eine Richtung ein, die man von einem Disney-Animationsfilm nun wirklich nicht erwartet hätte. Zum einen ist Lotso nämlich ein viel teuflischerer Bösewicht als der eher amüsante, mit gelben Stoffbällchen um sich schießende Zurg es im zweiten Teil war. Außerdem leistet sich „Toy Story 3" gleich eine ganze Reihe von Horrorfilm-Anleihen. Etwa Lotsos finsteren Schergen, eine entstellte Puppe namens Big Baby, die emotionslos herumtappt und flüchtige Spielzeuge zurück in ihre Käfige sperrt. Oder auch das hochdramatische Finale in einer Müllverbrennungsanlage, das in einem totalen Kontrast zu den quietschbunten Figuren steht. Am Ende hat sich also doch Pixar durchgesetzt und sich die nötigen kreativen Freiheiten herausgenommen, die es braucht, um mit „Toy Story 3" keine Malen-nach-Zahlen-Familienunterhaltung, sondern einen der wohl besten dritten Teile überhaupt vorzulegen.

    Fazit: Gerne würde man lauter darüber schimpfen, dass Pixar zukünftig immer mehr auf Nummer sicher gehen und vornehmlich auf Sequels setzen wird. Aber solange die anstehenden Fortsetzungen „Cars 2" und „Die Monster AG 2" ähnlich genial ausfallen wie „Toy Story 3", besteht absolut kein Grund sich zu beschweren.

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