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    Video Kings
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Video Kings
    Von Christian Horn
    Es gibt wenige deutsche Komödien, die wirklich gut sind. Und auch die Trash-Komödie „Video Kings“ kann nicht ohne Einschränkungen gelobt werden, gewinnt aber durch die unabhängige Machart und den Stil, der im Rahmen finanzieller Einschränkungen entstanden ist, einiges an Charme. Dass „Video Kings“ absolut Low Budget ist, merkt man schon daran, dass der Film fast ausschließlich in einer Neuköllner Videothek spielt. Was sonst nur im Arthouse-Bereich vorkommt – die Beschränkung auf einen Handlungsort – findet hier in einer bewusst trashigen Slapstick-Komödie Anwendung. Die Handlung fokussiert sich auf die beiden Protagonisten Flo (Fabian Busch, 23, Der Untergang) und Hotte (Wotan Wilke Möhring, Antikörper, Anatomie 2), die in der Videothek arbeiten und sich mit allerhand abgedrehten Menschen herumplagen müssen. Videothekare aus dem wirklichen Leben können ein Lied davon singen.

    Die erste Hälfte des Films kann zum größten Teil überzeugen; die Hauptdarsteller spielen mit viel Herzblut und der Zuschauer stellt die Charaktere zu keiner Zeit in Frage. Flo hat Probleme mit dem Finanzamt, Stress mit seiner Freundin und campiert in der Videothek. Am Morgen nach einem deftigen Abschuss mit Hilfe von hartem Alkohol wird er von seinem Kollegen Hotte, dessen Kleidungsstil unvergleichlich ist, geweckt. Als Hotte (auch der Name ist hervorragend) den Laden betritt, filmt die Kamera nur seine Schuhe: Die Ballonhose hat er in sportlich-trashiges Schuhwerk gesteckt und alleine dieser Anblick ist urkomisch. Und da hat der Zuschauer noch nicht Hottes haarsträubende Frisur gesehen, laut MTV News die „schönste Filmfrisur aller Zeiten“… Was neben den beiden Protagonisten, die als Originale bezeichnet werden können, gefällt, sind die unzähligen Anspielungen und Querverweise auf Filme, von Excalibur bis Titanic, von Das Schweigen der Lämmer bis Memento ist vieles dabei. Und das schöne ist, dass man sich als Cineast über viele Insider-Gags freuen darf, etwa in folgendem Wortwechsel:

    „Memento war ein Scheißfilm.“
    „Warum war der scheiße?“
    „Hab ich vergessen.“

    Kaum hat Flos Freundin einen neuen Lover, verguckt dieser sich in die neue Nachbarin – doch bis er ans Ziel kommt, muss er noch einige Feuerproben überstehen. Unter anderem macht der Besitzer der Konkurrenzvideothek Ärger. Dann gibt es noch einen kleinen Gastauftritt von Bela B. als Punker, der geklaute Sachen verticken will. Durch sein Zutun haben es ein paar Neuköllner Straßenschläger auf Flo abgesehen…

    Doch vor dem Finale muss noch die zweite Hälfte erwähnt werden, die deutlich schlechtere. Irgendwie geht „Video Kings“ die Puste aus, die Geschichte wird immer banaler und gute Gags werden rar. Auch die Filmzitate sind dünner gesät, was dem Film einiges von seiner eigentlichen Attraktion nimmt. Waren die Bluescreenaufnahmen, die wohl als die schlechtesten aller Zeiten bezeichnet werden können, im ersten Teil noch charmant, sind sie im Kontext des zweiten regelrecht ärgerlich. Ein weiteres Problem ist, dass die Konflikte und Probleme der Figuren ohne große Motivation oder Raffinesse nicht gelöst, sondern einfach nur abgehakt werden. Nun könnte man sagen, dass ein Trashfilm damit gut leben kann. Aber ein Film wie „Video Kings“, der sich voll und ganz auf seine Figuren stützt (stützen muss), bricht unter diesem Eindruck zusammen und wird schlichtweg banal.

