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    Surrogates - Mein zweites Ich
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Surrogates - Mein zweites Ich
    Von Julian Unkel

    Inspiriert durch Second Life und andere Onlinerollenspiele entwerfen Autor Robert Venditti und Zeichner Brett Weldele in ihrem fünfbändigen Comic „The Surrogates“ eine in der nahen Zukunft angesiedelte Welt, in der Menschen nur noch mittels ihrer Avatare interagieren und kommunizieren. Diese Surrogates, ferngesteuerte Roboter mit menschlicher Erscheinung, können in ihrem Aussehen ganz den Wünschen ihrer Benutzer angepasst werden, weshalb selbst ein Einkauf im Supermarkt optisch einem Dolce-&-Gabbana-Werbespot gleicht. Und da Schäden an den Surrogates jederzeit ausgebessert werden können, während ihre Benutzer sicher in den eigenen vier Wänden verweilen, gehören Kriminalität und Unfälle praktisch der Vergangenheit an. Jonathan Mostow (Terminator 3) hat die Comic-Serie zu einem ordentlichen, aber auch sehr generischen Sci-Fi-Thriller geformt, der die interessanten Möglichkeiten der Vorlage völlig ungenutzt lässt.

    Als zwei Surrogates vor einem Nachtclub attackiert und zerstört werden, tun die Behörden den Vorfall vorerst als Vandalismus ab. Doch als die FBI-Agenten Tom Greer (Bruce Willis) und Jennifer Peters (Radha Mitchell) die Wohnungen der Benutzer aufsuchen, finden sie dort deren echte Leichen vor – und stoßen damit auf den ersten Mordfall seit Jahren. Noch brisanter wird der Fall, als sich herausstellt, dass einer der beiden Toten ausgerechnet der Sohn von Surrogates-Erfinder Lionel Canter (James Cromwell) ist und der Anschlag eigentlich ihm selbst galt. Eine erste Spur führt zu The Prophet (Ving Rhames), dem Anführer der wenigen verbliebenen, in abgeschotteten Siedlungen hausenden Menschen, die ohne Surrogates leben. Im Zuge der Ermittlungen stößt Greer auf eine groß angelegte Verschwörung – und sieht sich deshalb dazu gezwungen, das erste Mal seit langer Zeit auf seinen Surrogate zu verzichten und selbst das Haus zu verlassen…

    „Surrogates“ beginnt mit einer stimmungsvollen, in ihrer dokumentarischen Aufmachung an die Eröffnung von District 9 erinnernde Introsequenz, die kurz und bündig erläutert, wie sich die Gesellschaft durch Surrogates verändert hat. Auch werden hier bereits einige Fragen über die Implikationen einer durch Stellvertreter erlebten Realität aufgeworfen. Wie wirkt sich dies etwa auf Sex und Fortpflanzung, auf Kinder und Erziehung aus? Auf Antworten wartet man jedoch vergebens, da die Autoren John Brancato und Michael Ferris, die mit Mostow bereits bei „Terminator 3“ zusammengearbeitet haben, die Grundidee kaum weiterentwickeln und lediglich für oberflächliche Kritik an der fortschreitenden Realitätsflucht und Technologieabhängigkeit nutzen.

    Feature

    Die Welt von „Surrogates“:

    Hintergründe und Charaktere

    Stattdessen entwickelt sich „Surrogates“ zu einer geradlinigen Schnitzeljagd, garniert mit einigen Actionsequenzen und der üblichen tragischen Hintergrundgeschichte des Protagonisten, die dessen ambivalentes Verhältnis zu den Surrogates erklärt. Mostow inszeniert bei einer Lauflänge von nicht einmal 90 Minuten angenehm straff, verpasst dem Film einen sehr schicken, auf Hochglanz polierten Look und spielt in einigen groß angelegten Set Pieces sein Talent als fähiger Actionregisseur aus. Den Machern gelingt es zudem, die Hintergründe der Verschwörung lange genug zu verschleiern und damit die Spannung aufrechtzuhalten, um dann das Finale mit einem überraschenden, wenn auch nicht ganz schlüssigen Twist einzuleiten. Eben dieser letzte Akt ist durch seinen allzu formelhaften Aufbau aber die schwächste Passage des Films: Die Szene, in der ein vor der Ermordung unzähliger Menschen nicht zurückschreckender Bösewicht den Helden festnagelt, ihm dann aber die Möglichkeit gibt, den Plan doch noch zu vereiteln, bedient jene üblen Klischees, deren Auslassen bereits in der ersten Stunde eines jeden Drehbuchlehrgangs gepredigt wird. Und während Mostow, Brancato und Ferris „Terminator 3“ Hollywood-untypisch noch ziemlich düster enden ließen, verzichten sie dieses Mal auf die tragische Schlussnote des Comics und servieren ein weichgespültes Happy End.

    Interview

    Robert Venditti

    Filmstarts im Gespräch mit dem Surrogates-Erfinder.

    Die Trailer erweckten den Eindruck, Bruce Willis (Stirb langsam, Hostage, Pulp Fiction) würde erneut in seine Paraderolle als kerniger Actionheld schlüpfen. Sein Tom Greer verlangt in dieser Hinsicht jedoch Zurückhaltung: Durch die Jahre auf der Virtual-Reality-Couch ist er merklich geschwächt und kommt in den Verfolgungsjagden nur schwer hinterher, die markigen Oneliner weichen bis auf wenige Ausnahmen Wut und Verunsicherung. Wirklich anspruchsvoll ist die Rolle dennoch nicht und wird von Willis auch mühelos gestemmt. James Cromwell (L.A. Confidential, Die Queen) und Ving Rhames (Mission: Impossible, The Tournament) werden in ihren kleinen Rollen ebenfalls kaum gefordert, während Radha Mitchell (Mann unter Feuer, Melinda And Melinda) und Rosamunde Pike (James Bond 007 - Stirb an einem anderen Tag, Das perfekte Verbrechen) als Greers Frau zumeist als Surrogates agieren, weshalb ein etwas hölzernes Auftreten von ihnen sogar verlangt wird. Mehr Arbeit kam da schon auf die Maskenbildner zu, die sich mit viel Make-up und Weichzeichner den Uncanny-Valley-Effekt (siehe Wikipedia) zu Nutze machen und die Darsteller in makellose, aber nur fast menschlich erscheinende Surrogates verwandeln, die gerade deshalb so creepy wirken. Aus ähnlichen Gründen hat man wohl auch dem Surrogate von Bruce Willis eine Frisur verpasst, für die sich selbst Nicolas Cage schämen würde – es ist geradezu erleichternd, Willis nach einer halben Stunde endlich wieder dauerhaft mit Glatze, Falten und Stoppelbart auf der Leinwand zu sehen.

    Kauftipp

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    Fazit: Nicht zuletzt durch den Erfolg von Second Life & Co. wartet „Surrogates“ mit einer äußerst interessanten Prämisse auf. Umso enttäuschender ist es deshalb, dass Mostow und seine Autoren diese nur als Ausgangslage für eine konventionelle Verschwörungsgeschichte verwenden. Das ergibt am Ende zwar einen über weite Strecken recht unterhaltsamen Sci-Fi-Thriller – aber eben leider auch nicht mehr.

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