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    Tanz der Vampire
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Tanz der Vampire
    Von Björn Helbig
    Wenn man von der Stadt „Königsberg“ hört, denkt man irrtümlicher Weise vielleicht zunächst an Deutschlands berühmtesten Philosophen Immanuel Kant. Nach dem Genuss von Roman Polanskis Vampirreigen, wird man zusätzlich über diese Stadt (heute Kaliningrad) wissen, dass aus ihr der berühmte Vampirforscher Professor Abronsius kam, der seine Heimat und seine spöttelnden Kollegen an der Universität verließ, um in Transsylvanien (wo sonst?) nach Vampiren zu suchen. Dies und vielerlei mehr über Abronsius’ Forschungsgegenstand, erfährt der Betrachter von Roman Polanskis Meisterwerk „Tanz der Vampire“.

    „..wie glücklich er heute ist. Sehen Sie doch nur, wie er hüpft und tanzt..“. (Graf von Krolock schwärmt über das Vampirdasein)

    Der Film beginnt mit einer nächtlichen Kutschfahrt. Der eher unbekannte obzwar seit den fünfziger Jahren aktive Jack MacGowran (u.a. Der Exorzist – Director´s Cut) spielt den schrulligen Professor Abronsius, der sich mit seinem schüchternen Gehilfen Alfred (Roman Polanski) in die Karpaten auf die Suche nach Vampiren macht. Steif gefroren kommen beide im kleinen Gasthaus von Herbergsvater Shagal (gespielt von Alfie Bass, James Bond 007 – Moonraker, „Alfie“ 1966, „Up to Junction“) an und entdecken dort tatsächlich Anzeichen für Vampire: überall hängt Knoblauch. Doch Wirt Shagal blockt die inquisitorischen Versuche des Professors ab: „Ob es in unserem Bezirk irgendwo ein Schloss gibt, fragen Sie? Mein Wort […], es gibt hier ebenso wenig ein Schloss wie eine Windmühle. [An die Gasthausbelegschaft gewandt] Also, oder kennt jemand von Euch eine Windmühle in unserem Bezirk? Hä?“ Die Anwesenden verneinen.

    Schon in der Gasthaussequenz des Films werden viele skurrile Typen eingeführt. Neben Abronsius, Alfred und Wirt Shagal, dessen Lieblingsbeschäftigung das Nachstellen des weiblichen Personals seiner Herberge ist, sowie dessen Frau Rebecca (Jessie Robins, „Up to Junction“), die dies mit schlagkräftigen „Argumenten“ zu verhindern versucht, lernen wir auch noch den misswüchsigen (und missfrisierten) Diener „des Bösen“ Koukol kennen (gespielt von Terry Downes, der Bodyguard in Derek Jarmans „Caravaggio“). So lustig und stellenweise unheimlich das Geschehen bis hierhin ist – so richtig startet „Tanz der Vampire“ eigentlich erst mit der Entführung von Shagals Tochter Sarah (liebreizend: Sharon Tate) durch den Grafen Krolock. Krolock (Ferdy Mayne, „Kight Moves“, Barry Lyndon) verschleppt Sarah auf sein Schloss (es gibt also doch eines!), Shagal wird bei dem Versuch ihn aufzuhalten gebissen und verwandelt sich deswegen ebenfalls in einen Vampir, der daraufhin von den Vampirjägern zum Schloss verflogt wird. Im Domizil des Grafen machen Abronsius und Alfred nicht nur mit Krolock nähere Bekanntschaft, sondern ebenso mit dessen Sohn Herbert (Iain Quarrier, „Sympathy For The Devil“) und verdammt vielen anderen Vampiren…

