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Vollidiot
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Vollidiot
Von Carsten Baumgardt
„Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Sprach Schriftsteller Otto Julius Bierbaum (1865 - 1910) einst während seines Schaffens. Der Literat definierte allerdings, dass Lachen nur dann Humor ist, wenn es in der Situation der Gefahr oder des Scheiterns auftritt und sich nicht gegen Dritte richtet. Auslöser sind die kleinen Schwächen und Fehler, aber die Hoffnung auf die Überwindung dieser Unzulänglichkeiten schimmert immer am Horizont. In Tobi Baumanns Komödie „Vollidiot“ soll auch herzlich gelacht werden. Am besten mit der titelgebenden Hauptfigur, aber zur Not über diese oder eben auch über Dritte – Hauptsache, es wird überhaupt gelacht. Doch da beginnen die Probleme. Die Popliteraten-Prosa von Tommy Jaud, der die Bestseller-Vorlage lieferte, will sich so partout nicht mit den Leinwand-Kalauern vertragen.

Simon Peters (Oliver Pocher) fristet ein ereignisloses Loser-Leben als Telefonverkäufer in der Kölner Innenstadt. Immer noch trauert er seiner Ex-Freundin hinterher, die ihn bereits vor einem Jahr verlassen hat. Seine einzigen Freunde sind der korpulente Flik (Oliver Fleischer, „Schmetterlinge im Bauch“), ein Arbeitskollege aus dem Telefonladen, und die lebenslustige Paula (Tanja Wenzel, Wo ist Fred?, Der Wixxer). Sie stehen Simon auch in den größten Krisen bei. Anstrengungen, wieder an eine Frau zu kommen, schlagen kläglich fehl. Vermittlungsversuche seiner Putzfrau fruchten nicht und selbst aus einem Urlaub auf Mallorca kommt er als einziger ungefickt zurück. Doch die Pechsträhne scheint kurz vor seinem 30. Geburtstag zu enden, als er in einer amerikanischen Edel-Kaffeekette die südamerikanische Bedienung Marcia P. Garcia (Ellenie Salvo González, Hui Buh - Das Schlossgespenst) erblickt und sich auf der Stelle in sie verliebt. Ein Problem steht dem neuen Glück noch im Weg: Er muss sich trauen, seine Zukünftige anzusprechen...

Tommy Jaud, der nicht nur die Vorlage schrieb, sondern auch gemeinsam mit Christian Zübert (Regisseur des grandios witzigen „Lammbock“) das Drehbuch verfasste und in einer kleinen Rolle zu sehen ist, begann seine Karriere als Gagschreiber für Harald Schmidt. Anschließend feierte er Erfolge mit den Sat1.-Comedy-Produktionen „Wochenshow“ und „Ladykracher“, bevor er 2004 800.000 Exemplare seines Debüt-Romans „Vollidiot“ absetzte. Diese locker-leichte, pfiffige Literatur ist scharfsinnig wie amüsant beobachtet und liest sich ausgesprochen flott. Eine Verfilmung war nur eine Frage der Zeit. Doch das Unterfangen, die Geschichten von hippen Popliteraten auf die Leinwand zu bannen, birgt so seine Gefahren. Gregor Schnitzler hatte bei der Benjamin-Stuckrad-Barre-Verfilmung Soloalbum seine Mühe, konnte aber noch Passables aufbieten. Wie es richtig geht, hat Leander Haußmann in Herr Lehmann (nach dem Roman von Sven Regener) vorgemacht. Da Popliteratur sowieso nie eine stringente Geschichte ziert, kommt es auf die Charaktere und die Atmosphäre an, was Haußmann mit seinem phantastischen Ensemble clever umsetzte. An dieser Stelle werden die Schwierigkeiten von „Vollidiot“ offensichtlich.

Regisseur Tobi Baumann, der sich mit der Edgar-Wallace-Parodie Der Wixxer in Sachen rustikaler Humor erfolgreich Gehör verschaffte, setzt in seiner Verfilmung auf eine scheinbar logische Besetzung. TV-Comedian Oliver Pocher als „Vollidiot“ Simon Peters: Das klingt auf den ersten Blick richtig (natürlich vorausgesetzt, man ist dem schamfreien TV-Proll wohl gesonnen). Passt doch die Charakterisierung der Figur gut zu Pochers Bild, das er in seinen Shows abgibt. Überraschenderweise ist das Ergebnis auf der Leinwand nicht zufriedenstellend, wie erhofft. Nach ersten Schauspielerfahrungen in der TV-Serie „Sternenfänger“ und einem Cameo-Auftritt in Hui Buh - Das Schlossgespenst ist „Vollidiot“ Pochers erste Kinohauptrolle. Doch die Rolle seines Lebens - sich selbst zu spielen - zu differenzieren, gelingt dem Hannoveraner nicht. Was besonders hinderlich ist: In kleinen Dosen genossen, kann Pochers Humor kurz und knapp wirken, auf die lange Distanz überwiegt das Nervpotenzial.

Was „Vollidiot“ aber tatsächlich noch schwerer zu schaffen macht, ist die Diskrepanz der verschiedenen Humorebenen. Jauds clevere, flotte Schreibe wird in der Kinoversion durch tumben deutschen Kalauerhumor verdrängt. Die feinen, gesellschaftsentlarvenden Beobachtungen am Rande der Ich-Reflexion sind auch im Film noch vorhanden, aber sie verpuffen emotionslos im großen Nichts, weil sie nicht adäquat präsentiert werden. Wirkten Haußmanns Figuren in „Herr Lehmann“ noch völlig authentisch in ihrem eigenen Mikrokosmos, so wird „Vollidiot“ schlicht als ein lebloses Comedy-Konstrukt deutscher Fernsehprägung entlarvt. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass hier und da ein Lacher für das Publikum abfällt, über die Dauer von 102 Minuten ist die Dichte zu gering und der Knallchargenanteil zu hoch.

Das Publikum bekommt einfach keine Kontaktmöglichkeit geboten, die Charaktere bleiben fern. Simon Peters ist in der Tat ein Vollidiot, aber keiner, der Mitleid hervorruft, sondern einer, der einem einfach nur egal ist - keine gute Voraussetzung für einen Filmhelden. Die für deutsche Promi-Komödien üblichen Gastauftritte zieren auch „Vollidiot“. Das mag für die Marketingstrategen ergiebig sein, dem Film nutzt das aber so wenig, wie es schadet. Auf einer Ebene kann „Vollidiot“ dennoch voll überzeugen. Der Soundtrack ist exzellent. In den musikalisch stimmig illustrierten Collagen beginnt die Komödie ab und an für kurze Zeit zu leben.
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