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    Comrades In Dreams - Leinwandfieber
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Comrades In Dreams - Leinwandfieber
    Von René Schumacher
    Dass die Faszination Kino weltumspannend ist, ist für niemanden ein Geheimnis. Aber wer glaubt, dass Kino überall auf der Welt in derselben Form dargebracht wird, der irrt gewaltig. Uli Gaulke führt uns in seinem faszinierenden Dokumentarfilm „Comrades In Dreams“ Kinobetreiber vor, die ihre Leidenschaft für den Film eint, aber die unter vollkommen anderen Voraussetzungen arbeiten, als man es in Europa von komfortablen High-Tech-Kinosälen her kennt. Ein Inder betreibt ein Zeltkino, mit dem er von Ortschaft zu Ortschaft fährt, eine Nordkoreanerin unterhält ein Kino, um die sozialistische Produktion anzukurbeln, drei Afrikaner haben in ihrem Kinosaal im wahrsten Sinne des Wortes kein Dach über dem Kopf und eine Amerikanerin führt ein Kino nur, weil es ihr das Gefühl der Einsamkeit nimmt. Alle sind auf ihre Art Träumer, die ihre Liebe zum Film verbindet. Dabei gelingt es Gaulke durch eine neutrale Beobachterposition, nicht nur die Geschichte seiner Hauptdarsteller, sondern auch ein Porträt verschiedener Kulturen auf drei Kontinenten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, zu erzählen.

    Anup fährt im Bundesstaat Maharashtra in Indien mit seinen drei Lkw von Ort zu Ort und bringt das Kino zu Leuten auf das Land, die sonst nie die Möglichkeit hätten, einen Kinofilm auf einer Leinwand zu sehen. Sein Vater hat den Betrieb gegründet und wollte, dass seine Söhne etwas „Ordentliches“ werden. So hat Anup BWL studiert und sollte eigentlich vom Filmgeschäft auch aus gesundheitlichen Gründen ferngehalten werden. Doch während sein Bruder Arzt geworden ist, ging ihm das Kino nicht mehr aus dem Kopf. Mittlerweile hat er es von seinem Vater übernommen und verbindet geschickt den Kinobetrieb mit seinen BWL–Kenntnissen, so dass er es sich mittlerweile leisten kann, auch mal zwei Bollywood-Stars zu einer Filmvorführung mit Autogrammstunde aufs Land einzuladen. Bei seiner vielen Arbeit bleibt kaum Zeit, eine passende Frau zu finden, deshalb überlässt er diese Suche seiner Schwägerin und seinem Bruder, denn eine Liebesheirat kommt für ihn nicht in Frage.

    Mit dieser Einstellung würde er auch in Nordkorea nicht anecken. Dort wird sogar Lehrfilm-mäßig das hohe Lied der Vernunftehe gesungen. Es ist Han Yong-Sils Aufgabe, in der Veranstaltungshalle der Kooperative in Chongsan-Ri für die Landarbeiter nach der Arbeit Filme zu zeigen. Die ist für die Genossin Filmvorführerin eine sehr wichtige Tätigkeit, denn im Lande des Diktators Kim-Yong Il muss ein Film natürlich nicht nur unterhalten, sondern auch die volkswirtschaftliche Produktivität steigern und politisch-propagandistisch genau auf der Linie der Führung in der fernen Hauptstadt Pyonyang sein.

    Im Gegensatz dazu ist die Hauptstadt für Lassane, Luc und Zakaria nicht fern. Ihr Kino befindet sich in Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, aber trotzdem ist es nicht immer einfach, den gewünschten Film zu bekommen. Da muss man sich auch mal mit einer anderen Kino-Betreiberin um eine Zelluloid-Rolle streiten. Am Ende einigt man sich irgendwie immer und dann heißt es, Werbung für den Film zu machen. Im Auto durch die Straßen fahren und mit dem Megaphon kräftig die Kundschaft mobilisieren, gehört zu ihren täglichen Aufgaben. Ihr Kino selbst hat zwar kein Dach, aber immerhin einen funktionierenden Projektor und Regen ist in Burkina Faso eher die Ausnahme. Noch ist es nur von ihnen gemietet, aber die drei Glücksritter träumen davon, es eines Tages kaufen und vielleicht irgendwann auch einen richtigen Kinosaal betreiben zu können. Ihre Frauen sehen dem eher mit gemischten Gefühlen entgegen, sind die Männer doch jetzt schon kaum zu Hause anzutreffen.

    Penny in Big Piney im US-Bundesstaat Wyoming hätte vielleicht gerne diese Probleme. Die allein stehende Frau hat das Kino von ihrem Bruder und dessen Sohn übernommen. Mit Hilfe ihrer Freundinnen aus der Nachbarschaft, die unentgeltlich arbeiten, hält sie es am Leben. Reich kann sie damit nicht werden, aber es füllt ihren Lebensalltag, der nach Beruf und Erziehung der Kinder nicht mehr viel Abwechslung bot. Sie ist Filmvorführerin, Programmansage und Kassiererin in einem und ein bisschen Seelsorgerin in einer Stadt, die ansonsten nicht viel bietet.