    Rechnet man Pro und Contra zusammen, kommt „Video Kings“ dennoch recht ordentlich weg. Es ist ein Glück für den Film, dass er mit einem mickrigen Budget und den damit verbundenen Beschränkungen inszeniert worden ist. Denn so bekommt er dieses gewisse Etwas, dieses spürbare Herz. Die beiden Regisseure Daniel Acht und Ali Eckert wollten eigentlich Fördergelder für „Video Kings“ beantragen, wurden aber überall abgewiesen. Da sie ihr Drehbuch mochten, entschlossen sie sich dazu, den Film „independent“ zu inszenieren und trommelten befreundete Musiker und Schauspieler wie Bela B. oder Til Schweiger zusammen, mit der Bitte, an dem Film mitzuwirken. Und mit Fabian Busch und Wotan Wilke Möhring wurde „Video Kings“ schließlich ideal (haupt-)besetzt. Viele der anderen Darsteller bringen das Feeling nicht wirklich rüber, auch Bela B. ist nicht gerade Oscar-verdächtig (was ihn wohl kaum interessieren wird). Kurzum: Ohne Busch und Möhring wäre der Film nur die halbe Miete wert. Einen guten Teil zum Gelingen des Projekts steuert dann noch der durchweg gelungene Soundtrack bei, der mit Größen wie den „Beatsteaks“ brillieren kann und jeden Song treffend platziert. Letztlich retten noch ein paar gute Dialoge und Drehbuchideen den Film. Die Szene etwa, als Flo und Hotte in die Wohnung der Nachbarin eindringen wollen (eine der wenigen außerhalb des Ladens übrigens), wartet mit einer schlichten, deswegen aber nicht minder genialen Idee auf: Die beiden verstecken sich vor der nahenden Schönheit und drängen sich bewegungslos an eine Wand. Auf ein „Pssst!“ verstummt der Filmton und bleibt für circa zwei Minuten aus. Im Kinosaal wird es schon langsam unruhig, manch einer verflucht den Filmvorführer und die Leute fangen an zu munkeln, andere lachen. Dann geht der Ton wieder an. Szenen ähnlicher Machart hätte man gerne mehr gesehen.

    Das eigenwillige Marketing von „Video Kings“ ist noch erwähnenswert: Da die Filmemacher keine finanzielle Rückendeckung haben, betreiben sie eine innovative und durchaus zeitgemäße Art des Marketings. Man kann zum Beispiel eine E-Mail an den Verleiher schicken, um im Abspann aufgenommen zu werden. Eine einfache und gleichzeitig zündende Idee, denn jeder, der im Abspann auftaucht, will das wohl auch mal im Kino sehen – bestenfalls mit seinen Freunden. Weiterhin wird das Internet als Plattform genutzt, gezielte Kooperationen mit Zeitschriften (etwa mit dem Berliner Magazin „Uncle Sally’s“) und spezielle „Secret Screenings“ im Vorfeld des Kinostarts. Und auch auf myspace.com wird für den Film geworben, in Zeiten von Web 2.0 eigentlich eine Pflichtübung (man erinnere sich an den Internet-Hype rund um Snakes On A Plane).

    Allein das Guerilla-Marketing und die augenscheinliche Liebe, mit der „Video Kings“ entstanden ist, rechtfertigen einen Extrapunkt in der Bewertungsskala. Leider passt bei dem Film nicht alles „wie Arsch auf Eimer“, wie Bela B. uns glauben machen will. Witzige Gags, die charmant-trashige Grundstimmung und kultverdächtige Seitenhiebe auf Unsitten aktueller Populärkultur (wie das Werbefernsehen im Spätabendprogramm) werden von misslungenen Szenen und Momenten – vor allem in der zweiten Filmhälfte – relativiert. Leider.
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