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    Ruinen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Ruinen
    Von Carsten Baumgardt
    Genrefilme sind ein zweischneidiges Schwert. Zwar wird von ihnen nicht unbedingt übermäßiger Einfallsreichtum erwartet, weil schließlich klar definierte Regeln befolgt werden müssen, auf der anderen Seite birgt dieses enge Korsett aber auch stets die Gefahr akuter Originalitätsarmut – immerhin können nur die wenigsten Vertreter mit wirklich frischen Ideen aufwarten. Auch das Grundgerüst von Carter Smiths Horror-Thriller „Ruinen“ – eine Handvoll Twens gerät im Urlaub in eine tödliche Falle – provoziert schon beim Lesen ein dezentes Gähnen. Doch die Verfilmung des Romans von Scott B. Smith (Ein einfacher Plan) entpuppt sich als grundsolider, tougher Reißer, der sich trotz hohem Blutzoll von den zahlreichen Saw-Epigonen, die in den vergangenen Jahren das Horrorkino maßgeblich bestimmt haben, bewusst und wohltuend abhebt. Die größte Leistung von Regisseur Smith ist dabei, dass „Ruinen“ trotz seiner Maya-Killerpflanzen-Thematik nie ins Lächerliche abgleitet, sondern ein überzeugendes Spannungsniveau hält.

    Die befreundeten Paare Jeff (Jonathan Tucker) und Amy (Jena Malone) sowie Eric (Shawn Ashmore) und Stacy (Laura Ramsey) verbringen auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán einen ausgelassenen, alkoholgetränkten Urlaub. Kurz vor ihrer geplanten Abreise treffen die vier Amerikaner auf den Münchner Mathias (Joe Anderson), der sie zu einem aufregenden Trip in den Urwald einlädt. Der deutsche Abenteurer will seinen Bruder Heinrich suchen, von dem er seit geraumer Zeit kein Lebenszeichen mehr empfangen hat. Dieser betrieb zuletzt Ausgrabungen an einer alten, versteckt gelegenen Maya-Kultstätte. Allzu große Sorgen macht sich Mathias jedoch nicht. Sollte er aber! Gleich nach ihrer Ankunft wird der Grieche Dimitri (Dimitri Baveas) von übel gelaunten Indianern niedergeschossen. Der Rest der Touristengruppe kann sich gerade noch auf die Anhöhe einer Maya-Ruine retten - auf die verrottete Pyramide wollen die Ureinwohner partout nicht folgen. Allerdings schneiden sie den ungebetenen Gästen den Rückweg ab. Die Twens sind gefangen. Doch Gefahren drohen auch noch von ganz anderer Seite. Die Rankpflanzen, die fast die gesamte Ruine einhüllen, entpuppen sich als intelligentes Killer-Efeu, das die Eindringlinge mal subtil, mal offensiv-blutig dahinraffen will…

    Carter Smith ist ein Regie-Frischling. Er begann seine Karriere als Fotograf und Werbefilmer, „Ruinen“ ist sein Kinodebüt. Die Ausgangshandlung klingt ein bisschen nach Turistas oder Hostel, aber der Name des Autors sorgt zumindest für ein Aufhorchen: Immerhin erhielt Scott B. Smith für die Drehbuchadaption seines eigenen Romans Ein einfacher Plan Ende der Neunzigerjahre eine wohlverdiente Oscarnominierung. In Sachen Figurenzeichnung macht sich Scott B. Smiths Talent zwar nicht unbedingt bemerkbar (nach einer eher flotten, oberflächlichen Einführung stürzt sich der Film sofort mitten rein ins Geschehen), doch in der Folge entwickelt sich „Ruinen“ zu einem richtig spannenden Genre-Wadenbeißer, der sich bei der Wahl der Mittel im Schlussviertel als nicht gerade zimperlich erweist.

    Was den Film aus dem Gros der grauen Genremasse hervorhebt, ist Smiths stringente Regie. Er hält sich nicht mit Kleinigkeiten auf, sondern konzentriert sich ganz auf das Wesentliche. Obwohl die Figuren kaum einen Hintergrund verpasst bekommen und nur durch jeweils prägnante Eigenschaften charakterisiert werden, verhalten sie sich im Gegensatz zu vielen ihrer Genrekameraden durchaus plausibel, ihr Verhalten in der für die Leinwand konstruierten Notsituation lässt sich auch von normalsterblichen Kinozuschauern nachvollziehen. Angenehm ist Carter Smiths anfängliche Zurückhaltung in Sachen Gore. Das bewahrt ihn davor, in die Schmuddelecke des – mittlerweile ausgelutschten und überholten - Torture Porns gedrängt zu werden. Erst gen Ende zieht Smith die Daumenschrauben brutal an und verlangt seinem Publikum einen stabilen Magen ab, wenn beispielsweise narkosefrei Gliedmaßen amputiert werden. Gerade weil die happigen Szenen nie beliebig oder selbstzweckhaft wirken, entfalten sie eine umso stärkere Wirkung. Warum die FSK den teils beinharten „Ruinen“ mit einer Freigabe ab 16 Jahren durchwinkt, aber einem eigentlich harmlosen Werk wie The Happening zuletzt – selbst in einer eh schon radikal geschnittenen Fassung - das gleiche Prädikat anhängte, ist kaum nachzuvollziehen. Also Vorsicht: „Ruinen“ hält sich zwar über weite Strecken zurück, in einigen wenigen, expliziten Momente geht es dann aber doch ans Eingemachte.

    Die Besetzung liefert ebenfalls positive Argumente. Für Genre-Horror ist der Cast wirklich ordentlich. Jonathan Tucker (Im Tal von Elah), Jena Malone (Into The Wild), Shawn Ashmore (X-Men), Laura Ramsey (Der Pakt) und Joe Anderson (Across The Universe) sind zumindest keine totalen No-Names und garantieren handwerklich sauberes Schauspiel. Sie sind allesamt in der Lage, die angespannten Emotionen ihrer Charaktere glaubhaft rüberzubringen. Einen bösen, unverständlichen Fauxpas erlaubt sich Regisseur Smith allerdings mit der Figur des Mathias. Warum um Himmelswillen muss ein Deutscher ausgerechnet von einem Briten gespielt werden? Waren alle deutschen Schauspieler ausgebucht? In der Originalversion scheitert Joe Anderson kläglich bei dem Versuch, einen deutschen Akzent nachzuäffen. Noch schlimmer fallen seine Bemühungen aus, zwischendurch ein paar deutsche Wortfetzen einzustreuen. Als er nach seinem Bruder Heinrich (laut amerikanischer Filmindustrie offenbar immer noch der beliebteste deutsche Vorname) sucht, brüllt er breit „Heinrrick“, „Heinrrick“… An anderen Stellen quatscht er irgendein unverständliches Deutsch-Imitat-Kauderwelsch, das für teutonische Ohren nicht zu deuten ist. Das ist so peinlich wie überflüssig, sorgt aber immerhin für etwas unfreiwillige Komik.

    Fazit: „Ruinen“ ist ein erfreulich erfrischender Genrebeitrag von Regie-Neuling Carter Smith, der sich die Substanz der Vorlage von Scott B. Smith zu Nutze macht, auch wenn er im Vergleich zum Roman am Ende den Mut verliert. Der Horror-Thriller ist sicherlich kein Genre-Highlight wie Neil Marshalls The Descent oder Alexandre Ajas The Hills Have Eyes, garantiert Fans aber stramme 90 Minuten packende Unterhaltung.
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