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Sherlock Holmes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Sherlock Holmes
Von Christoph Petersen
In seiner Dankesrede bei den Golden Globes, wo er als bester Schauspieler in einer Komödie ausgezeichnet wurde, fügte Robert Downey Jr. augenzwinkernd an, dass er sich bei seinem Team ja gar nicht bedanken müsse. Vielmehr sei es an seinem Team, ihm Dank zu sagen, weil der Film nur seinetwegen am Box Office nicht total gegen den übermächtigen Konkurrenten Avatar – Aufbruch nach Pandora abgestunken hätte. Natürlich war diese Aussage alles andere als ernst gemeint, aber trotz aller Selbstironie birgt sie doch einen wahren Kern. Schließlich verhält es sich mit „Sherlock Holmes" ganz ähnlich wie mit Iron Man. Regisseur Guy Ritchie hat einen ordentlichen Blockbuster inszeniert, der aber erst durch seinen alles überragenden Hauptdarsteller zum unbedingt sehenswerten Ereignis wird.

Ende des 19. Jahrhunderts wird London von einer Reihe von Ritualmorden erschüttert. In buchstäblich letzter Sekunde gelingt es Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und seinem Partner Dr. Watson (Jude Law), eine weitere Tat zu verhindern und den Mörder zu stellen. Unter der schwarzen Kutte verbirgt sich niemand Geringeres als Lord Blackwood (Mark Strong), der nun einem Ende am Galgen entgegensieht. Doch dem Eingekerkerten scheint seine Situation nicht allzu viel auszumachen. Stattdessen verkündet er Holmes, dass er mit bösen Mächten im Bunde stünde und nach seinem Tod noch drei weitere Menschen sterben würden. Während der Privatdetektiv die Drohung zunächst noch als bloßen Humbug abtut, kommen tatsächlich erste hochrangige Mitglieder der Londoner Gesellschaft auf merkwürdige Weise ums Leben. Bei der Exhumierung von Blackwoods Leiche stellt sich außerdem heraus, dass es sich inzwischen ein anderer Toter im Sarg des Mörders bequem gemacht hat. Es ist nun an Holmes, das mysteriöse Treiben als Scharlatanerie zu entlarven oder sich einzugestehen, dass hier tatsächlich überirdische Mächte ihre Späßchen treiben...

Guy Ritchie erarbeitete sich mit Filmen wie Bube, Dame, König, grAs und Snatch den Ruf als britische Regiehoffnung Nummer eins, bevor seine Karriere beginnend mit dem Madonna-Flop Stürmische Liebe langsam ins Stocken geriet. Seine Masche, das Publikum mit atemberaubenden Over-the-Top-Regieeinfällen in seinen Bann zu ziehen, hatte sich irgendwann totgelaufen. Filme wie Revolver und Rock N Rolla waren kaum mehr als solide abgespulte Wiederholungen seines Erfolgsrezepts. Mit „Sherlock Holmes" hat Ritchie nun ein fulminantes Comeback hingelegt. Und dies nicht nur, weil er am Box Office grandios abgesahnt hat, sondern auch, weil sich Ritchies ihm eigener Inszenierungsstil überraschend gut mit der Erzählung eines klassisch angehauchten Hollywood-Abenteuers verträgt.

Stand die Inszenierung bei „Bube, Dame, König, grAs" noch klar an erster Stelle, nimmt sich Ritchie diesmal – ohne von seinem Stil aber auch nur einen Millimeter abzuweichen – zumindest soweit zurück, dass Regie, Schauspieler und Story gleichberechtigt auf einer Stufe stehen. Die inszenatorischen Kniffe sind hier nicht länger purer Selbstzweck, sondern fügen sich natürlich in den Film ein. Das Ergebnis sind einige grandiose Sequenzen, mit denen sich Blockbuster-Debütant Ritchie ohne weiteres für den Regieposten weiterer Großproduktionen empfiehlt. Besonders heraus sticht eine Sequenz, die in Zeitlupe mehrere Explosionen aneinanderreiht, deren Einstellungen aber keinesfalls an das Bombastkino eines Michael Bay (Transformers – Die Rache), sondern vielmehr an gotische Malerei gemahnen.

Diese Anklänge an die Gotik finden sich auch im sonstigen Design des Films wieder. Das Neuerschaffen des Londons zu Zeiten der industriellen Revolution ist den Setdesignern und CGI-Animatoren ganz hervorragend gelungen. Ähnlich wie in dem japanischen Film K-20: Das Geheimnis der schwarzen Maske gelingt auch hier das freche Spiel mit Errungenschaften wie Dampfmaschinen oder Elektrizität, die Holmes in einer Szene etwa dazu nutzt, um einen übermächtigen Gegner mit einer Teslaspule durch die Wand zu tasern. Das erinnert in gewisser Weise an jene Mixtur aus historischem Setting und Science-Fiction-Elementen, wie sie oft auch im asiatischen Anime-Kino anzutreffen ist.

