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    Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat
    Von Christoph Petersen

    Die Produzenten von „Operation Walküre“ werden jetzt verklagt, weil sie für den Film jenen berühmten Hitler-Globus nachbauten, der bereits in Charlie Chaplins Der große Diktator eine tragende Rolle spielte. Damit haben sie angeblich gegen die Rechte des heutigen Besitzers des historischen Artefakts verstoßen. Dieser Vorgang zeigt nicht nur, dass Amerika noch immer eine klagewütige Nation ist, sondern auch, dass der Hype um „Operation Walküre“ zunehmend nur noch Nichtigkeiten hervorbringt. Aber was soll's? Jede Publicity ist gute Publicity. Oder etwa nicht? Dass die dauernden Schlagzeilen um Drehgenehmigungen, Presse-Sperrfristen und -Ausladungen, Scientology und Bambis dem Stauffenberg-Drama eher schaden als nützen, hat einen ganz einfachen Grund: Der Film ist deutlich besser als sein miserabler Ruf. Dieser kleine, aber nichtsdestotrotz bedeutende Fakt droht nun leider in dem allgegenwärtigen Medienballyhoo, das fast ausschließlich Nebenkriegsschauplätze beackert, unterzugehen. Das würde aber weder Regisseur Bryan Singer, noch seinem Hauptdarsteller Tom Cruise, und erst recht nicht der deutschen Widerstands-Ikone Stauffenberg gerecht.

    Zweiter Weltkrieg: Weil er bei einer Schlacht in Nordafrika ein Auge und einen Teil seiner rechten Hand verloren hat, kehrt Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Tom Cruise) nach Deutschland zurück. Hier schließt er sich einer Gruppe ranghoher Offiziere an, die vorhaben, den Führer Adolf Hitler (David Bamber) zu eliminieren. Unter der Federführung Stauffenbergs wird ein vielversprechender, aber riskanter Plan ausgeheckt: Würde man nur Hitler auslöschen, wäre damit das Naziregime noch lange nicht besiegt. Deshalb soll nicht nur ein Bombenattentat auf Hitler verübt, sondern zugleich auch die Kontrolle über das Militär gewonnen werden. Doch am 20. Juli 1944 geht einiges schief. Hitler überlebt den Anschlag. Stauffenberg und seine Kameraden gehen aber weiterhin davon aus, dass der Führer das Zeitliche gesegnet hat. Sie verbreiten überall die Nachricht vom Tod des Diktators, während dieser ohne Möglichkeit zur Kommunikation in seinem Führerhauptquartier, der Wolfsschlucht, festsitzt. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Kann Stauffenberg das Militär auf seine Seite ziehen, bevor die Nachricht vom Überleben Hitlers Berlin erreicht...?

    Lässt man das „Darf ein bekennender Scientologe einen Helden des deutschen Widerstandes verkörpern?“ einmal beiseite, stößt man unweigerlich auf das wirklich Wichtige: Ist „Operation Walküre“ ein guter Film? Eine simple Frage, die aber nicht ganz so einfach zu beantworten ist. Die Antwort hängt nämlich stark mit der Erwartungshaltung des Zuschauers zusammen. Nur soviel ist sicher: „Operation Walküre“ ist weder ein Meisterwerk, noch ist er der Flop, als den ihn viele gerne sehen würden. Vielmehr ist der zu großen Teilen im Studio Babelsberg und an markanten deutschen Originalschauplätzen entstandene Film vor allem eines: interessant. Auf der einen Seite steht das Drehbuch eines Kammerspieldramas, das jedes noch so winzige historische Detail vorbildlich aufarbeitet - auf der anderen stehen Regisseur Bryan Singer und sein Star Tom Cruise, die agieren, als würden sie an einem Big-Budget-Superhelden-Blockbuster arbeiten. Diese Inkohärenz mutet im ersten Moment katastrophal an, treibt auf der Leinwand aber spannende Blüten.