    Auf die Story kommt es beim „Tanz der Vampire“ gar nicht so sehr an – es sind die beim ersten Anschauen gar nicht vollständig erfassbaren, in liebevollen Choreographien zur Musik von Krzysztof Komeda vorgetragenen Details der einzelnen Szenen und Sequenzen, welche den Film zu einem solchen Vergnügen machen. Wohlmöglich bleiben allen Zuschauern andere Szenen als die besten, die originärsten in Erinnerung: Der eine liebt den für den deutschen Titel verantwortlichen Tanz im Ballsaal (oft kopiert, nie erreicht), der anderen kann sich den ganzen Film lang über den abseitigen Abronsius-Charakter erfreuen, wieder ein anderer hält Alfreds Verfolgung durch den schwulen Herbert für das Beste am Film. Die Persiflage auf den mystischen Vampir diverser Genreproduktionen ist hier wirklich vortrefflich: Während Alfred vor Herbert eine Galerie entlang – leider im Kreis – flieht, wartet der Vampir einfach auf Alfred, der ihm wieder in die Arme läuft. Tja, Vampire kochen eben auch nur mit Wasser.

    Roman Polanski (Rosmaries Baby, Chinatown, Der Pianist, Oliver Twist) gelingt in seinem einzigen Ausflug in „leichtere“ Gefilde der Spagat zwischen Grusel und Klamauk ganz hervorragend. Beeindruckend ist, wie er es stets schafft, auch den albernsten Szenen eine gewisse Abgründig- und Bedrohlichkeit zukommen zulassen oder, anders herum, auch den wirklich schaurigen Momenten ein Augenzwinkern abzugewinnen. Auffallend ist auch der sexuelle Subtext, der sich durch den ganzen Film zu ziehen scheint: Krolock begehrt Sarah, ebenso wie Alfred, der wiederum einen untoten Verehrer hat usw. Polanskis Fähigkeit beschränkt sich aber nicht nur auf die Regiearbeit und das Verfassen des gaggespickten Scripts – auch den furchtsamen Vampirjägergehilfen Alfred spielt er tadellos. Doch wichtiger als seine Einzelleistung ist, dass er und Abronsius-Darsteller Jack MacGowran kongenial zusammenarbeiten und wahrscheinlich eines der lustigsten Duos der Filmgeschichte abgeben. Es sind, wie gesagt, die kleinen, hervorragend umgesetzten Einfälle, die „Tanz der Vampire“ zu einem Klassiker machen. Doch ebenso verantwortlich für den Charme des Films ist sicherlich die Arbeit seines Team, bestehend unter anderen aus Produktionsdesigner Wilfred Shingleton, der dem Wirtshaus und Krolocks Schloss die marode Atmosphäre gab. Aber auch das Make-up von Tom Smith und die Kostüme von Sophie Devine sorgen für den perfekt zwischen Humor und Grusel ausbalancierten Look.

    „Die Zähne gewetzt und ihnen nach“ (Graf von Krolock ruft zur Vamirjäger-Jagd auf)

    Polanski versteht in „Tanz der Vampire“ ausgezeichnet auf der Klaviatur der Genreerwartungen zu spielen - und immer knapp daneben zu greifen. Vor allem durch diese „Dissonanzen“ entwickelt „Tanz der Vampire“ seinen ganz eigenen Humor. So treibt die Vampire in Polanskis Werk (die im Gegensatz zu den mystischen Blutsaugern der Genrevorbildern eher dekadenten Adligen nachempfunden sind - ein Motiv übrigens, das später in so manchem Vampirfilm übernommen wurde) ebenfalls fleischliche Begierde an – jedoch entsteht die eigentliche Gefahr für unsere beiden Vampirjäger erst durch einen schwulen Vampir, der sich in Alfred verguckt. Trotzdem darf man Polanskis Film nicht einfach als Parodie auf ein Genre, als ein sich über etwas lustig machen, missverstehen. „Tanz der Vampire“ ist durchaus ein konstruktiver Beitrag als eine, wenn nicht sogar die Symbiose aus Gruselfilm und Comedy. Wem der „klassische“ Vampirfilm nicht allzu heilig ist, wird mit Roman Polanskis Version sehr viel Spaß haben.
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