Doch was hat dieses postmoderne Industrie-Abenteuer noch mit dem Sherlock Holmes aus der Feder von Arthur Conan Doyle gemein? Mehr als man glaubt, lautet die überraschende Antwort. Dass Robert Downey Jr. zum Beispiel weder Deerstalker-Hut noch Inverness-Mantel trägt, ist nur richtig. Diese für Holmes so typische Mode stammt nämlich keinesfalls aus Doyles Roman, sondern von Basil Rathbone, dem ersten Kino-Holmes. Wer trägt auch schon einen Jagdhut mitten in der Stadt? Auch dass sich Holmes in der Neuauflage neben seinem überragenden Intellekt auch mit seinen Fäusten zu wehren versteht, ist keinesfalls allein aktuellen Sehgewohnheiten geschuldet, sondern bereits in den literarischen Vorlagen verankert. Schließlich fühlt sich Holmes in diesen nicht nur in seinem Labor, sondern auch im Boxring (er beherrscht die Kunst des Bartitsu, einer Mischung aus Boxen, Savate, Ringen und japanischem Jiu-Jitsu) zu Hause.

Ein weiterer Punkt, der für anhaltenden Gesprächsstoff sorgt, ist die Beziehung von Holmes und Watson. Weil Holmes tierisch eifersüchtig wird, als Watson ihm eröffnet, dass er mit seiner Verlobten Mary Morstan (Kelly Reilly) zusammenziehen will, wurde von homoerotischen Untertönen gemunkelt. Im ersten Teil erweist sich die Beziehung der beiden nun jedoch (leider) nur als zwar sehr innig, aber dennoch rein platonisch. Und auch den Ankündigungen von Downey Jr., die Homoerotik dann aber in der so gut wie sicheren Fortsetzung ausloten zu wollen, werden wohl keine Taten folgen. Andrea Plunket, die Inhaberin der US-Rechte an den Sherlock-Holmes-Romanen, hat schließlich bereits zu Protokoll gegeben, dass sie einer solchen Ausdeutung niemals zustimmen könnte, weil sie den Geist der Geschichten verfälschen würde.

Doch auch ohne diesen „Skandal" ist das Duo Robert Downey Jr. (Natural Born Killers, Kiss, Kiss, Bang, Bang, Zodiac) und Jude Law (eXistenz, A.I. – Künstliche Intelligenz, Das Kabinett des Dr. Parnassus) unglaublich gut. Wie in Iron Man mimt Downey Jr. den Helden auch hier mit der ihm eigenen Mischung aus verschmitztem Understatement und trockenem Humor. Ähnlich wie Johnny Depp in den Fluch der Karibik-Filmen avanciert so auch Downey Jr. zu einer Attraktion, die notfalls auch ohne den Film um sich herum bestehen könnte. Jude Law wiederum kommt die schwierige Aufgabe zu, Dr. Watson auf der einen Seite als väterlichen Freund zu spielen, der den depressiven Holmes wieder aufzurichten versucht. Andererseits ist dieser Dr. Watson keinesfalls so sehr über jeden Zweifel erhaben, wie man es aus anderen Verfilmungen gewöhnt ist. Stattdessen muss Holmes selbst kleine Beträge für ihn verwahren, weil sie sonst Watsons Spielsucht zum Opfer fallen würden.

Neben den beiden starken Hauptakteuren hat „Sherlock Holmes" auch noch einiges an Frauenpower zu bieten. Rachel McAdams (State Of Play, Die Frau des Zeitreisenden) weist Downey Jr. als Meisterdiebin und Holmes‘ Ex Irene Adler mehr als nur einmal in seine Schranken. Und auch bei Kelly Reilly (Lady Henderson präsentiert, Eden Lake), die als Mary den Kampf um Watson für sich entschieden zu haben scheint, bekommt Holmes ordentlich sein Fett weg. Eine kleine Enttäuschung auf Seiten der Schauspieler ist allein Mark Strong (Robin Hood, Kick-Ass), der als Bösewicht zwar einiges an düsterem Charisma auffährt, aber dennoch nie wirklich bedrohlich wirkt.

Dass „Sherlock Holmes" trotz all seiner Qualitäten nicht der ganz große Blockbuster-Wurf geworden ist, liegt an dem Mystery-Krimi-Plot, den das Autorentrio Michael Robert Johnson, Anthony Peckham (Invictus) und Simon Kinberg (Jumper) zusammengeschustert hat. Dieser ist zwar in sich stimmig, zum Teil aber dennoch so weit hergeholt, dass das Mitraten keinen Spaß mehr macht. Und gerade im Mittelteil hat sich auch die eine oder andere (erträgliche) Länge eingeschlichen.

Fazit: „Sherlock Holmes" ist trotz des modernen Inszenierungsstils ein beinahe klassisches Action-Abenteuer mit einem begeisternden Cast, dessen Finale tatsächlich einmal Lust auf einen zweiten Teil macht.
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