    Stauffenberg, das Historiendrama: Die Autoren Christopher McQuarrie (Die üblichen Verdächtigen) und Nathan Alexander haben ganz offensichtlich eine Menge Zeit in staubigen Archiven zugebracht - oder zumindest sonstwie vorbildlich recherchiert. Was die historischen Details angeht, und damit sind nicht nur Uniformen und Abzeichen gemeint, stimmt einfach alles. Vor allem die zahlreichen Mitkonspiranten sind hervorragend herausgearbeitet (und besetzt): Kenneth Branagh (Harry Potter und die Kammer des Schreckens) als Generalmajor Henning von Tresckow, Bill Nighy (Tatsächlich Liebe) als General Friedrich Olbricht, Terence Stamp (Wanted) als Ludwig Beck, Eddie Izzard (Ocean‘s 13) als General Erich Fellgiebel und Christian Berkel (Das Experiment) als Mertz von Quirnheim - bei keinem dieser Charaktere wurden zugunsten der Dramaturgie irgendwelche Abstriche gemacht.

    Es ist in Hollywood ja durchaus üblich, dass in Historienfilmen mehrere Figuren zu einer zusammengefasst werden, um die Übersichtlichkeit der Handlung zu bewahren. Solche fragwürdigen Praktiken sind den „Operation Walküre“-Autoren völlig fremd. Zwar hat diese Genauigkeit zur Folge, dass im Film hauptsächlich in Büros miteinander gesprochen wird, aber dieser Mangel an handfester Action tut der Spannung keinen Abbruch. Um diesem Kammerspielcharakter entgegenzuwirken, haben die Produzenten extra einen Nachdreh anberaumt, bei dem die Kriegsaction zu Beginn in Nordafrika entstand. Zwar stört diese Szene im fertigen Film nun nicht, sie wäre aber auch nicht zwingend notwendig gewesen - der Spannungsbogen stimmt auch ohne lautstarkes Kriegsgetümmel.

    Stauffenberg, der Superheld: Regisseur („Der Musterschüler“, „Die üblichen Verdächtigen“) und Produzent („Dr. House“, Trick `R Treat) Bryan Singer hat sich mit X-Men, X-Men 2 und Superman Returns in der vergangenen Dekade hauptsächlich mit Comic-Verfilmungen beschäftigt. Dieser Umstand ist nun auch „Operation Walküre“ deutlich anzumerken. Hier werden in zweifacher Hinsicht Erinnerungen an die propagandistischen Superman-Comics aus Kriegstagen wach, in denen der Held mal kurz ins „Good Old Europe“ herübergeflogen kam, um ein paar Nazischergen auf die Nase zu hauen. Zum einen ist die ganze Faschismus-Ästhetik, am deutlichsten erkennt man dies an der Inszenierung der Nazisymbole, ganz offensichtlich an die klassischen Comic-Strips der späten 30er und 40er Jahre angelegt. Wobei Singer deutlich subtiler (und damit auch wirkungsvoller) zu Werke geht als sein Kollege Frank Miller, der in The Spirit zwar ähnliches versucht, aber damit grandios scheitert.

    Doch nicht nur die visuelle Ausgestaltung, auch der Held selbst erinnert an die frühen Jahre des Comics. Eine Zeit, in der Antihelden noch lange nicht in Mode waren. Auch Tom Cruise (Top Gun, Die Firma, Jerry Maguire, Last Samurai, Krieg der Welten, Von Löwen und Lämmern) mimt nun - trotz trostlos grauer Uniform, Augenklappe und Handprothese - einen solchen strahlenden Überflieger. Während seine Mitstreiter allesamt - historisch genau - ihre Ecken und Kanten haben, ist Stauffenberg ein klassischer Held, dessen Integrität beim ersten Anblick über jeden Zweifel erhaben ist und der sich ohne jedes Hadern und Zögern für seine Mission aufopfert. Am eindrucksvollsten zeigt dies jene Szene, in der Stauffenberg von seinem Vorgesetzten Friedrich Fromm (Tom Wilkinson, Geliebte Lügen, Cassandras Traum, Michael Clayton) nachdrücklich zu einem Hitlergruß aufgefordert wird. Doch statt seinem linken streckt Stauffenberg schelmisch seinen handlosen Arm zum Gruße empor. Das wirkt tatsächlich, als würde ein Superheld einen schlagfertigen Oneliner vom Stapel lassen, bevor er sich auf den Bad Guy stürzt.

    Fazit: „Operation Walküre“ verbindet ein penibel recherchiertes Kammerspiel mit der Optik früher „Superman“-Comics. Das ist nicht immer hundertprozentig stimmig, aber durchweg spannend. Gerade für Fans von Regisseur Bryan „The X-Men“ Singer ist der Film deshalb ein unbedingtes Muss.

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