    Uli Gaulke („Havanna, mi amor“; 2001 ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm) hat sich eines für ihn nicht unbekannten Themas angenommen. Der Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Berlin hat selbst schon einmal ein Kino mitbegründet. In „Comrades In Dreams“ ist ihm das gelungen, was einen guten Dokumentarfilm auszeichnet. Natürlich erzählt er in erster Linie eine Geschichte über Menschen, die trotz großer Unterschiede als Gemeinsamkeit die Liebe zum Film teilen, aber dabei ist nicht nur ein Film über Filmfans gelungen, sondern geschickt nebenbei auch ein Film über verschiedene Kulturen.

    Wenn die Frauen von Lassane, Luc und Zakaria ganz unverkrampft vor der Kamera mit ihren Männern ein Gespräch darüber beginnen, dass diese ihren ehelichen Pflichten nicht mehr nachkommen und nie da oder immer müde seien, dann kriegt der Zuschauer einen Einblick in die Lockerheit einer afrikanischen Kultur, die wesentlich unkompliziertere Verhaltensmuster an den Tag legt, als sie zum Beispiel in Deutschland existieren. Da wird auch mal jemand zum halben Preis ins Kino gelassen, Hauptsache er hat sein bestes gegeben. Die drei Männer verkörpern einen positiven Pioniergeist, der von Aufbruch und Leidenschaft geprägt ist und dies in einem der ärmsten Länder der Welt.

    Im krassen Gegensatz dazu zeigt sich die kommunistische nordkoreanische Gesellschaft, die geprägt ist von Ideologien und Bevormundung. Gaulke hatte bei den Dreharbeiten in Nordkorea immer jemanden dabei, der darauf achtete, was er drehte. Vieles wirkt hier wie von der Staatsführung inszeniert, es gibt Aufmärsche, pathetische Bilder und als Höhepunkt schafft es Han Yong-Sil, eine tränenreiche Rede über den verstorbenen Staatsführer zu halten, die so überzogen ist, dass man sich schon wieder fragt, ob sie vielleicht wirklich so denkt. Aber bei dem Bestreben der politische Führung, dem Filmemacher ein perfektes Bild der nordkoreanischen Gesellschaft zu zeigen, gelingt es Gaulke, gerade die Absurdität dieser Gesellschaft darzustellen. Und auch der garantiert extrem linientreuen Filmvorführerin kann Gaulke einige persönliche Momente entlocken. Aber ein bisschen kürzer hätte er die nordkoreanische Episode schon gestalten können, irgendwann wird die Selbstdarstellung, die Nordkorea betreibt, etwas ermüdend.

    Ein dagegen sehr amüsantes Beispiel für kulturelle Unterschiede gibt Gaulke am Filmbeispiel Titanic. Anup zeigt in seinem Zeltkino diesen Film nicht, wie er lachend erzählt. Es mache nicht viel Sinn, Leuten, die noch nie das Meer gesehen haben, einen Film über ein riesiges Kreuzfahrtschiff zu zeigen. Die Bevölkerung wolle einfache Filme, die nahe an ihrer eigenen Realität seien und die sehe nun mal anders aus. Wie Recht er damit hat, zeigt sich jeden Abend an seinem Kino. Die Menschenmassen, die vor seinem Zelt Schlange stehen, um den neuesten Bollywood-Film zu sehen, sprechen eine deutliche Sprache. Und beweisen, dass Indien nicht zu unrecht eine der größten Filmindustrien der Welt besitzt. Wer glaubt, ein echter Filmfan zu sein, der wird vor Augen geführt bekommen, was wirklicher Filmenthusiasmus ist!

    Von den Bildern her hat Kameramann Axel Schneppat sich ganz auf die Protagonisten konzentriert. Trotzdem variieren die Einstellungen, vor allem bei den Bildern aus Nordkorea, da hier für das Filmteam massiv Vorbereitungen getroffen wurden und man den Leuten den Gefallen getan hat, ihre sorgsam arrangierten Aufmärsche denn auch zu filmen. Aber gerade dadurch bekommt jedes Land auch visuell eine andere Note. Diese Akzentuierung wird gekonnt in der Musik weitergeführt, welche die regionalen Stile aufnimmt und die multikulturelle Wirkung von „Comrades In Dreams“ zusätzlich unterstreicht.

    Mit „Comrades In Dreams“ ist Uli Gaulke ein sehenswerter Dokumentarfilm gelungen, der bestimmt noch auf Festivals in aller Welt für Furore sorgen wird. Und damit genau das zeigt, was der Regisseur mit seiner Dokumentation beabsichtigte: Egal ob Kommunismus oder Kapitalismus, ob Kitsch à la „Titanic“ oder Bollywood - die Liebe zum Film ist völkerübergreifend und seine Weltsprache wird überall verstanden!
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