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    Hotel Very Welcome
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Hotel Very Welcome
    Von Christian Horn
    „Hotel Very Welcome“, der erste fiktionale Spielfilm von Sonja Heiss, wurde dieses Jahr mit dem renommierten „First Steps Award“ ausgezeichnet und darüber hinaus auf etlichen Festivals, unter anderem in Berlin und Ludwigshafen, geehrt. Heiss hat in München Dokumentarfilm studiert, was man ihrem Film auch deutlich anmerkt: In einem sehr dokumentarischen, auf Zufälligkeiten und „gefundene Bilder“ aufbauenden Stil, beobachtet sie in einzelnen, nicht weiter verknüpften Episoden fünf Rucksacktouristen auf ihren Wegen durch Thailand und Indien. Sie alle haben verschiedene Motivationen: Die einen wollen feiern, die anderen laufen vor Problemen weg oder wollen ganz klassisch „zu sich selbst finden“. Während ihrer Studienzeit ist Heiss oft selbst nur mit einem Rucksack ausgestattet durch die Welt gereist und konnte so genügend Erfahrungen sammeln, um das Geschehen authentisch zu halten. So ist der Blick in „Hotel Very Welcome“ nicht heroisch oder glorifizierend, sondern ehrlich und unmittelbar – garniert mit viel Humor und einem Gespür für die etlichen, ganz beiläufigen Alltagsprobleme der Backpacker.

    Der Film eröffnet mit einem jungen Mann, Liam (Chris O’Dowd), der auf einem indischen Busbahnhof seinen Bus sucht. Eine Situation, die er in heimischen Gefilden wohl routiniert meistern würde, die hier aber zu Komplikationen führt. Verständnisprobleme und fehlende Orientierung gestalten die Suche nach dem richtigen Bus recht verworren und umständlich, beinahe abenteuerlich. Mit dieser Szene offenbart „Hotel Very Welcome“ gleich zwei seiner Stärken: Zum einen das Zeigen ganz alltäglicher Momente, die in anderen Filmen, welchen mit einem weniger sensiblen Blick, einfach ausgespart würden – wie das Suchen nach einem Bus. Und zum anderen die dokumentarische, dem Finden von wahren Momenten verpflichteten Inszenierung von Sonja Heiss: Der Darsteller Chris O’Dowd wusste nämlich nicht, dass der Bus, den er in dieser Improvisation suchen sollte, gar nicht an diesem Bahnhof abfährt. Die Suche des Filmcharakters ist also auch die Suche des Schauspielers, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwischen. Ähnliche Momente gibt es in den anderen Episoden auch, und gerade sie sind es, die „Hotel Very Welcome“ seine Sogwirkung verleihen.

    Im weiteren Verlauf des Films erfahren wir, dass Liam Irland spontan verlassen hat, weil er bei einem One Night Stand eine Frau geschwängert hat. Zwar will er sich der Verantwortung nicht entziehen, aber erst mal alleine mit der heiklen Situation fertig werden. Er reist durch Indien, führt persönliche Gespräche mit einem Kamelführer und lenkt sich durch stetigen Haschischkonsum ab. Doch erst am Ende seiner Reise findet er etwas, dass ihm gefehlt hat. In einer anderen Episode werden uns Joshua (Ricky Camp) und Adam (Gareth Llewelyn) vorgestellt, zwei junge Engländer, die in Thailand auf der Suche nach der ultimativen Party und exotischen Mädchen sind. Obwohl sie exzessiv feiern, entwickelt sich ihr Urlaub weniger ekstatisch als erhofft; durch das ständige Aufeinanderhängen und eine auf das Gegenüber projizierte Unzufriedenheit droht die Freundschaft zu zerbrechen. In Bangkok hängt Svenja (Svenja Steinfelder) in einem Hotel fest, weil sie ihren Anschlussflug verpasst hat. In endlosen, von sprachlichen Missverständnissen ab absurdum geführten Telefonaten mit einem, der englischen Sprache nur rudimentär mächtigen Reisbüroangestellten gehören zu den humorvollsten Momenten des Films und machen den größten Teil dieser Episode aus. Zuletzt gibt es dann noch Marion (Eva Löbau, Der Wald vor lauter Bäumen, Requiem), die in einer Beziehungskrise steckt und in Thailand ihre innere Stimme wieder finden will. Mit anderen Touristen nimmt sie an Meditationskursen teil und führt Small Talks am Hotel-Pool. Mehr und mehr fühlt sie sich verloren, ihre Suche nach Sinn mündet in eine Sehnsucht nach der Heimat.

    In allen Episoden gibt es Momente wie die eingangs beschriebene Suche nach dem Bus, ganz banale Alltagsmomente eben, die Heiss teilweise ins Drehbuch geschrieben und teilweise beim Improvisieren gefunden hat. Fast schon glaubt man, die Schauspieler wären tatsächlich Reisende und „Hotel Very Welcome“ ein Dokumentarfilm ohne Off-Kommentar – und das muss man erst mal hinbekommen. Als Kritikpunkt gibt es allerdings anzumerken, dass „Hotel Very Welcome“ in manchen Momenten zu viel sagt, den Zuschauer zu sehr auf eine Sichtweise festlegen will. Ein paar Leerstellen mehr hätten die Glaubwürdigkeit noch mehr erhöhen können. Dennoch: Gerade wenn man bedenkt, dass „Hotel Very Welcome“ ein Abschlussfilm ist, ein verdammt mutiger noch dazu, wird augenscheinlich mit wie viel Gespür Sonja Heiss schon jetzt ihre Figuren porträtiert. Die Inszenierung steht nie im Weg, im Gegenteil, sie macht die Sogwirkung des Films erst möglich. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass die Wege der Protagonisten sich (bis auf eine Ausnahme) nicht kreuzen; eine gute Entscheidung, denn diese Art von Konstruiertheit hätte den ehrlichen, dokumentarischen Blick des Films womöglich aus den Angeln gehoben. Und gerade der ist es ja, der Heiss‘ Abschlussfilm so besonders macht.
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