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    Auf Anfang
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Auf Anfang
    Von Christian Schön

    Im klassischen Erzählkino begegnet man zumeist Filmen, die eine geschlossene Form aufweisen. Das trivialste Merkmal solcher Filme ist, dass die Handlung stringent, also ohne Brüche in der Zeit, erzählt werden. Insofern unterliegen sie der Beschränkung, sich für einen bestimmten möglichen Gang der Handlung entscheiden zu müssen und diesen konsequent erzählen. Es gibt auch andere Filme. So ist zum Beispiel der Held von Harold Ramis’ „... und täglich grüßt das Murmeltier“ in einer Zeitschleife, also in einer Virtualität von Möglichkeiten, gefangen. Er ist gezwungen, einige dieser verschiedenen Möglichkeiten, wie man einen normalen Tag bestreiten kann, zu realisieren, bis der Held einen Ausweg und der Film ein Ende finden kann. Genau mit dieser Potentialität der möglichen Handlungsverläufe spielt auch das Drama „Auf Anfang“ des norwegischen Regisseurs Joachim Trier. „Auf Anfang“ ist der erste Langfilm Triers, der zuvor lediglich zwei Kurzfilme und etliche Werbefilme gedreht hat. Dieses Erstlingswerk hat es jedoch in sich, und wurde bereits 2007 als norwegischer Kandidat für eine Oscarnominierung vorgesehen. Die Ehre, das Kino Norwegens zu repräsentieren, hatte zuletzt im Jahr 2001 Petter Naess’ Elling. Einen Vergleich muss „Auf Anfang“ in keinerlei Hinsicht scheuen und konnte deshalb bereits auf drei anderen Festivals bisher vier Preise gewinnen.

    „Auf Anfang“ erzählt die Geschichte von zwei befreundeten, aufstrebenden Schriftstellern, Erik (Espen Klouman Høiner) und Phillip (Anders Danielsen Lie). Beide sind Anfang Zwanzig, haben gerade ihren ersten Roman fertig gestellt und sind bereit, sie an einen Verlag zu schicken. Nach einiger Zeit des Wartens bekommt Phillip eine Zusage, seinen Roman zu verlegen, Erik sein Manuskript zurück. Phillips Roman wird von den Medien gepriesen, er selbst wird zum Star der Literaturszene. Auf den steilen Weg nach oben, folgt der Fall: Phillip landet in der Psychiatrie, was seine Karriere als Autor auf wackelige Füße stellt. Er hört fast völlig auf zu schreiben, oder macht sich über seine eigenen Versuche, die er auf Eriks Anregungen schreibt, lustig. Nachdem Phillip mehr Zeit für den privaten Lebensbereich zur Verfügung hat, wird dieser zusehend wichtiger. Er erinnert sich an seine Liebe zu seiner Freundin Kari (Viktoria Winge), und versucht ihre Beziehung, die durch den Aufenthalt in der Psychiatrie unterbrochen wurde, wieder zu beleben. Währenddessen schwingt Erik sich zu neuen Höhen auf. Er hat seinen Roman „Prosopopeia“ überarbeitet und bekommt eine Zusage vom Verlag. Die Resonanz in den Medien ist aber alles andere als prächtig…

    Der Titel des Films – „Auf Anfang“ – könnte auch als eines seiner zentralen Gestaltungsprinzipien aufgefasst werden. Die Handlung wird immer wieder bis zu einem bestimmten Punkt getrieben, um zurück auf den Anfangspunkt zu springen. Interessant bei den dargestellten, prinzipiell möglichen Handlungsfortgängen ist das extreme Tempo, in dem diese erzählt werden. Wie Gewehrsalven brechen über den Zuschauer aneinander gestückelte Fragmente potentieller Lebenswege herein, die klug überzeichnet aber nicht ins Extreme, nicht grotesk verzerrt, erscheinen, sondern in groben Zügen, aber dennoch pointiert und mit viel Charme, die Handlung ins Ungewisse voranpeitscht. Auf die realistische Gefahr hin, dass der ein oder andere Zuschauer dann doch den Anschluss verpassen könnte, wird die Zeit wieder auf die Anfangssituation zurück gebogen und sie hat erneut die Chance, ihren Weg in die Zukunft zu bahnen. Bisweilen macht der Film es einem auch schwer, Indizien zu finden, ob gerade die Handlung de facto weitergeht, oder ob etwas im Potentialis erzählt wird. Dieses Verwirrspiel erinnert entfernt an David Lynchs Inland Empire, in dem er die Methode jedoch bis an die Grenzen der Logik führt, und viele würden sagen, diese auch überschreitet.

    In „Auf Anfang“ ragt eine Figur in die Handlung hinein, die sogar über die Fähigkeit, die Handlung auf deren Anfang zurückspringen zu lassen, zu verfügen scheint. Nicht zufällig ist diese Figur – Phillip – von Beruf Schriftsteller und damit Vertreter einer Gilde, die in ihrem Schaffen auf ähnliche Weise nach Belieben schalten und walten kann. Ob in der Figur demnach auch autobiographische Züge des Filmemachers, der ebenfalls am Drehbuch mitgeschrieben hat, zu finden sind, beantwortet dieser selbst: „Es ist kein autobiographischer Film, aber man bringt immer etwas von sich selbst in die verschiedenen Figuren ein. Die Umgebung und die Welt, in der die Charaktere leben, kenne ich sehr gut. In Norwegen, und vermutlich auch in vielen anderen Ländern, versuchen viele junge Leute aus der Mittelklasse, etwas „Kreatives“ zu tun. Nur sehr wenigen gelingt es. Die Tragödie im Leben vieler Menschen besteht darin, dass sie es nicht schaffen, ihren „großen Erwartungen“ zu entsprechen. Diese unerträgliche Leichtigkeit war eine interessante, aber auch herausfordernde Prämisse, um damit dramaturgisch zu arbeiten.“[\i]

    Das Drehbuch von „Auf Anfang“ wurde, wie erwähnt, von Regisseur Joachim Trier und Eskil Vogt zusammen erarbeitet. Beide haben ihre Fähigkeiten im Kurzfilmbereich, respektive im Bereich des Werbefilms, geschult. Dieser Umstand macht sich positiv bemerkbar. Die Binnenstrukturen der verschiedenen Klein- und Kleinsterzählstränge lassen an die erwähnten Genres erinnern. Denn sowohl im Kurzfilm, wie auch im Werbefilm, kommt es darauf an, in kurzer Zeit möglichst viel, und dazu noch pointiert zu erzählen. „Auf Anfang“ bietet jedoch mehr als nur aneinander gereihte, gut erzählte Episoden. Geistreich wird mit auch noch so kleinen Elementen immer wieder gespielt, Motive werden neu verknüpft, unerwartete Wendungen und Begegnungen inszeniert. Die Kombination von Kurzfilmelementen kulminiert zu einer brillanten Gesamtschau des Könnens Joachim Triers.

    Was den Film zudem auszeichnet, ist eine, alles andere als langweilig zu bezeichnende, Bearbeitung des Stoffes. Betrachtet man Grundkonstellation erinnert die Geschichte an Truffauts berühmten Film „Jules et Jim“. Trier beerbt Truffaut weniger bezüglich einer neuen Ausformulierung des Stoffes der Menage à Trois, als vielmehr im Bezug auf die vorherrschende Stimmung im Film, die zwischen bitterem Ernst und unbeschwerter Heiterkeit oszilliert. Ein gutes Beispiel liefert der Umgang mit dem Topos des Künstler als Wahnsinniger: Der Prototyp eines solchen Künstlertypus kann in Vincent van Gogh angesehen werden. Wahnsinnige Künstler tauchen, gemäß des verklärten, verkannten Romantikers in unzähligen Variationen in Filmen auf (Derek Jarmans Caravaggio, Carlo Sauras „Goya En Burdeos“, Agnieszka Hollands Klang der Stille oder Ed Harris’ Pollock) und schreiben den Mythos vom Künstlergenie fort. Ganz anders, auf sehr geglückte Weise, taucht der Künstler in Form des Schriftstellers in „Auf Anfang“ auf. Erik und Phillip sehen in dem norwegischen Autor Sten Egil Dahl, der noch am ehesten für den alten Künstlertypus steht, ihr Vorbild, dieser entpuppt sich aber als freundlicher, wenn auch ein wenig vereinsamter alter Herr. In den Episoden, die Erik und Phillip in ihrem Freundeskreis zeigen, werden sie als ganz normale Jugendliche charakterisiert, die mit den selben Problemen des Alltags zu kämpfen haben, wie ihre Altersgenossen.

    Dieser Effekt wird vielleicht auch dadurch verstärkt, dass Joachim Trier beim Casting der Hauptrollen auf die Rekrutierung von Stars verzichtet hat. Zwar haben alle Darsteller ein wenig schauspielerische Erfahrung – was ihre hervorragende Leistung mit Nichten schmälern soll – verfolgen in ihrem normalen Leben aber die unterschiedlichsten, fernab vom Filmgeschäft liegenden Tätigkeiten. Anders Danielsen Lie schließt beispielsweise gerade sein Medizinstudium ab, Espen Klouman Høiner ist gelernter Werbetexter während Pal Stokka, der einen der Freunde von Erik und Phillip spielt, in einem Plattenladen arbeitet. In dieser verkürzten Zusammenstellung zeigt sich gewissermaßen der Anspruch, mit dem der Film insgesamt auftritt. Mit viel Charme und in dem Bewusstsein, ein kleiner, bescheidener Beitrag zur norwegischen Kinokultur zu sein, liefert „Auf Anfang“ exzellentes, scharfsinniges und zugleich unterhaltsames Filmvergnügen.

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